VORWORT
Einiges Widerstreben habe ich empfunden, hochedle, gottesfürchtige Frau, diese vier Kanzonen auszulegen, wie Euer Gnaden mich gebeten haben. Gelten sie doch so Innerlichem und Geisthaftem, daß die Sprache zurückbleiben muß. Denn das Geisthafte überschwingt das Sinnenhafte; und schwer läßt sich etwas vom Wesentlichen des Geistes aussagen, es sei denn aus inbrünstigem Gemüt. Und weil diese Inbrunst in mir nur schwach war, habe ich es hinausgeschoben, bis zu dieser Stunde, da der Herr mir offenbar einigen Einblick und einige Inbrunst vergönnt hat.
Es mag wohl sein, daß Euer heiliges Begehren ihn dazu bewogen hat; und wenn es so ist, dann will gewiß die göttliche Majestät, daß die Kanzonen für Euch erklärt werden. So habe ich mich zur Ausführung ermutigt, in dem Bewußtsein, niemals aus eigener Kraft etwas hervorzubringen, am wenigsten bei so erhabenem und wesentlichem Gegenstand. Demnach kann nur das Schlechte und Irrige, das sich etwa darin finden sollte, auf mich zurückgeführt werden; und so muß alles der höheren Einsicht und dem Urteil unserer heiligen Mutter, der römischkatholischen Kirche anheimgegeben werden, ihr, deren Anordnungen vor Irregehen bewahren. Unter dieser Voraussetzung, mit dem Halt der Heiligen Schrift und mit dem zu beachtenden Hinweis, daß alles Ausgesagte so weit hinter dem Wirklichen zurückbleibt wie etwas Gemaltes hinter dem Urbild, wage ich mich daran, das auszusagen, was mir gegeben ist.
Und es darf nicht verwundern, daß Gott so erhabene und aussondernde Gnaden denen hinschenkt, welchen er schon Gunst zuwendete. Wenn wir nur bedenken, wer Gott ist und wie er als Gott wirkt, mit grenzenloser Liebe und Güte, dann kann dies Geschehen nicht unbegreiflich erscheinen; hat er doch gesagt, wenn einer ihn liebe, würden der Vater und der Sohn und der Heilige Geist in ihm Wohnung nehmen (Joh 14, 23). Und das vollzieht sich so, daß ihm im Vater und im Sohn und im Heiligen Geiste zu leben und zu weilen gewährt wird, in gottgemäßem Leben, wie es die Seele in diesen Gesängen anschaulich macht.
Wohl sprachen wir in den früher ausgedeuteten Kanzonen bereits vom höchsten Grad der Vollendung, der in diesem Leben erreicht werden kann, von der Umwandlung in Gott. Allein diese Kanzonen besingen eine noch vollkommenere, kernhaftere Liebe innerhalb dieses Zustandes der Überformung. Gewiß ist es wahr, daß die früheren und auch diese von der gleichen Höhe der Überformung künden, von einer Höhe, die als solche nicht überschritten werden kann. Die Seele vermag sich jedoch innerhalb dieser Grenze mit der Zeit und mit der Einübung noch viel wesentlicher und lauterer in die Liebe einzulassen. So mag das Feuer bereits das Holz ergriffen und sich einverleibt haben, dennoch kann das Ergriffene mit zunehmender Glut sich immer stürmischer entflammen, bis zu funkensprühendem Lodern.
Und in solch lodernder Entflammtheit, muß man wissen, äußert sich die Seele hier, derart in verherrlichendes Liebesfeuer umgewandelt, daß sie ihm nicht nur geeinigt ist, sondern mit lebendigen Flammen in ihm emporsprüht. So empfindet sie es, so singt sie es in diesen Kanzonen, mit innigster Sänftigung der Liebe. In Flammen stehend bekundet sie in diesen Kanzonen einige Wirkungen solcher Brunst. In der selben Anordnung wie meine früheren Kanzonen will ich auch sie darlegen: zuerst bringe ich sie allesamt, dann mit kurzer Ausdeutung jede Kanzone für sich, und schließlich werde ich jeden Vers einzeln erklären.
LEBENDIGE LIEBESLOHE
GESÄNGE DER SEELE IN DER INNIGSTEN GOTTEINIGUNG
O regste Liebeslohe,
die zärtlich mich verwundet
bis in der Seele Kern und tiefstes Leben!
Gesänftigte, du hohe
tilg, daß mein Herz gesundet,
dem süßen Treffen tilg die Trennungsweben.
ERLÄUTERUNG
1. Nun, da sich die Seele schon ganz in der Gotteinigung entflammt fühlt, nun, da sie nach Herzverlangen von Seligkeit und Liebe überspült ist und aus der tiefsten Brunnenstube ihres Wesens ganze Ströme von Herrlichkeit hervorbrechen wie sie nach Jesu Worten solchen Seelen entquellen sollen (Joh 7, 38) da will es ihr angesichts ihrer Umwandlung in Gott und angesichts seiner erhabenen Aneignung ihres Seins wie des überreichen Schmuckes ihrer Gaben und Tugenden erscheinen, daß sie schon ganz nahe der ewigen Seligkeit ist, so nahe, daß nur noch ein leichtes und zartes Gewebe sie von jenem Leben trennt. Und da sie erfährt, wie die zarte Liebesglut in ihr bei jedem lebhafteren Aufflammen sie schon mit milder und starker Verklärung zu verklären scheint, so vermeint sie bei jedem neuen umfangenden Flammenstoß, nun würde er ihr die Seligkeit des ewigen Lebens gewähren, würde er das Gewebe des sterblichen Lebens zerreißen dies dünne Gewebe, das bei aller Durchsichtigkeit doch noch die wesenhafte Verklärung verhindert. Und so beschwört sie die Flamme, den Heiligen Geist, er möge endlich das sterbliche Leben zerreißen und sie freimachen für die holde Begegnung, darin er ihr in Wahrheit hinschenkt, was er bei jedem Treffen darzubieten scheint: ihre ganze vollendete Verklärung. Und so sagt sie:
O regste Liebeslohe
2. Um die Inbrunst, mit der die Seele in diesen vier Kanzonen spricht, aufs unmittelbarste herauszustellen, bringt sie in allen die Ausrufe « O!» und « Wie!», die ein liebevolles Beteuern hinaushauchen und bei jedem Aufklingen mehr vom Inneren offenbaren, als Worte es vermögen. Und im «O» verlautet leidenschaftliches Wünschen und beschwörendes Erflehen; und in jedem dieser beiden Sinne wird es von der Seele in dieser Kanzone verwendet. Denn hier bedrängt sie die Liebe mit Wünschen und Beschwören, sie loszulösen.
3. Diese Liebesflamme ist der Geist ihres mystischen Gatten, ist der Heilige Geist, den die Seele nunmehr in sich erfühlt, und zwar nicht nur als ein Feuer, das sie in sanfter Liebe aufzehrt und umgestaltet, sondern darüber hinaus als eine Glut, die in ihr brünstig emporlodert. Und jedes Hochflammen badet die Seele in selige Verklärung und erquickt sie mit der Labsal des ewigen Lebens. Derart wirkt der Heilige Geist in der zur Liebe umgewandelten Seele: sein inneres Tun ist Auflodern, in Stößen der Liebesglut, darin die Seele mit ihrer Willenshingabe aufgeht, aufs erhabenste mitliebend. Und solche Liebesakte der Seele sind überaus kostbar; ein einziger von ihnen ist verdienstvoller und bedeutsamer als alle früheren aus ihrem ganzen Leben vor dieser Umwandlung, wie beschaffen sie auch gewesen seien. Es waltet der Unterschied, der zwischen Habitus und Akt besteht, auch zwischen der Liebesumwandlung und der Liebesflamme entsprechend dem Unterschied zwischen dem entzündeten Holz und der von diesem Feuer bewirkten hochschlagenden Flamme.
4. So ist der Zustand der Seele in dieser Liebesumwandlung, worin sie sich zuständlich befindet, wohl dem Holz vergleichbar, das dauernd von Feuer angefallen ist; und die Akte dieser Seele gleichen der Flamme aus der Liebesglut einer Flamme, die um so stürmischer lodert, je durchdringender das verschmelzende Feuer ist. Bei solcher Glut werden die Willensregungen in eines mit der Flamme des Heiligen Geistes emporgezückt vergleichbar dem Engel, der in der Opferflamme des Manue (Ri i 2, 20) emporgehoben wurde. Es kann die Seele in solcher Umgestaltung nicht von sich aus handeln; der Heilige Geist wirkt in ihr und bewegt sie in ihren Handlungen. So sind all ihre Betätigungen göttlich, denn Gott ist der Bewegende und Wirkende. Daher scheint es der Seele bei jedem Emporlodern dieser Flamme, durch die sie auf göttliche Art mit göttlichem Auskosten liebt, sie werde jetzt von ihr mit dem ewigen Leben beschenkt, von ihr, deren Schwung sie emporhebt, zu Handlungen Gottes in Gott.
5. Das ist die Sprache, mit der sich Gott in den ausgeläuterten Seelen kündet, in den ganz entflammten. «Deine Worte zünden gewaltig», sagt David (Ps 118, 114); und der Prophet: «Sind meine Worte nicht gleich Feuer?» (Jer 23, 29). Er selber nennt solche Worte, durch Johannes' Mund, Geist und Leben (Joh 6, 64). Sie werden von den Seelen, die Ohren zu hören haben, beherzigt, von den lauter Liebenden. Solche aber, deren kranker Gaumen nur an anderen Dingen Geschmack findet, können den lebendigen Geist dieser Worte nicht verkosten, ja er schmeckt ihnen widrig. Je erhabener die Worte des Gottessohnes waren, desto heftiger waren sie diesen Unreinen zuwider. So war es, als er die so köstliche und liebreiche heilige Eucharistie erklärte; viele der ihm Lauschenden fielen von ihm ab.
6. Wenn aber die innerliche Sprache Gottes einigen mißfällt, so dürfen sie darum nicht wähnen, daß sie anderen nicht wohlgefällt, wie hier gesagt wurde. So nahm Petrus sie freudig auf: «Herr, wohin sollen wir gehen?» sagte er. «Du hast Worte des ewigen Lebens!» (Joh 6, 69) Und die Samariterin vergaß Brunnen und Krug über der Süße des von Gott ihr Gesagten. Da nun die so erhobene Seele Gott so nahe ist, daß sie in Liebesflammen aufgeht, im Empfangen des Vaters und Sohnes und Heiligen Geistes, wie soll es unglaubhaft erscheinen, daß sie ein Weniges von der ewigen Seligkeit vorausverspürt, wenn auch unter den Bedingungen dieses Lebens noch unvollkommen. Allein die Wonnen bei den inneren Flammenstößen des Heiligen Geistes sind so verklärend, daß sie der Süße des ewigen Lebens dabei innewird; und deshalb nennt sie die Flamme lebendig. Wohl ist diese Flamme immer lebendig. Aber hier wird von der Seele ihr Lebensprühendes erfahren; lebt sie doch dank ihrer Kraft geisthaftes Leben in Gott und fühlt göttliches Leben. Es ist, wie David aussagt: «Mein Herz und mein Fleisch erquickten sich am lebendigen Gott» (Ps 83, 3). Zwar tut es nicht not, ihn, den Immerlebendigen eigens so zu nennen; doch soll damit gesagt werden, daß Geist und Sinne, hingebildet zu Gott, ihn aufs Lebendigste verkosten; und das ist Leben in Gott, ewiges Leben. Nicht hätte David ihn so genannt, wenn er ihn nicht bis ins Mark verkostet hätte zwar nicht vollkommen, sondern wie in einem Hindurchschimmern des Ewigen. Und dergestalt, in solcher Flamme, wird die Seele so lebhaft Gottes inne, erfühlt sie ihn so lieblich, daß sie ausruft:
«O regste Liebeslohe.»die zärtlich mich verwundet
7. Das meint: Du, die mich zärtlich mit deiner Glut antastet! Als Flamme göttlichen Lebens verwundet sie die Seele mit Gottes Zartheit. So stark bis ins Innerste trifft und rührt sie die Seele, daß diese sich in Liebe verströmt. Es vollzieht sich an ihr, was die Braut im Hohenlied erfuhr: so aufgewühlt war sie, daß sie sich verströmt. Und so sagt sie hier: «Da der Bräutigam sprach, alsbald verströmte sich meine Seele» (Hl 5,6). Denn Gottes Sprechen ist nichts anderes als sein Wirken in der Seele.
8. Allein wie kann gesagt werden, daß die Seele von der Lohe verwundet wird, wo es in ihr doch nichts mehr zu verwunden gibt, da sie doch schon ganz vom Liebesfeuer ausgebeizt ist? Wunderbar ist es: immer wirft die Flamme bald hier, bald dort ihre Garben empor; und so ist die Liebe niemals müßig, sondern in beständiger Bewegung. Und da die Liebe zu treffen pflegt, um die Wonne der Liebe zu erregen, so trifft sie eine solche Seele, in der sie lebendig lodert, mit
dem kosenden Sprühfeuer zärtlicher Liebe, fröhlich und festlich in Liebes-Künsten und Spielen ausschwingend. So zeigte im hochzeitlichen Palast der König seiner Braut Esther
huldvolle Neigung: all seine Schätze und die Herrlichkeiten seiner Macht, damit in ihrer Seele sich ereigne, was in den Sprüchen ausgesagt wird: « Freudenreich war ich durch alle
Tage; spielte vor ihm durch alle Zeiten, spielte hin über das Erdenrund. Und meine Wonne ist es, mit den Menschenkindern zu weilen» (Spr 8, 30-31). Das meint: es ist seine Freude, sie zu erfreuen. So sind seine tieftreffenden Spiele Flammengarben zärtlicher Durchdringungen, ein immerreger Liebesbrand, der mitunter die letzte Tiefe der Seele erfaßt und versehrt:
bis in der Seele Kern und tiefstes Leben
9. In der Substanz der Seele, wohin weder die Sinne noch der Dämon reichen, feiert der Heilige Geist solches Fest. Und je innerlicher es ist, umso ungestörter und wonniger ist es auch; und je wonniger und entrückter es ist, um so reiner. Und je größer die Reinheit ist, um so überströmen der, häufiger und allgemeiner teilt sich Gott mit. Und umso überschwänglicher ist die Glückseligkeit der Geistseele, weil Gott der Bewirkende von allem ist, ohne Zutun der Seele. Es kann ja die Seele nur mithilfe der körperlichen Sinne wirken, in einer Bindung, von der sie im jetzigen Zustand sehr fern und frei ist. So ist ihre Aufgabe nur ein Erleiden Gottes, der nur so, sinnenfern, im Seelengrund wirken und bewegen kann. Und so sind alle Regungen der Seele göttlich. Doch wenn sie auch von Gott herrühren, so sind sie zugleich ihr eigen, da Gott sie in ihr mit ihr vollzieht, mit der Zustimmung ihres Willens. Die Aussage, Gott treffe sie «bis in der Seele Kern und tiefstes Leben», weist darauf hin, daß es andere, minder tiefe Mittelpunkte der Seele gibt. Wie das sein kann, muß dargetan werden. Zunächst, was den ersten Mittelpunkt angeht.
10. Die Seele, sofern sie Geist ist, gleicht nicht den ausgedehnten Körpern; ihr eignet weder «hoch» noch «niedrig», weder «tiefer» noch «flacher». Denn in ihr sind keine Teile, in ihr besteht kein Unterschied zwischen innen und außen; alles in ihr hat die gleiche Weise. Nicht in quantitativem Sinne somit hat sie ein tiefes und ein minder tiefes Zentrum. Nicht kann die Geistseele in einem Teile erleuchteter sein als in einem andern; im Gegensatz zu den materiellen Körpern ist sie gleichmäßig heller oder minder hell, ähnlich der Luft, die gleichmäßig aufgehellter oder minder aufgehellt ist.
11. Bei den Dingen nennen wir das tiefste Zentrum das, was Ziel und Grenze ihres Seins und Vermögens ist, für die Kraft ihres Wirkens und ihrer Bewegung. So hat das Feuer, so der Stein natürliche Kraft und Bewegung, die Mitte ihrer Sphäre zu erreichen, ohne darüber hinaus zu gelangen, ohne aufzuhören, dahin zu streben oder dort zu verharren, falls nicht ein unüberwindliches Hindernis den Weg verlegt. Danach ließe sich vom Stein sagen, er sei in seinem Zentrum, wenn er irgendwie in der Erde ist; denn er befindet sich in der Sphäre seines Zentrums, seiner Bewegungskraft. Dennoch läßt sich nicht von ihm sagen, er sei in der tiefsten Mitte, nämlich im Mittelpunkt der Erde. Und so bleibt in ihm die latente Kraft, sich bis zur letzten und tiefsten Mitte zu senken, wenn die behindernde Masse beseitigt würde. Wäre er jedoch dort angelangt, und wäre ihm damit die Kraft der Eigenbewegung genommen, so ließe sich von ihm sagen, er sei nun in seinem allertiefsten Mittelpunkt.
12. Die Mitte der Seele ist Gott. Ist sie bis dahin gelangt, gemäß der ganzen Fassungskraft ihres Seins und ihres Strebens und Wirkens, dann ist sie hingelangt bis zu ihrem letzten und tiefsten Zentrum in Gott; und solches begibt sich, wenn sie mit all ihren Kräften Gott auffaßt, liebt und genießt. Hat sie solches noch nicht erreichen können - wie es in diesem Leben der Fall ist, in dieser Beschränkung, darin sie wohl in Gott als ihrer Mitte dank seiner Huld und Hingabe verweilen, aber nicht bis zur letzten Tiefe gelangen kann - dann bleibt ihr noch immer Spannkraft und Neigung zu weiterer Bewegung und sie ist selbst in solcher Mitte nicht vollends befriedet, ehe sie nicht bis zur letzten Tiefe, zum Abgrund Gottes gelangt ist.
13. Die Liebe ist die Neigung der Seele, ist das Gewicht und die Kraft, die sie zu Gott hinziehen. Mithilfe der Liebe einigt sich die Seele mit Gott. Und je mehr Grade der Liebe sie besitzt, um so tiefer dringt sie in Gott ein, um so konzentrischer umringt sie sein Zentrum. So können wir sagen: so viele Grade der Gottesliebe von der Seele umspannt werden können, soviel lebendige Mitten vermag sie in Gott zu haben, eine tiefer im Innern als die andere. Dabei ist die stärkste Liebe auch die einigendste. Und von hier aus lassen sich die vielen Wohnungen verstehen, die nach den Worten des Gottessohnes im Hause seines Vaters sind (Joh 14, 2). Damit die Seele so, wie wir es darlegten, in ihrer Mitte, in Gott sei, genügt bereits ein Grad der Liebe. Denn schon durch diesen einen kann sie sich dank der Gnade mit ihm vereinigen. Zwei Grade: und die Seele hat sich nunmehr in einem tieferen Zentrum auf Gott konzentriert, in einer größeren Tiefe mit ihm vereinigt. Und bei dreien ballt sich ein noch tieferer Kern ihrer Seele mit Gott zusammen. Und wenn sie bis zum letzten Grad gelangte, dann wird Gottes Liebe
bis in den tiefsten Kraftkern der Seele treffen und sie so verwandeln und erleuchten nach ihrem ganzen Sein, nach ihrer ganzen Kraft des Empfangens und Wirkens, mit solcher Wucht, daß sie wie Gott erscheint. Vergleichbar ist sie einem durch und durch lauteren Kristall: je mehr Grade des Lichtes dieser empfängt, desto mehr Licht faßt er in sich zusammen, desto strahlender wird er. Und bis zu solcher Überfülle kann das empfangene Licht sich steigern, daß der Kristall wie eitel Licht ist, unscheidbar vom Lichte. Ist er doch nach seiner ganzen Fassungskraft von Licht durchleuchtet, und erscheint wie lauter Licht.
14. Bezeugt die Seele demnach hier, daß die Liebesflamme sie bis zum tiefsten Lebenskern verwundet, so sagt sie damit, daß es der Heilige Geist selber ist, der sie in ihrer Substanz, in ihren Fähigkeiten und Kräften überwältigt und verwundet. Sie will damit nicht sagen, daß solche Gotteinigung so wesentlich und vollständig sei wie im anderen Leben, im beseligenden Erschauen Gottes. Mag die Seele auch in diesem sterblichen Leben so hohe Vollkommenheit erreichen, wie sie hier aussagt, dennoch kann sie nicht bis zu dem vollkommenen Zustand ewiger Herrlichkeit gelangen. Nur vorübergehend könnte sich wohl das Heilvolle begeben, daß Gott ihr eine Gnade solcher Art gewährte. Hier aber will die Seele mit ihren Worten die Überfülle seliger Wonne kennzeichnen, die sie bei solchem Sichmitteilen des Heiligen Geistes erfährt. Die Beseligung ist um so größer und zarter, je kraftvoller und wesentlicher die Seele in Gott hinübergebildet und in ihm zusammengeeint ist. Und weil dies das Hehrste ist, was sie in diesem Leben erlangen kann wenn auch nicht mit der gleichen Vollkommenheit wie im jenseitigen so nennt sie es den tiefsten Kern. Freilich mag ihr der Habitus der Liebe wohl schon in diesem Leben so vollkommen eingewurzelt sein wie im jenseitigen, doch nicht so vollkommen ist ihr Akt und ihre Frucht. Und dennoch wachsen Wirkkraft und Frucht der Liebe in dieser Vereinigung bis zu einem Grade, der sich der ewigen Verklärung schon sehr annähert. Und weil die Seele es so erlebt, wagt sie zu sagen, was eigentlich nur vom anderen Leben gesagt werden kann: «bis in der Seele Kern und tiefstes Leben».
15. Weil Geschehnisse wie die hier von der Seele und ihrem Zustand ausgesagten außergewöhnlich sind und nur selten erfahren werden und deshalb Staunen und Unglauben erregen, so zweifle ich nicht, daß einige, nicht Unterrichtete und in so Hohem Unerfahrene es nicht glauben können oder es für Übertreibung halten oder es nach seiner vollen Bedeutung nicht ermessen können. Jedoch all diesen entgegne ich: Der Vater der Lichter sein Arm ist nicht verkürzt ergießt sich ohne Ansehen der Person dahin, wo ihm Raum gegeben wird, gleich dem Sonnenstrahl; heiter bietet er sich allen auf ihren Wegen und Pfaden; über die Erde hin sucht er Gemeinschaft mit den Menschenkindern, zu seiner Freude. Und es ist nicht für unglaubhaft zu halten, daß eine Seele geprüft und bewährt und geläutert und durch alle Prüfungen, Mühsale und mannigfache Versuchungen als treu in ihrer Liebe befunden das alles in diesem Leben von ihm erhält, was der Sohn verhieß: in den, der ihn liebt, würde die Heiligste Dreifaltigkeit eingehen und ihm innewohnen (Joh 14, 23). Das bedeutet: ein solcher wird in seinem Geiste göttlich erleuchtet von der Weisheit des Gottessohnes; sein Wille wird im Heiligen Geiste entzückt und machtvoll vom Vater hineingezogen in den umfangenden Abgrund seiner Huld.
16. Und wenn er einigen Seelen solches vergönnt, wie er es wirklich tut, dann ist es zu glauben, daß auch diese Seele hier nicht hinter jenen zurücksteht und von Gott mit gleichen Gnaden ausgezeichnet wird. Ist doch das, was wir hier aufzeigen, dank des Einwirkens des Heiligen Geistes etwas sehr viel Größeres als was sich beim umwandelnden Eingießen göttlicher Liebe ereignet. Der Zustand der Umwandlung ist wie eine entflammte Glut; in dem höheren ist jedoch die Glut so gesteigert, daß aus ihr lebendige Flammen emporschlagen. Und diese beiden Weisen, die Einigung nur aus Liebe und die Einigung aus auflodernder Liebe, lassen sich wohl mit dem göttlichen Feuer vergleichen, von denen nach Isaias eines in Sion brennt, das andere in Jerusalem in Weißglut flammt (Is 31, 9). Das eine Feuer bedeutet die kämpfende Kirche, darin das Feuer frommer Liebe noch nicht zu höchster Glut gesteigert ist. Das andere bedeutet« Schau des Friedens», die triumphierende Kirche, darin dies Feuer in hellsten Flammen lodert in der Vollkommenheit der Liebe. Hat die Seele auch noch nicht, wie wir sagten, jene triumphierende Vollkommenheit erreicht, so ist ihre Vollkommenheit doch im Vergleich zu der minderen Einigung wie aufflammende Weißglut, mit einem um so friedlicheren, verklärenderen und ergreifenderen Innewerden, je reiner und strahlender vergleichbar der Kohlenglut dies Flammen ist.
17. Die Seele fühlt, wie diese lebendige Liebeslohe ihr alle Heilsgüter lebendig mitteilt, denn diese göttliche Liebe ist der Inbegriff allen Heils. Und so sagt sie: «O regste Liebeslohe, die zärtlich mich verwundet!» Das ist, als sagte sie: O lohende Liebe, die du mit deinen innigen Regungen mich verklärst, wie es meine Seele nur irgend fassen und umspannen kann! Die du mir göttliche Einsicht gibst, wie sie mein Geist nur irgend aufnehmen kann, und Liebe in mich einströmst, so stark, wie mein Wille sie irgend umfangen kann, und mich beseligst im Kern der Seele mit den Ergüssen deiner Wonne bei deiner göttlichen Berührung und wesentlichen Beigesellung, so lauter, wie es irgend mein Wesen sein kann, so grenzenlos, wie es irgend mein Gedächtnis umschließt! Derartiges und mehr als sich aussagen läßt, begibt sich in der Seele, in der Weile, da in ihr solche Liebesbrunst auflodert. Dort wo die Seele in ihrem Wesen und nach ihren Vermögen, Gedächtniskraft, Willenskraft, Erkenntniskraft ganz geläutert ist, dort berührt nach den
Worten des Weisen die göttliche Wesenheit die Seele in allen Teilen (Wh 7, 2), dank deren Lauterkeit. Diese Berührung mit der göttlichen Flamme ist ein ebenso tiefes wie erhabenes Eindringen und Einschließen. Bei solchem Aufheben der Seele in die göttliche Weisheit durchbebt sie der Heilige Geist verklärend mit seinem Flammenspiel. Und so von ihm beseligt, sagt sie: Gesänftigte, nicht länger Grauenvolle!
Gesänftigte, du hohe!
18 Und damit sagt sie: Nun betrübst und bedrängst und verwüstest du mich nicht mehr wie zuvor. Solange die Seele noch im Zustand geistiger Läuterung war, solange ihre Gotterfahrung erst begann, war ihr diese Gottesflamme weniger sanft und freundlich als jetzt in ihrem Zustand der Gotteinigung. Und um solchen Unterschied begreiflich zu machen, muß ich ein wenig dabei verweilen.
19. Bevor nämlich dies göttliche Liebesfeuer verschmelzend bis in den Kern der Seele (dank deren Läuterung und vollendeter Lauterkeit) einzudringen vermag, stößt dieses Feuer, der Heilige Geist selber, verletzend in die Seele vor, zur Austilgung ihrer Unvollkommenheiten und schlechten Gewohnheiten. Mit solchen Eingriffen wird sie vom Heiligen Geist vorbereitet für die einigende Liebesumwandlung in Gott. Denn wirklich: das gleiche Liebesfeuer, das sich später mit der Seele zu ihrer Verherrlichung eint, befällt sie zuvor zu ihrer Läuterung. So wird das Holz vom selben Feuer angegriffen, ausgetrocknet und von häßlichen Eigenschaften entblößt, solange bis die Flammen in das zubereitete eindringen und mit ihm verschmelzen können. Und das nennen die geistlichen Seelen den Läuterungsweg. Bei solchen Eingriffen fühlt die Seele herbe Beeinträchtigung und in ihrem Geiste heftige Qualen, die zumeist auf die Sinne übergreifen; und so ist ihr diese Flamme sehr herb. Ist doch bei dieser vorbereitenden Läuterung die Flamme für die Seele nicht hell, sondern dunkel. Und das Licht, das von dieser Flamme mitunter gewährt wird, dient nur dazu, ihr den eigenen jämmerlichen, mangelvollen Zustand zu beleuchten. Auch ist dies Feuer nicht sanft, sondern peinvoll. Ist es auch zuweilen mit der Wärme der Liebe behaftet, so bringt es doch zugleich qualvolle Bedrängnis. Und es ist dabei nicht wohltuend, sondern trocken. Wohl mag es mitunter wohlwollend einige Lustempfindungen erregen, zur Stärkung und Ermutigung vor und nach solchen Einwirkungen; doch hat sie das mit erneuter Mühsal zu bezahlen. Nicht schafft ihr dieses Feuer befriedende Erquickung; vielmehr läßt das verzehrende, anfechtende sie hinschwinden in Selbsterkenntnis. Sein geistiges Licht, das ihr diese Selbsterkenntnis erweckt, macht sie elend und bitter und nicht verklärt. Gottes Feuer fährt in ihre Knochen, wie Jeremias sagt (Klgl i, 13); er prüft sie nach Davids Worten (Ps 16, 3) in Feuersglut.
20. Und so leidet die Seele während dieser Reifezeit in ihrer Erkenntniskraft dichte Finsternisse, in ihrem Willen große Ausdörrung und Bedrückung, in ihrer Gedächtniskraft wuchtendes Bewußtsein ihrer Jämmerlichkeit, denn zu dieser Zeit sieht ihr geistiges Auge sehr klar das eigene Selbst. Und im Seelenkern leidet sie durch ihre Schutzlosigkeit und Armseligkeit. Ausgedörrt und kalt, mitunter aber glühend wie sie ist, findet sie in nichts Erleichterung, nicht einmal einen Gedanken, der sie tröstet, nicht einmal einen Aufschwung zu Gott. Die Flamme scheint so sehr ihr Widersacher, daß sie mit Job in solchem Gotterleiden seufzen kann: «Ein Grausamer bist du für mich geworden» (Job 30, 21). Denn wenn die Seele all dies zusammen durchmacht, dann scheint es ihr wirklich, als sei Gott ihr abgeneigt und ihr grausam gesinnt.
21. Es läßt sich nicht in Worte fassen, was die Seele zu dieser Zeit leidet; fast ist es gleich dem Fegefeuer. Wie stark dieses Zuwiderwirken ist, und was die Seele dabei durchmacht, das weiß ich nur mit Jeremias zu sagen: «Der Mann bin ich, der unter seiner Zuchtrute seine Armseligkeit erfährt. Bedroht hat er mich, hineingezogen in die Finsternisse und nicht hin zum Licht: so sehr hat er seine Hand gegen mich erhoben. Er ließ meine Haut und mein Fleisch hinwelken und schrumpfen mein Gebein. Rundum schloß er mich ein und ließ mich nichts finden als Galle und Pein; in Finsternisse begrub er mich gleich den ewig Toten. Mauern türmte er um mich, zu unentrinnbarer Haft; lastender machte er meinen Kerker. Mehr noch: rief ich flehentlich empor, war er verschlossen meinem Gebet. Mit Quadersteinen versperrte er meinen Weg, und meine Fußspuren verwischte er» (Klgl 2, 19). All dieses und mehr noch sagt Jeremias. Denn wenn Gott dergestalt die Seele in ihren vielen Krankheiten zu ihrer Gesundung behandelt, dann muß sie notwendig entsprechend ihrem Siechtum unter solch läuternder Pflege leiden. So wird bei Tobias das Herz auf die glühenden Kohlen gelegt, um jede Art von Dämon herauszutreiben (Tob 6, 8). Und anders nicht soll jene Behandlung alle Krankheiten der Seele zum Vorschein bringen.
22. Die Schwächen und Unzulänglichkeiten der Seele, die in ihr festgesetzt und verborgen von ihr selber nicht bemerkt, nicht empfunden waren, werden für sie nun, kraft Licht und Glut des göttlichen Feuers, sichtbar und spürbar. So wird die dem Holz innewohnende Feuchtigkeit nicht bemerkt, bis es vom Feuer befallen wird und nunmehr das Feuchte herausschwitzt. So verhält sich die unvollkommene Seele in dieser Flamme. Zu dieser Zeit o wunderbares Geschehen! erheben sich in der Seele zwei gegensätzliche Mächte wider einander: die der Seele gegen die Gottes, von denen die Seele angegriffen wird. Und die einen heben die anderen scharf hervor, wie die Philosophen sagen; sie befehden sich im Raum der Seele, wo sie sich gegenseitig verdrängen und Alleinherrschaft erringen wollen, hier die Tugenden und Eigenschaften Gottes in höchster Vollendung, dort die höchst unvollkommenen Gewohnheiten und Eigenschaften im Reich der Seele, so daß diese nun zwei Widersacher umschließt. Übergewaltig ist das Licht dieser Flamme, das in die Seele einfällt, grell in deren übermäßigen Finsternissen. Nunmehr fühlt die Seele ihre natürlichen und lastervollen Finsternisse und deren Widerstreben gegen das übernatürliche Licht. Und nicht verspürt sie das übernatürliche Licht, das außerhalb ihres Bereiches weilt und nicht innerhalb wie ihre Finsternisse, die das Licht nicht begreifen. Die Seele empfindet solche Finsternisse nur durch den Gegensatz zum einfallenden Licht. Fiele das göttliche Licht nicht auf die inneren Finsternisse, so würde die Seele ihrer nicht gewahr. Nicht eher ist das geistige Auge rein und stark genug für das göttliche Licht, als bis das göttliche Licht die Finsternisse ausgetrieben und die Seele mit sich erfüllt hat. Erst dann gewahrt die Umgewandelte das Licht in sich. Denn übergewaltiges Licht muß im unreinen und schwachen Auge zu eitel Finsternis werden, da der übermächtige Eindruck die Fassungskraft überwältigt. Und so war jene Flamme dem Blick der Erkenntniskraft grauenvoll.
23. Da diese Flamme in sich selbst überaus lieblich ist, durchdringt sie den Willen zart und liebreich. Da jedoch der Wille an sich äußerst trocken und hart ist und die Härte nur im Gegensatz zum Zarten und die Trockenheit nur im Gegensatz zur Liebe empfunden wird, so mußte der Wille seine natürliche Härte und Trockenheit gegenüber Gott empfinden, sobald ihn die Flamme mild und huldreich ergriff; doch die milde Liebe dieser Flamme konnte er nicht empfinden, erfüllt wie er ist mit Härte und Trockenheit, die dem Gegensätzlichen, der milden Huld widerstehen. Erst wenn jene ausgetrieben sind, kann Gottes milde Liebe im Willen herrschen. Darin war also diese Flamme dem Willen zuwider, daß sie ihm seine Härte und Trockenheit schmerzlich fühlbar machte. Zudem ist die Flamme allumfassend, und der Wille eng beschränkt, so daß er seine Beengtheit beim Einfallen der Brunst empfinden muß, solange, bis daß sie ihn ausgedehnt und sich angeglichen hat. Auch ist die Flamme an sich wohltuend und gelind, der Geschmackssinn des Willens hingegen war verstimmt von ungeregelten Gelüsten, und so schmeckt ihm die köstliche Gottesliebe bitter und abstoßend. Und so empfindet auch der Wille seine Beengtheit und Stumpfheit der so wohltuenden und unbeschränkten Flamme gegenüber; er empfindet die ihm noch fremde Köstlichkeit nicht, sondern das ihm Eigene, seine Jämmerlichkeit. Und schließlich: dieser Flamme eignen ungeheure Schätze, Güte und Beseligung, die Seele aber ist in sich armselig, ohne Gutes, ohne etwas sie Stillendes; so erfaßt sie deutlich ihr Elend, ihre Armut, ihre Schlechtigkeit in unmittelbarer Nähe so beseligender Reichtümer und Güter aber diese Eigenschaften der Flamme selber erkennt sie nicht, wie denn die Schlechtigkeit nicht die Güte, die Armut nicht den Reichtum begreift. Erst wenn das Feuer die Seele vollends geläutert, sie umwandelnd bereichert, verklärt und beseligt hat, wird es von ihr begriffen. Über alles Sagen hinaus war diese Flamme gleich einem Widersacher der Seele, in deren Raum Gott, der Inbegriff der Vollkommenheit, gegen ihre unvollkommenen Gewohnheiten streitet, um sie zu schmeidigen, zu schlichten und zu durchhellen, bis zur Umwandung in sich selber vergleichbar der ins Holz eindringenden Glut.
24. Nur wenige Seelen werden so stark von dieser Läuterung ergriffen, jene nur, die der Herr zum höchsten Grade der Einigung erheben will. Je nach der Vollkommenheit, zu der er sie erheben will, und auch nach dem Maß ihrer Unlauterkeit und Unvollkommenheit greift er mehr oder minder stark in die Seele ein. So läßt sich diese Pein mit der des Fegefeuers vergleichen: denn so wie die Seelen im Jenseits geläutert werden, um Gott im anderen Leben in klarer Schau zu gewahren, so werden die Seelen hier geläutert, um sich in diesem Leben durch Liebe in ihn hinüberzubilden.
25. Meine Darlegung übergeht hier die Intensitätsgrade dieser Läuterung samt ihren Abwandlungen: wann sie die Erkenntniskraft, wann die Willenskraft und wann die Gedächtniskraft betrifft, wann und wie sie die Seelensubstanz selber ergreift, und wann alles insgesamt, ebenso die Läuterungsweise der Leibseele, die Kennzeichen für das Ergriffensein des einen Teiles oder des anderen, und zu welcher Zeit, bei welcher Gereiftheit innerhalb des geistigen Weges solche Läuterung anhebt. Dies alles habe ich schon behandelt in der «Dunkeln Nacht des Aufstiegs zum Karmel», und hier gehört es nicht zum eigentlichen Gegenstand. Es genügt hier, dies zu wissen: der eine und gleiche Gott ist es, der zur einigenden Liebesumwandlung in die Seele eindringen will und der sie zuvor mit Licht und Glut seiner göttlichen Flamme befällt, um sie vorzubereiten. So hat das Feuer, bevor es das Holz durchflammt, dieses für solches Aufgehen vorbereitet. Und die gleiche Glut, die nun der Seele wohltuend ist, da sie im Innersten von ihr ergriffen ist, sie war ihr, als sie von außen auf sie eindrang, grauenvoll.
26. Und das will die Seele zu verstehen geben, wenn sie die Flamme «gesänftigte» nennt nicht mehr grauenvolle. Es ist, als sagte sie zusammenfassend: Fortan bist du mir nicht mehr dunkel, vielmehr bist du das göttliche Licht meiner Erkenntniskraft, in dem ich dich anschauen kann. Und nicht länger überwältigst du meine Schwachheit; vielmehr bist du die Stärke meines Willens, mit der ich dich lieben und genießen kann, selber ganz in göttliche Liebe verwandelt. Und nicht länger bist du Last und Bedrängnis für meiner Seele Kern; vielmehr bist du ihr selige Wonne und Grenzenlosigkeit. Denn von mir läßt sich sagen, was im Hohen Lied gesungen wird: «Wer ist sie, die aus der Wüste hervorgeht, schwelgend in Wonnen, gelehnt auf den Geliebten, Liebe ergießend hierhin und dorthin?» (Hl 8, 5.) Ja, so ist es.
tilg, daß mein Herz gesundet
27. Sie sagt: Vollende nun und vollziehe vollkommen die mystische Ehe durch die selige Schau deiner Herrlichkeit. Solches erfleht die Seele. Wohl ist sie in diesem erhabenen Stand um soviel gottergebener und befriedigter, je tiefer sie in Liebe umgewandelt wurde; wohl ist ihr nichts bewußt, und nichts vermag sie für sich zu erbitten, und in allem meint sie den Geliebten, wie denn die Liebe nach Pauli Wort nichts für sich erstrebt, sondern nur für den Geliebten (1 Kör 13,5). Allein immer noch lebt sie in Hoffnung; und so kann sie nicht anders als immer noch eine Leere empfinden, so stark ist ihr Schmachten selbst in der köstlichen Sänftigung, ebensogroß wie die Unvollkommenheit ihrer Gotteskindschaft, bei deren beseligender Vollkommenheit ihr Verlangen zur Ruhe kommen wird. So innig sie hier schon mit Gott verbunden sein mag niemals wird sie gesättigt und beschwichtigt sein, als bis ihre Verherrlichung hereinbricht, zumal sie in ihrer Lage solche Erfüllung lechzend vorausschmeckt. Derart ist solches Vorauskosten: wenn Gott nicht auch dem Leibe Huld erwiese und der Natur zuhilfekäme, so wie er im Felsen es Moses gewährte (Ex 33, 22), seine Herrlichkeit ohne zu sterben anzuschauen, so würde bei jedem dieser Flammenstöße die Natur vergehen, da der untere Teil kein Gefäß ist, das so gewaltiges und erhabenes Verklärungsfeuer aushalten kann.
28 Und so ist dies Verlangen und das ihm entspringende Flehen ohne Qual eine Empfindung, deren die Seele in dieser Lage nicht mehr fähig ist. Vielmehr ist es ein sanftes, wohltuendes Begehren nach Übereinstimmung ihrer Sinne mit ihrem Geiste. Sie bittet, Gott möge das Trennende tilgen, wenn es ihm so gefalle; denn schon sind Wille und Trieb so einhellig mit Gott, daß ihre Seligkeit im Erfüllen des göttlichen Willens besteht. Doch solcher Art ist in diesem Gotterleiden das jähe Annahen beseligender Liebe die bei der Enge des irdischen Hauses wohl hervorbrechen, aber nicht durch die Pforte der Seele eingehen kann, daß es eher einem
Versagen der Liebe gleichkäme, nicht das Eingehen in jene Vollkommenheit und Liebesvollendung zu erflehen. Und darüber hinaus ersieht die Seele hier, daß es der Heilige Geist ist, der während dieses beglückenden Austausches, des starken Ergriffenseins durch den Gatten jene überwältigende Herrlichkeit vor ihren Augen aufschimmern läßt und sie damit anreizt und einlädt. Auf wunderbare Weise, mit sanfter Hinneigung haucht er ihrem Geiste die Worte ein, die er im Hohen Liede zur Braut sagt und die von ihr so widergegeben werden: «Hört, was mein Bräutigam mir sagt: erhebe dich eilend, du Freundin mein, du meine Taube, meine Schöne, und komm! Schon ist der Winter vorüber und der Regen wich fernhin und die Blumen sproßten zutage auf unserm Gefild. Schon kam die Zeit zum Baumschnitt, und der Turteltaube Stimme klang auf in unserm Land. Der Feigenbaum hat seine Früchte gezeitigt, und ihren Duft entsandten die erblühten Reben. Auf, meine Freundin, anmutvolle, und komm, hinein in die Felsenklüfte, in die Höhlung der Hecke! Weise mir dein sanftes Angesicht, in meinen Ohren erklinge deine Stimme; denn süß ist deine Stimme, und dein Angesicht ist schön» (Hl 2, 1014). All dies fühlt die Seele und begreift es aufs deutlichste, im erhabenen Erfahren einer Seligkeit, die ihr der Heilige Geist in seinem sanften und liebreichen Lodern aufweist, in dem Verlangen, sie in solche Herrlichkeit hineinzuziehen. Und der Aufforderung entspricht sie hier mit den Worten: Tilge endlich, wenn es dir so gefällt. Damit trägt sie dem Gatten zwei der Bitten vor, die er uns im Evangelium lehrte: «Zu uns komme dein Reich.» Und: «Dein Wille geschehe.» Es ist, als sagte sie: vollends gewähre mir dieses Reich, wenn es so dein Wille ist. Und damit dies geschehe:
dem süßen Treffen tilg die Trennungsweben!
29. Gemeint ist jenes Gewebe, das so großes Geschehen verhindert; denn leicht ist es, zu Gott zu gelangen, wenn die Hindernisse beseitigt und die Gewebe, die einer vollen Vereinigung von Gott und Seele im Wege sind, zerrissen wurden. Die Trennungsweben, die zerrissen werden müssen, damit die Seele Gott vollkommen gewinnen kann, sind dreifacher Art: zeitlicher Art, worunter alle Geschöpfe verstanden werden; natürlicher Art, wozu alle rein natürlichen Betätigungen und Neigungen gehören; sensitiver Art, worunter allein die Vereinigung der Seele mit dem Leibe verstanden wird, jenes sensitive und animalische Leben, von dem Paulus sagt: «Wir wissen, wenn dieses irdische Haus zerfällt, dann ist unsere Bleibe bei Gott im Himmel» (2 Kor 5, 1). Notwendig müssen die ersten beiden Gewebe zerrissen sein, um diese Verbindung mit Gott zu gewinnen, bei der alles Weltliche verleugnet und abgetan sein muß, alle natürlichen Triebe und Neigungen erstorben und die Betätigungen der Seele vergöttlicht. All dies wurde in der Seele getilgt kraft des herben Einfallens dieser Flamme zu jener Zeit, da sie noch Versehrte. Endet doch mit der aufgewiesenen Läuterung des Geistes die Tilgung der ersten beiden Trennungsweben, womit die Seele zu dieser Gotteinigung gelangt und nur noch das dritte Gewebe, das des sensitiven Lebens zerreißen muß. Nur dies Letzte ist noch zu durchdringen; und auch das ist bereits in dieser Gotteinigung so durchscheinend und vergeistigt geworden, daß die Flamme es nicht heftig wie die andern beiden Gewebe befällt, sondern wohltuend gelind. Und um so sanfter und köstlicher ist der Seele dieses Befallen, je mehr es ihr das Gewebe des Lebens zu zerreißen scheint.
30. Das natürliche Sterben jener Seelen, die zu solcher Gotteinigung gelangen, mag den äußeren Umständen nach dem Sterben der andern gleichen. Doch besteht in der Ursache und der Weise des Todes ein großer Unterschied: wenn die andern an Krankheit oder Altersschwäche sterben, so mögen auch diese zwar in einer Krankheit und in vorgerücktem Alter hinscheiden; allein sie werden dem Leibe entwurzelt nur durch einen Liebessturm und ein Liebestreffen, weit er
habener als die früheren, weit machtvoller und sieghafter. Nur ein solcher Sturm vermochte das Gewebe zu zerreißen und das Kleinod, die Seele zu entführen. Und so ist der Hinübergang solcher Seelen ganz sanft und verklärt, sanfter als ihnen ihr ganzes geisthaftes Leben war. Sterben sie doch in erhabeneren Liebesstürmen und köstlicheren Liebestreffen, vergleichbar dem Schwan, der am lieblichsten im Tode singt. Denn kostbar ist vor Gott nach Davids Worten der Tod seiner hingegebenen Heiligen (Ps 115, 15). Denn hier strömen zur Ganzheit zusammen alle Schätze der Seele, hier münden ein in das Meer alle Liebesströme der Seele, so breit schon und so angeschwollen gleich Meeren. Das Erste und das Letzte seiner Schätze ist hier zusammengehäuft, um den Gerechten zu begleiten, ihn, der zu seinem Reiche aufbricht und nunmehr die Lobpreisungen von den Grenzen der Erde her vernimmt, die nach Iesaias den Gerechten verherrlichen (Is 24, 16).
31. Dank dieser verklärenden Liebestreffen fühlt sich die Seele unmittelbar vor dem Aufschwung zur vollkommenen Besitznahme ihres Reiches, angesichts der Überfülle ihrer Schätze. Denn hier erkennt sie ihre Reinheit und ihre reiche Fülle an Tugenden und damit ihre Eignung; denn hier in diesem Stande läßt Gott sie ihre Schönheit gewahren und entdeckt ihr vertrauend ihre von ihm verliehenen Gnadengaben und Kräfte. Es wird ihr ja alles zu Liebe und Lobpreis, ohne Einmischung von Anmaßung und Eitelkeit, ohne Gärstoff, der den Teig verderben könnte. Und wie sie nun einsieht, daß ihr nur eines noch zu wünschen bleibt, das Zerreißen dieses dünnen Gewebes, des natürlichen Lebens, darin ihre Freiheit wie in einem Netz gefangen und behindert ist, da begehrt sie das Zerreißen der Bande und das Zusammensein mit Christus (Phil 1, 28). Und beeinträchtigt davon, daß ein so niedriges und schwächliches Leben das andere so hohe und starke Leben verhindern soll, fleht sie zu Gott: «dem süßen Treffen tilg die Trennungsweben».
32 Aus drei Gründen spricht sie von einem Gewebe: einmal wegen der Verflechtung von Geist und Fleisch; zum andern wegen der Hülle zwischen Gott und Seele; und zuletzt deshalb, weil ein Gewebe nicht so dicht geschlagen sein kann, daß nicht die Helligkeit hindurchschimmern könnte, und weil desgleichen bei dieser Verflechtung das Gewebe bereits so verfeinert, so licht und vergeistigt ist, daß die Gottheit notwendig hindurchschimmern muß. Und da die Seele nun die Gewalt des jenseitigen Lebens verspürt, drängt sich ihr die Kläglichkeit des diesseitigen auf und erscheint ihr als überaus schwaches Gewebe, ja sogar als Spinngewebe. So sagt David: « Unsere Jahre ziehen sich hin wie das Gewebe der Spinne» (Ps 89, 9). Selbst weniger als Spinnweb ist es vor einer so hoch erhobenen Seele: da sie in die Empfindungen Gottes eingegangen ist, empfindet sie die Dinge wie Gott, vor dem tausend Jahre wie das vergangene Gestern sind (Ps 89, 4). Und nach Isaias sind alle Völker, als ob sie nicht wären (Is 11, 17). Kein größeres Gewicht haben sie vor der Seele: alle Dinge sind ihr nichts, und sie selber ist in ihren Augen nichts; Gott allein ist für sie alles.
33. Hier läßt sich fragen: warum bittet die Seele mehr darum, daß dies Gewebe zerrissen, als daß es zerschnitten oder aufgelöst werde, wo doch all dies das Gleiche zu besagen scheint? Wir können sagen aus drei Gründen. Einmal ist es genauer, bei einem solchen Treffen von Zerreißen als von Zerschneiden und Auflösen zu sprechen. Zum andern ist die Liebe Freund von ungestümem Werben und kraftvollem Zusammentreffen, das eher tilgend zerreißt als zerschneidet und auflöst. Und schließlich begehrt die Liebe, daß ihr Vollzug von äußerster Kürze sei, um sich aufs schnellste zu erfüllen. Und er besitzt mehr Wert und Gewalt, je schneller und geistiger er ist; denn geballte Kraft ist wirksamer als verteilte. Und es findet die Liebe auf die gleiche Weise Eingang wie die Form in die Materie: in einem Augenblick; und bis dahin gab es keinen Vollzug, sondern nur dessen Vorbereitung. Und so vollziehen sich die geisthaften Betätigungen der Seele wie in einem Augenblick, als göttliche Eingebungen. Alles andere, was die Seele aus sich vollzieht, kann eher als vorbereitende und fortgesetzte Wünsche und Neigungen bezeichnet werden, die niemals vollkommene Liebesbetätigung und Gotterfahrung werden können, es sei denn in den Fällen, wo Gott sie formt und in einem Nu in der Geistseele vollendet. Darum sagt der Weise, das Ende des Gebetes sei besser als der Anfang (Pred 7, 9); und das Sprichwort: das kurze Gebet erschwänge die Himmel. So vermag die wohlvorbereitete Seele in kurzer Zeit zahlreichere und eindringlichere Bekräftigungen zu vollziehen als eine unvorbereitete in langer Spanne; diese bereite Seele pflegt sogar lange Zeit im gottgewährten Liebesvollzug zu verharren. Die unvorbereitete Seele gelangt nicht über die Vorbereitung des Geistes hinaus; und auch danach dringt das Feuer nicht recht in das Holz ein, bald wegen dessen Feuchtigkeit, bald wegen der geringen vorbereitenden Hitze, bald aus beiden Gründen. Allein in die gottbereite Seele dringt der Liebesakt im Nu; denn der Funke einer jeden göttlichen Berührung zündet im trockenen Zunder. Und so begehrt die liebende Seele mehr das kurze tilgende Zerreißen als das hingezogene Zerschneiden und Auflösen. Schließlich ersehnt die Seele ein schnelles Tilgen ihres Lebensgewebes; denn Abkürzen und Zuendeführen verlangt mehr Überlegung, ein Abwarten des richtigen Zeitpunktes oder einer anderen Frist, Zerreißen dagegen wartet offenbar weder auf den günstigen Zeitpunkt noch auf irgendetwas anderes.
34. Das also begehrt die Seele in dem Ungestüm ihrer Liebe: daß sie nicht auf das natürliche Ende ihres Lebens warten müsse, noch auf dessen Abkürzung zu dieser oder jener Frist. Die Gewalt ihrer Liebe und die Bereitschaft, die sie in sich fühlt, lassen sie verlangen und erflehen, dies Leben möge alsbald getilgt werden, in einem übernatürlichen Liebessturm. Sehr wohl kennt sie hier Gottes Neigung, die Seelen, die ihm vor allem lieb sind, mit sich zu entheben, nachdem er ihnen in kurzer Zeit kraft der Liebe die Vollendung geschenkt hat, die sie in ihrem gewohnten Fortschreiten nur allmählich hätten gewinnen können. Dies eben sagt der Weise: «Wer Gott wohlgefällt, der erfährt seine Liebe. Aus seinem Leben unter den Sündern wurde er hinausgehoben und verzückt, damit die Bosheit nicht seine Einsicht verzerre, die Gaukelei nicht seine Seele betrüge. In schneller Vollendung hat er viele Zeiten durchlebt. Fand Gott doch Wohlgefallen an seiner Seele; und so entzog er ihn eilends solcher Umwelt» (Wh 4, 1014). Aus diesen Worten des Weisen geht hervor, mit wieviel Recht die Seele ein schnelles Tilgen begehrt. Denn in jenen Schriftworten verwendet der Heilige Geist die beiden Ausdrücke «verzückt» und «eilends», die alles Zögerns bar sind. Das «eilends» weist auf die Beschleunigung, mit der Gott die Liebe des Gerechten vollkommen macht; und das «Verzücken» weist auf das Entrücktwerden noch vor dem natürlichen Lebensende. So ist es für die Seele gar wichtig, sich in diesem Leben im Liebesvollzug zu üben, um sich so in Schnelle aufzuzehren, und, ohne langes Verweilen hier oder drüben, Gott zu erschauen.
35. Doch warum gibt die Seele solchem Überfall des Heiligen Geistes gerade die Bezeichnung eines Treffens? Der Grund ist dieser: die Seele fühlt ja in Gott ein unendliches Verlangen, daß sich ihr Leben vollende. Und da dies erst geschieht, wenn der Zeitpunkt ihrer Vollkommenheit erreicht ist, so gewinnt sie die Einsicht, daß Gott mit diesen verherrlichenden Angriffen nach Art eines Treffens in sie eindringt, um sie zu vollenden und dem Fleisch zu entheben. Wahrhaft sind es Treffen mit dem Ziel der Durchklärung und der Enthebung aus dem Leibe. Es sind Treffen, kraft deren er immer bis zum Kern der Seele vorstößt und diese vergöttlichend über alles Sein hinaus mit seinem eigenen Sein durchtränkt. Gott traf und durchbohrte gewaltig im Heiligen Geiste, dessen Eingießungen bei so inbrünstiger Begegnung überwältigend sind. Und die Seele nennt solches Treffen süß, weil sie darin aufs eindringlichste Gott genießt. Wohl sind auch andere Berührungen und Begegnungen dieser Höhe für sie hold; allein diese sind ihr süß über alle Maßen. Wir sagten schon, Gott selber wirkt solches, um sie loszulösen und zu verklären; und darum wird sie zu dem Ausruf beflügelt: Dem süßen Treffen tilg die Trennungsweben!
36 In der Gesamtheit dieser Kanzone scheint sie zu sagen: «O Flamme des Heiligen Geistes, die du mit solch innigster Zärtlichkeit den Kern meiner Seele durchdringst und sie mit deiner seligen Glut gesundbrennst du Freundliche, geneigt, sich mir im ewigen Leben hinzuschenken, wenn mein Flehen bis anhin bei dir kein Gehör fand, da ich an Leib und Seele wegen meiner großen Schwäche und Unreinheit und matten Liebeskraft Qual und Not der Liebe erlitt und dich um Loslösung und Aufflug zu dir bestürmte, zu ungestüm liebend, um mich in die von dir auferlegte Lebensdauer zu schicken : nun denn, in diesem Jetzt, da ich in der Liebe so gestärkt bin, daß mein Herz und mein Fleisch sich am lebendigen Gott erquicken in voller Übereinstimmung der Teile jetzt, da ich gefestigt genug bin, um das zu erbitten, worum du gebeten sein willst, gefestigt genug, nicht einmal im ersten Anflug eines Gedankens zu begehren, was dir widerstrebt jetzt zerreiß das leichte Gewebe dieses Lebens, und laß es nicht durch natürlichen Ablauf, von Alter und Bejahrtheit abgeschnitten werden zerreiß es, daß ich dich unverweilt so ganz und herzhaft Heben kann wie meine Seele begehrt, ohne Schranken und Ende!»
O Flamme, mild umleckend!
O Wunde, lind zu dulden!
O holde Hand! O liebliches Durchdringen,
nach ewigem Leben schmeckend,
vergütend alle Schulden!
Todbringend willst du höchstes Leben bringen.
Erläuterung
1. In dieser Kanzone stellt die Seele heraus, wie die drei Personen der heiligsten Dreifaltigkeit, Vater und Sohn und Heiliger Geist in ihr dies göttliche Werk der Einigung wirken. Und so sind die Hand, der heilende Brand und das Durchdringen der Berührung wesentlich ein und dasselbe; und die Seele gibt ihnen diese Benennungen gemäß ihrer Wirkweise. Der heilende Brand ist der Heilige Geist, die Hand ist der Vater und die durchdringende Berührung der Sohn. Und so erhebt die Seele hier den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist und verweilt inbrünstig bei drei großen Wohltaten und Gnaden, die sie in ihr wirken sie, die ihren Tod in Leben wandeln, durch Uberformung in ihre Gottheit. Das erste ist die «Wunde, Und zu dulden»; und diese schreibt sie dem Heiligen Geiste zu; und darum nennt sie ihn einen Heilbrand, «mild umleckend». Das zweite ist Verschmecken des ewigen Lebens; und dies führt sie auf den Sohn zurück; und darum nennt sie es «liebliches Durchdringen». Das dritte ist die Vergottung, eine Gabe, wodurch sie für alles entschädigt wird; und diese legt sie dem Vater bei, und nennt sie darum «holde Hand». Und wenn sie hier auch drei nennt, wegen der Sonderart der Wirkungen, so spricht sie dennoch nur mit Einem: «Todbringend willst du höchstes Leben bringen!» Denn sie Alle wirken in Einem: und so legt die Seele alles Einem und alles Allen bei. Es folgt der Vers:
0 Flamme, mild umleckend!
2. Diese Flamme als glühendes Messer, als Heilglut ist hier der Heilige Geist. So sagt Moses: «Gott unser Herr ist verzehrendes Feuer» (Deut 4, 24). Das meint, Feuer der Liebe ein Feuer, dessen grenzenlose Gewalt die von ihm ergriffene Seele unermeßlich verzehrt und in sich verwandelt. Doch eine jede entflammt und durchdringt es gemäß ihrer Bereitschaft, die eine mehr die andere weniger; und das, so oft es will, und wie und wann es will. Und wenn solcher Liebesbrand die Seele bedrängender anfällt, dann glüht die Seele in so hochgesteigerter Liebe, daß sie mehr als alle Gluten der Welt zu glühen glaubt. Deshalb nennt sie den Heiligen Geist in solcher Verschmelzung Heilglut. So wie bei der Heilglut das Feuer eindringlicher und wirksamer ist als bei anderen Bränden, so ist der Vollzug dieser Einigung in seiner auflodernden Liebesglut gewaltiger als alle anderen und mag wegen solcher Überlegenheit wohl Heilglut genannt werden. Und weil dies göttliche Feuer hier die Seele in sich verwandelte, fühlt diese nicht nur einen durchätzenden Brand sie selber ist gänzlich zu heftiger Heilglut geworden.
3. Und es ist wundersam und rühmenswert, daß dieses Gottesfeuer zwar mit seiner verzehrenden Wucht leichter tausend Welten austilgen könnte als irdisches Feuer einen Halm, und daß es dennoch nicht die Seele, darin es derart lodert, in Nichts zerflammt, ja, ihr nicht einmal irgendeine Beschwerde macht. Vielmehr beseligt und vergottet es die Seele mit seiner sanften Durchflammung, gemäß seiner Liebesgewalt. Und so ist es dank der Lauterkeit und Vergeistigung, mit der die Seele im Heiligen Geiste brennt. Das Gleiche begab sich in der Geschichte der Apostel: als dort das Feuer mit großer Gewalt herniederkam, entflammte es die Jünger, die nun innerlich nach Sankt Gregor in sanfter Liebe entbrannten. Und nichts anderes besagen die kirchlichen Worte: «Feuer kam vom Himmel, nicht brennend, sondern erstrahlend; nicht verzehrend, sondern erleuchtend.» Da Gott in diesen Mitteilungen die Seele erheben und nicht niederdrücken will, so erdehnt und erquickt er sie. Nicht verdunkelt er sie, nicht äschert er sie ein, wie es das Feuer mit der Kohle tut; vielmehr bereichert und verklärt er sie, und darum wird er von ihr mild umleckende Flamme genannt.
4.Und so weiß die beglückte Seele alles, wenn sie als Auserwählte solche Heilglut erfährt, alles verkostet sie, alles, was sie erstrebt, vollzieht sie, niemand überwältigt sie, nichts berührt sie. Denn von solcher Seele sagt der Apostel: «Der Geistmensch urteilt über alles und ist keinem Urteil unterworfen.» Und abermals: «Der Geist erspürt alles, bis hin zu Gottes Tiefen»
(1 Kor 2, 5.10). Denn solches ist der Liebe eigen, alles Köstliche des Geliebten zu erforschen.
5.O erhabene Herrlichkeit für euch Seelen, die ihr so unvergleichlichen Feuers würdig wurdet, eines Brandes, der euch mit grenzenloser Wucht austilgen und vernichten könnte, und euch doch gewiß nicht verzehrt, sondern euch mit unermeßlicher Kraft in die Ewigkeit hinein vollendet. Nicht ist es verwunderlich, daß Gott vereinzelte Seelen bis zu solcher Erhabenheit hinaufführt; besondert sich doch die Sonne zu einzelnen staunenswerten Wirkungen; auf drei Weisen, sagt der Heilige Geist, überflammt sie die Höhen (Sir 43, 4), das meint, die Höhen der Heiligen. Bei solcher Sanftheit der Heilglut, wie wir sie hier verdeutlichten, wie köstlich muß sie wohl für die Seele sein, die von ihr berührt wird. So sehr sie es aussagen möchte sie sagt es nicht; sie verharrt mit der »Ehrfurcht im Herzen und mit einer Inbrunst im Munde, die mit dem Ausruf «O» hinausdrängt: O Flamme, mild umleckend!
O Wunde, lind zu dulden
6.Hat die Seele zuvor mit der Heilglut gesprochen, so tut
sie es jetzt mit der Wunde, die von jener bewirkt wird. Und da diese Heilglut als mild gekennzeichnet wurde, so ist das gleiche von der Wunde zu erwarten. So ist die Wunde von der milden Heilglut lind zu dulden. Da Heilglut wie Wunde aus sanftmütiger Liebe stammen, so ist ihre Lieblichkeit lind zu dulden.
7. Die Wunde, zu der die Seele spricht, ist so zu verstehen: wo das materielle Feuer hintrifft, erzeugt es immer eine Wunde; und wenn es auf eine andersartige Wunde auftrifft, so macht es diese zur Brandwunde. Und diese Eigenschaft hat der Heilbrand der Liebe: mag die von ihm betroffene Seele die Wunden des Elends und der Sünden aufweisen oder mag sie heil sein unverweilt hinterläßt er sie liebewund. Und welcher Art zuvor auch die Wunden gewesen sein mögen, sie wurden zu Wunden der Liebe. Jedoch kann die Wunde, die vom natürlichen Feuer verursacht wird, nicht wiederum durch dieses Feuer, sondern nur durch andere Arzneien geheilt werden, während die Wunde aus dem Liebesbrand durch nichts Fremdes geheilt wird, vielmehr durch den Schlagenden gesundet und wiederum im Gesunden von ihm geschlagen wird. Denn jedesmal, wenn der Liebesbrand in die Liebeswunde trifft, vergrößert er die Liebeswunde und pflegt und heilt sie um so mehr, je gewaltiger er verwundet. Je tiefer die Liebeswunde, um so heiler ist der Liebende. Das Pflegen der Liebe ist Verwunden und das Verwundete solange Verletzen, bis die ganze Seele zu einer einzigen Liebeswunde geworden ist. Und so vom Heilbrand zu einer Liebeswunde geglüht, ist sie in Liebe vollkommen heil; ist sie doch in Liebe umgewandelt. Von solcher Wunde spricht hier die Seele, gänzlich wund und gänzlich heil. Und obschon sie so verharrt, ganz wund und ganz heil, läßt der Liebesbrand in seiner Wirksamkeit nicht nach, nicht in seiner verwundenden Liebesberührung. Und in solchem Zustande köstlicher Gesundung ist seine Aufgabe die des Arztes : Wartung der Wunde. So mag die Seele hier wohl ausrufen : « O hebkosende Wunde! Du Wunde, um so köstlicher, je erhabener der Liebesbrand ist, der dich bewirkt! Ist er doch vom Heiligen Geiste entfacht; und da sein Wunsch und Willen, die Seele zu beglücken, gewaltig ist, so muß die Wunde wohl groß sein, um groß betreut zu werden!»
8.O wohltuende Wunde, von ihm geschlagen, der nur zu heilen weiß! O glückbringende, hochwillkommene Wunde, die nur zur Liebkosung gewirkt wurde, du, deren Siechtum es eigen ist, der siechenden Seele ein wonniges Geschenk zu sein! Groß bist du, Beglückende; ist doch groß, der dich schlug; und groß ist dein Wohl, entstammend aus unendlichem Liebesbrand, der dich nach seiner Allgewalt liebkost! O beglückende Wunde, um so überschwenglicher beglükkend, je mehr die beizende Flamme ins innerste Heimliche meines Seelenkernes traf, alles entzündend, was entzündbar war, um alles hinzuschenken, was geschenkt werden kann! Solcher Heilbrand und solche Wunde sind das Erhabenste, was die gotteinige Seele gewinnen kann. Wohl gibt es viele andere Weisen, wie Gott die Seele durchglüht; doch reichen sie nicht an diese heran. Denn diese ist in der Seele eine Berührung ausschließlich durch die Gottheit, ohne irgendeine Form und Gestalt des Geistes oder der Einbildungskraft.
9.Doch pflegt es eine andere, sehr erhabene Weise zu geben, die Seele geistig mit einer heilvollen Wunde zu durchglühen. Hat sie dabei auch die hier aufgezeigte Höhe noch nicht erreicht, so muß sie doch sehr entflammt sein, um das, was ich jetzt aufzeigen will, zu erleben: es kann geschehen, daß sie sich im Innern von einem Seraph angefallen und von ihm verletzt fühlt mit einem Pfeil oder Dolch, den Liebesfeuer weißglühend machte. Diese Seele, bereits wie eine Kohlenglut oder richtiger, wie eine Flamme lodernd, ist wie durchbohrt und heftig durchsengt. Und während jener Pfeil sie heilvoll durchbohrt, sprüht die Flamme der Seele empor, mit jäher Wucht, vergleichbar einer Esse, darin die Glut geschürt und die Flamme aufgestört wird. Und alsdann, beim
Zustoßen dieses glühenden Dolches, empfindet die Seele ihre Verwundung in höchster Entzückung: sanft ist sie von Grund aus aufgewühlt durch die stürmisch aufstörende Hand des Seraphs, der sie in Liebesglut hinschmelzen läßt. Zudem fühlt sie die zarte Wunde und die in Kräutern gehärtete Klinge wie eine scharfe Spitze im Kern des Geistes, gleichsam im durchbohrten Herzen.
10.Doch wer fände angemessene Worte für diesen inwendigen verwundenden Stich, der mitten ins Herz des Geistes zu treffen scheint, dorthin, wo die Seligkeit am seligsten empfunden wird! Denn dort fühlt die Seele etwas wie ein Senfkorn, winzig, quicklebendig und sehr feurig, etwas, das nach allen Seiten ein reges, glühendes Liebesfeuer ausstrahlt, durch alle geistigen und wesentlichen Adern der Seele hin. Von den kraftvollen Ausstrahlungen jenes Kernes spürt sich die Seele durchrieselt. Dabei fühlt sie ihre Inbrunst erstarken und anschwellen; und in solcher Glut vervollkommt sich die Liebe so sehr, daß sie in ihr zu Flammenmeeren zu werden scheint, die sich von einem Ende der Welt bis zum anderen erdehnen, alles mit Liebe ausfüllend. Dabei ist es der Seele, das ganze Weltall sei ein Liebesmeer und sie in ihm untergetaucht, im Liebesbranden ohne Grenzen, ohne Ende. Dabei fühlt sie in sich, wir sagten es schon, das Kraftzentrum der Liebe.
11. Von dem, was die Seele hier genießt, sei nur gesagt: sie wird gewahr, wie treffend im Evangelium das Himmelreich mit einem Senfkorn verglichen wird, das winzig klein, durch seine Treibkraft sich zu einem großen Baum entfaltet. Denn die Seele fühlt sich zu einem unübersehbaren Liebesfeuer entfacht, das aus diesem Glutkern im Herzen des Geistes hervorbricht.
12. Wenige Seelen gelangen zu so Großem; aber einige sind dahin gelangt, zumal die Seelen jener, deren Kraft und Geist sich in Erben ausbreiten soll. Denn Gott verleiht den Erstlingen des Geistes, den Gründern in dem Maße Fülle und Kraft, wie sie Jünger für Gott gewinnen sollen, durch ihre Lehre und ihres Geistes Macht.
13. Kehren wir zum Wirken des Seraph zurück, zu den Verletzungen, mit denen er das Innerste des Geistes trifft: Mitunter läßt Gott es zu, daß eine Auswirkung bis in das Bereich des Körperlichen dringt, entsprechend der inneren Verwundung. Alsdann bricht die Wunde und Verletzung nach außen hervor, wie es geschah, als der Seraph den heiligen Franz verletzte: als er ihn in der Seele mit den fünf Liebeswunden durchbohrte, da strahlte ihre Wirkung auf jene Weise bis in den Körper aus und verwundete auch ihn, entsprechend der Einprägung in der Seele, mit der Durchbohrung der Liebe. Denn Gott erweist für gewöhnlich dem Körper keinerlei Gnade, die er nicht zuvor und hauptsächlich in der Seele gewirkt hat. Und dann ist der äußere Schmerz in den körperlichen Wunden um so größer, je größer die Liebeswonne und Liebesgewalt ist, die von der Wunde innen in der Seele erregt wird. Und mit dem einen wächst das andere. Und solches geschieht, weil bei diesen geläuterten, in Gott starkmütigen Seelen eben das, was im verweslichen Fleisch Pein und Schmerz verursacht, in dem starken und gesunden Geist hold und köstlich ist. Und so ergibt sich die seltsame Erfahrung, daß der Schmerz inmitten des Wohlgefühls zunimmt. Dies Seltsame hat Job in seinen Wunden wohl verspürt, als er sich so an Gott wandte: «Wenn du dich zu mir hinkehrst, dann quälst du mich auf seltsame Weise» (Job 10, 16). Und wirklich ist es ein großes Wunder, würdig der Überfülle an Sanftmut und Süße, die Gott denen, die ihn fürchten, bereithält, daß um so stärkere Beseligung zu spüren ist, je qualvoller der Schmerz peinigt. Doch wenn die Verwundung auf die Seele beschränkt bleibt, statt sich auch dem Äußeren mitzuteilen, dann kann die Wonne durchdringender und erhabener sein. Denn da das Fleisch den Geist im Zaum hält, auch wenn es an den geistlichen Gütern Anteil hat, so zügelt es auch hier das leichte Roß des Geistes und dämpft seinen gewaltigen Schwung. Wollte der Geist seine Gewalt anwenden, dann müßte der Zügel reißen. Doch solange er nicht zerrissen ist, wird der Geist durch ihn in seiner Freiheit eingeengt. «Der verwesliche Leib,» so sagt der Weise, «belastet die Seele; und die irdische Wohnung umzwängt den Sinn des Geistes, der aus sich vieles begreift» (Wh 9, 15).
14. Dieses wurde zum Verständnis des folgenden gesagt: wer sich auf seinem Wege zu Gott ständig an natürliche Fähigkeiten und Überlegungen klammert, ist nicht sehr geisthaft. Manche wähnen, mit niedrigen, nur natürlichen Anspannungen und sinnenhaften Betätigungen zur erhabenen Kraft des übernatürlichen Geistes zu gelangen; doch dahin gelangt niemand, der nicht die leiblichen Sinne und ihre Betätigung verneint und zurückläßt. Ganz anders ist es, wenn aus dem Geiste Geisthaftes wirksam in das Sinnenhafte überfließt. Wenn solches geschieht, zeugt es eher vom Überschwang des Geistes, wie es die Ausführungen über jene Wunden zeigen, die unter innerem Druck nach außen hervorbrechen. So geschah es beim Apostel Paulus: die leidenschaftliche Vertiefung seiner Seele in Christi Qualen strömte über in seinen Leib, wie er es den Galatern bezeugt: «Ich trage an meinem Leibe die Wundmale meines Herren Jesus» (Gal 6, 17).
15. Genug wurde von dem Heilbrand und der Wunde gesagt. Wenn ihre Wirkung so groß ist, wie es hier veranschaulicht wurde, wie wird erst die Hand sein, die so heilvoll ätzt, und wie ihre Berührung? Die Seele tut es im folgenden Vers dar, mehr durch Beteuerung als durch Erklärung.
0 holde Hand! 0 liebliches Durchdringen
16. Diese Hand ist wir sagten es schon der barmherzige und allmächtige Vater. Da seine Hand ebenso großmütig und freigebig ist wie machtvoll und allumfassend, so wird sie der Seele machtvolle, umfassende Hulderweise gewähren, wenn sie sich zu Gnadengaben auftut; und darum wird sie von der Seele «holde Hand» genannt. Damit will sie sagen: «O Hand, hold für diese meine Seele, auf die du dich liebreich legst umso holder, als ein nur wenig wuchtigeres Auflegen genügen würde, die ganze Welt zu zerschmettern! Dein Blick allein läßt die Erde erbeben, die Völker hinsinken, die Berge zusammenfallen» (Ps 103,32).Und abermals, o holde Hand hart und streng wärest du für Job, als du ihn nur ein wenig rauh berührtest, für mich hingegen freundlich und huldreich bei gleich flüchtiger Berührung; um wieviel freundlicher und huldreicher bist du erst für mich, wenn du deine Hand auf mir ruhen läßt. Denn du gibst Tod, du gibst Leben; und niemand ist, der dir entrinnt, göttliches Leben! Nie tötest du, es sei denn, um zu beleben; nie verwundest du, es sei denn um zu heilen. Züchtigst du mit leisem Streifen, so ist es genug, die Welt zu zerlösen; doch willst du liebkosen, dann verweilst du mit Bedacht; und so ist die Gabe deiner Huld über alles Sagen. Du hast mich verwundet, göttliche Hand, um mich zu heilen! Du tötetest in mir, was mich begraben hielt ohne das Leben Gottes, das ich heute in mir erlebe. Und das gewährtest du verschwenderisch mit deiner großmütigen Gnade. Du gewährtest es mir mit der eindringlichen Berührung durch den Abglanz deiner Herrlichkeit und das Abbild deines Wesens (Hebr 1,3), durch deinen eingeborenen Sohn, mit ihm, der als deine Weisheit stark von einem Ende des Weltalls zum anderen reicht (Wh 8, 1). Und dieser, dein eingeborener Sohn, o barmherzige Hand des Vaters, ist die zarte Berührung, mit der du mich machtvoll durchätztest und verwundetest.
17. Du zärtliche Berührung, Sohn und Wort Gottes, der du mit dem Leisen deines göttlichen Seins dich in den Kern meiner Seele schmiegst und sie innig in dich hinüberziehst, zu göttlichen Wonnen und Wohlgefühlen, nie vernommen in Kanaan, nie gesehen in Teman! (Bar 3, 22) Du über alles zarte Berührung des Wortes, mir um so zarter angesichts der Gewalt, mit der du Berge umwälztest und Felsen am Berge Horeb allein mit dem Schatten der dir vorausgehenden Macht zerschmettertest, um dann mit zarter Kraft dich dem Propheten im Säuseln milder Luft zu offenbaren! (3 Kön 19,11 ff.) O umschwebende Luft, wie nur bist du so hauchzart, wie nur berührst du so hauchzart, Wort, Gottessohn, bei deiner bestürzenden Allgewalt? Überselig ist die Seele, die du Allgewaltiger so umhauchst! Künde solches der Welt! Allein du willst es ihr nicht künden; weiß sie doch nichts von hauchender Luft und wird dich nicht fühlen; denn sie kann dich nicht aufnehmen, nicht gewahren (Joh 14, 17). Jene werden dich gewahren, mein Gott, du mein Leben, jene werden dein Umhauchen spüren, die sich der Welt entfremdeten und sich dir schmeidigten, leise zu Leisem sich fügend und so befähigt, dich zu gewahren und zu genießen. Und diese wirst du um so einschmeichelnder berühren, je heimischer du verborgen in ihnen wohnst, je mehr ihr innerstes Wesen geschliffen und geklärt ist, je mehr entfremdet aller Kreatur, entfremdet ihrer Berührung, ihren Spuren insgesamt. Und solche verbirgst du in der Berge deines Antlitzes, des ewigen Wortes, vor den Verstörungen der Menschen (Ps 30, 21).
18. O denn abermals und viele Male: du zarte Berührung je zarter, desto stärker und gewaltiger da du mit der Kraft deiner Zartheit die Seele zerlösest und von allen anderen Berührungen absonderst und sie nur dir selber einigend zuerkennst ! Und so innige Einprägung hinterläßt du in ihr, daß ihr danach jede andere Berührung von Erhabenem wie von Niedrigem plump und unecht erscheinen, lästig dem Blick und überaus qualvoll beim Anfassen!
19. Und man muß wissen: eine Sache ist um so ausdehnungs und einwirkungsfähiger, je ungebundener sie in sich ist und sie ist um so gegenwärtiger und mitteilsamer, je feiner und zarter sie ist. Das Wort, das die Seele treffend berührt, ist.über die Maßen fein und zart. Die Seele ist das weite und aufnahmefähige Gefäß, wegen der hohen Entbundenheit und Geläutertheit, die ihr in diesem Stande eignet. O denn zärtliche Berührung, die sich um so überschwenglicher meiner Seele eingießt, je größer deine Zarte und die Reinheit meiner Seele sind!
20.Auch dies sei beachtet: je anschmiegsamer, je zarter das Antasten ist, desto durchdringenderes Wohlgefallen bringt die Berührung; ist es minder anschmiegsam, so wirkt es oberflächlicher und bedeutungsloser.
Diese göttliche Berührung hat keine Ausdehnung, kein Gewicht; denn das Wort, von dem sie ausgeht, ist fern von besonderten Weisen und frei von Form, Gestalt, zufälligen Eigenschaften, von allem, was das Wesen umzirkt und umgrenzt. Und so ist dieses wesentliche Anrühren, ausgehend vom göttlichen Wesen, unaussagbar. Noch einmal: Unsäglich zartes Anrühren des Wortes, unsäglich zart, da es sich in der Seele mit nichts Geringerem vollzieht als mit seinem ureinfachen Wesen, das als unendliches von unendlicher Zartheit ist und somit in seinem Anrühren unvergleichlich liebreich und lind!
Nach ewigem Leben schmeckend
21. Wenn auch nicht in vollkommenem Grade, so ist hier doch wirklicher Geschmack ewigen Lebens, bei solchem Berührtwerden durch Gott. Unglaublich ist derartiges nicht, wenn das Glaubwürdige nur Glauben findet: was anrührt, ist Wesenheit Gottes hinein in die Wesenheit der Seele, eine Gnade, von manchen Heiligen in diesem Leben gewonnen. So ist die Innigkeit solchen Antastens jenseits der Sprache. Auch möchte ich nicht darüber auszusagen versuchen, um nicht das Übersteigende als faßlich erscheinen zu lassen, das göttlich Erhabene, das in solchen Seelen vorgeht. Für dieses ist die richtige Sprache, es für sich zu begreifen, für sich zu empfinden und das Umfaßte schweigend zu genießen. Denn die Seele wird hier gewahr, daß solche Hulderweise jenem Stein zu vergleichen sind, der nach Johannes dem Sieger zuteil wird (Offbg 2, 17), dem Stein, darin ein Name eingegraben ist, kund nur dem, der ihn empfängt. Und so läßt sich nur eines sagen, dies eine aber gemäß der Wahrheit: «Nach ewigem Leben schmeckend.» Wird solches Anrühren auch nicht voll wie in der Seligkeit verkostet, so schmeckt es dennoch, als göttlichen Ursprungs, nach ewigem Leben. Und so genießt die Seele hier von allen Schätzen Gottes: Starkmut geht auf sie über, Weisheit und Liebe, Holdheit und Güte und vieles mehr. Weil Gott all dieses ist, genießt es die Seele insgesamt in einer einzigen Berührung durch Gott. Und so genießt die Seele mit allen Vermögen und im Kern ihres Wesens.
22.Etwas von dem Heilsgut der Seele strömt zuweilen auf den Leib über, als Salbung des Heiligen Geistes. Dann genießt das ganze sinnenhafte Wesen und alle Glieder und Knochen bis ins Mark, und nicht mit der gewöhnlichen Schlaffheit; dies ist eine starke Empfindung verklärender Wonne, spürbar bis in die letzten Gelenke von Händen und Füßen. Und so tief fühlt der Leib die Herrlichkeit der Seele mit, daß er auf seine Weise Gott erhebt. Er empfindet in seinen Knochen, was David sagt: «All mein Gebein wird künden: Gott, wer wäre dir gleich?» (Ps 34, 10) Und weil alle Aussage unzulänglich ist, so genügt es, vom Leibhaften wie vom Geisthaften zu versichern, sie kosteten vom ewigen Leben.
Vergütend alle Schulden!
23. Solches sagt die Seele, weil sie nun, im Verkosten ewigen Lebens, eine Vergütung der Mühsale verspürt jener Beschwerden, mit denen sie ihren erhabenen Stand errang.
Mit solchem Verkosten fühlt sie sich nicht nur angemessen bezahlt und vergütet, sondern überschwänglich ausgezeichnet. Wohl begreift sie nun, wie wahr die Verheißung des Bräutigams im Evangelium ist, er würde hundert für eines geben (Matth 19, 23). So hat sie bei ihrem Aufstieg keine Drangsal durchlitten, keine Versuchung, keine Kasteiung, der jetzt nicht ein Hundertfaches an tröstlicher Wonne in solchem Leben entspräche. So kann die Seele jetzt wohl versichern: «vergütend alle Schulden».
24.Um zu wissen, welcherart die Schulden sind, die der Seele beglichen erscheinen, ist zu beachten, daß keine Seele auf gewöhnlichem Wege bis zum Throne mystischer Ehe emporgelangen kann; zuvor muß sie viele Drangsale und Beschwerden überwinden. Nicht anders sagt die Apostelgeschichte, daß der Weg ins Himmelreich durch viele Drangsale führt. Doch solche Drangsale sind nunmehr überwunden, da die geläuterte Seele nicht mehr leidet.
25. Die Mühsale derer, die zu solchem Zustand bestimmt wurden, sind dreifacher Art: Mühsale, Betrübnisse, Bedrükkungen und Anfechtungen durch die Welt, und das auf vielerlei Weisen: Versuchungen, Trockenheit und andere Beschwerden durch die Sinne; Verstörungen, Finsternisse, Bedrücktheit, Hilflosigkeit, Versuchungen und andere Beschwerden durch den Geist; es ist solches die Läuterungsweise für den Bereich des Geistes wie für den der Sinne, was wir beim vierten Vers der ersten Kanzone schon erläuterten. Notwendig sind solche Mühsale für jenen Stand: wie ein erlesener Weinbrand nur in ein starkes, wohlgereinigtes Gefäß eingefüllt wird, so kann sich in der Seele jene höchste Einigung nicht vollziehen, sie sei denn zuvor durch Bürden und Versuchungen gestärkt, durch Plagen, Finsternisse und Drangsale geläutert worden. Das eine läutert und stärkt den Sinnenbereich, das andere bereitet und verfeinert den Geist. So wie die befleckten Seelen vor ihrer Einigung mit Gott in der ewigen Seligkeit noch im Jenseits die Qualen des Feuers durchleiden müssen, so müssen sie im Diesseits vor der Gotteinigung der Vollkommenheit durch das Feuer dieser Prüfungen hindurchgehen. Diese Läuterungsglut befällt den einen stärker als den anderen, manche länger als andere, gemäß dem Grad der Einigung, zu dem Gott sie erheben will, und den Unvollkommenheiten, die auszubrennen sind.
26. Diese gottverhängten Nöte für den Leib wie für die Seele bringen dieser auf herbe Weise Tugendkraft und Vollkommenheit; vollendet sich die Tugend doch in der Schwachheit (2 Kor 12, 9). Und in der Erprobung durch die Leidenschaften wird sie geformt, ebenso wie das Eisen nicht in der Phantasie des Meisters durchgeformt und gehärtet wird, sondern mit Feuer und Hammer. Vom Feuer sagte Jeremias, daß es ihm Einsicht verlieh: «Feuer sandte er in meine Knochen und verlieh mir Einsicht» (Klgl 1, 13). Und vom Hammer sagt der gleiche: «Du, Herr, hast mich gezüchtigt, und ich wurde einsichtig» (Jer 31, 18). Deshalb sagt der Prediger: «Wer nicht geprüft ist, was kann er wissen? Und wer nicht erprobt ist, weiß nicht viel» (Jer 34, 11).
27.Und hier wäre aufzuzeigen, warum so wenige zu der erhabenen Vollkommenheit der Gotteinigung gelangen: nicht deshalb bleiben es wenige, weil Gott nur wenige aus diesen Geistern so hoch erheben will, vielmehr möchte er alle vollkommen sehen. Es ist aber so, daß er nur wenig Gefäße findet, die so anfordernde Bearbeitung aushalten. Er findet sie schon bei geringfügiger Erprobung zu schwach, da sie die mindeste Entbehrung und Kasteiung scheuen. Sie werden von ihm nicht stark, nicht treu erfunden, schon beim ersten geringen Bearbeiten und Vorschleifen seiner Gnade; so gewahrt er, daß sie im Großen noch viel weniger bestehen würden; und deshalb läßt er davon ab, sie zu reinigen und vom Erdenstaub freizumeißeln, durch solche Schläge der Kasteiung, die größere Beständigkeit und Stärke erfordern.Wohl gibt es viele, die hochzugelangen begehren und die Gott hartnäckig anflehen, er möge sie zu jener Vollkommenheit hochziehen; doch wenn Gott damit beginnt, sie durch die ersten unerläßlichen Drangsale und Demütigungen voranzutreiben, dann wollen sie solches nicht mitmachen; sie entziehen ihm ihren Leib, meiden den engen Weg zum Leben und suchen den breiten ihres Trostes, den ihres Verderbens. Somit geben sie Gott nicht Raum, wenn er anhebt, das von ihnen Erbetene zu gewähren. Und so bleiben sie stehen, als untaugliche Gefäße. Sie begehrten die Höhe der Vollkommenen, doch deren Weg der Mühsale möchten sie nicht beschreiten; ja, nicht einmal bis zum Zugang des Weges, nicht einmal an die übliche Entsagung wagen sie sich heran. Solchen kann man mit Jeremias sagen: «Wenn dir zuviel ist, mit Fußgängern mitzuhalten, wie kannst du mit den Rossen wetteifern? Und wenn du Behagen im Lande des Friedens genössest, wie willst du in den Herausforderungen des Jordan bestehen?» (Jer 12, 5.) Das will sagen: Wenn dir und deinem kurzen Schritte schon das beschwerlich ist, was alle Lebenden menschlicherweise auf gewöhnlichen ebenen Strecken durchmachen, wenn es dir so beschwerlich scheint wie ein Dahinrennen, wie kannst du mit dem jagenden Pferd wetteifern, was über die gewöhnlichen Kräfte hinaus übermenschliche Leichtigkeit und Kraft verlangt! Und wenn es dir nicht beliebte, die wohlige Friedlichkeit deiner Erde, nämlich deine Bequemlichkeit aufzugeben und ihr irgendwie zu widerstreiten, dann weiß ich nicht, wie du in die reißenden Gewässer eintauchen willst, in die Tiefen geistiger Anfechtungen und Anspannungen.
28. O Seelen, die ihr sicher und getrost den Steilweg des Geistes einschlagen wollt: sähet ihr doch ein, wie notwendig es für euch ist, geduldig zu leiden, um wirklich Sicherheit und Trost zu erlangen, und wie die Seele, ohne dies Herbe das Ersehnte nicht erreicht, vielmehr zurückgleitet, dann würdet ihr auf keine Weise, weder bei Gott noch bei den Geschöpfen, Trost suchen; lieber euch mit dem Kreuz belasten, lieber euch ans Kreuz schlagen lassen und eitel Galle und Essig trinken. Ihr würdet das für ein hohes Glück halten, da euer Sterben für die Welt euch das Leben für Gott mit seinen geisthaften Wonnen schenkt. Wolltet ihr mit Geduld und Treue dies Wenige, dies Äußerliche erleiden, ihr würdet es wert, daß Gott seine Augen auf euch ruhen ließe und euch inwendiger läuterte, durch innerlichere, geisthafte Prüfungen, um euch innerlichere Güter zu verleihen. Denn viele Dienstleistungen müssen sie für Gott verrichtet, viel für ihn in beharrlicher Geduld ertragen haben, wohlgefällig müssen sie im Leben und Wirken bereits für ihn sein, bevor er sie mit so innerlichen Versuchungen auszeichnet und ihre Verdienste und Gnaden mehrt. So tat er mit Tobias, zu dem der Engel Raphael sagte, Gottes Huld habe ihm eine größere Versuchung auferlegt, um ihn so höher zu erheben (Tob 12, 18). Und so verlief sein ganzes Leben nach jener Prüfung in Freude, wie die Schrift es bekundet. Nicht anders bei Job: er stimmte zu, daß Gott seine Werke vor den guten wie den bösen Geistern pries und ihn danach durch große Prüfungen auszeichnete, durch Prüfungen, in deren Gefolge er höher erhoben wurde als je zuvor, überhäuft mit geistigen und zeitlichen Gütern.
29 Gleicherweise verfährt Gott mit denen, die er durch die wesentlichste Auszeichnung hervorheben will: er versucht sie und läßt sie Versuchung erleiden, um sie danach so hoch zu erheben, wie es nur irgend sein kann, bis zur Vereinigung mit der göttlichen Weisheit. David nennt sie im Feuer geläutertes Silber, erprobt im irdenen Ofen (Ps 11, 7), das heißt: in unserem Fleisch in einer siebenfachen Läuterung, der allergründlichsten. Ich will mich hier nicht damit aufhalten, auseinanderzusetzen, welches die sieben Läuterungen sind, wie weit eine jede von ihnen die Weisheit gewinnen hilft und wie jeder ein bestimmter Grad der Liebe in jener Weisheit entspricht. Doch aller Gewinn bleibt für die Seele in diesem Leben dem Silber gleich, von dem David spricht, wie innig die Gotteinigung auch sei. Erst im anderen Leben wird sie für sie gleich Gold sein.
30. So ist es der Seele überaus dienlich, alle gottverhängten Prüfungen in großer Geduld zu durchleiden, äußere wie innere, geisthafte wie leibhafte, schwere wie leichtere. Sie muß alle aus Gottes Hand als Heil und Hilfe annehmen und nicht vor so Heilvollem fliehen. Sie muß darin den Rat des Weisen befolgen: «Wenn der Geist des Allgewaltigen dich überkommen sollte, dann weiche nicht von deiner Stätte (nicht von dem Ort deiner Prüfung, der dich überkommenden Mühsal); denn so Heilvolles wird große Sünden tilgen.» Das heißt, es wird dir die Wurzeln deiner Sünden und Unvollkommenheiten ausroden, die schlechten Gewohnheiten. Schlägt doch die Anfechtung durch Lasten, Drangsale, Prüfungen die schlechten Gewohnheiten und Unvollkommenheiten der Seele nieder, sie derart stärkend und läuternd. So muß die Seele es höchlich schätzen, wenn Gott ihr innere und äußere Nöte schickt; sie muß einsehen, daß nur sehr wenige es wert sind, durch Heimsuchungen ausgeglüht zu werden, nur solche, die durch ihr Dulden zu solcher Höhe gelangen sollen.
31. Wenden wir uns wieder der Erläuterung zu: hier erkennt die Seele, daß ihr alles zum Heil gereichte, daß nunmehr ihr Licht nicht geringer ist als ihre Finsternisse (Ps 13 8, 12), daß sie nun wie zuvor an den Verstörungen an den Tröstungen, an dem Reiche Anteil hat. Sie erkennt es: Gott hat alle inneren und äußeren Plagen vollkommen mit göttlichen Gütern für Seele und Leib aufgewogen, so daß jeder Mühsal ein hoher Lohn entspricht. Ihre vollkommene Genugtuung äußert sie in den Worten: «Vergütend alle Schulden. » In diesem Vers dankt sie Gott, wie David ihm für die Erlösung aus Drangsalen dankt: « So viele Prüfungen du mir auch verhängtest, viele und schlimme, aus allen hast du mich befreit; aus den Abgründen der Erde hast du mich abermals herausgehoben; du hast deine Hochherzigkeit gesteigert, dich trostreich hinwendend zu mir» (Ps 70, 2021). Es war die Seele vor solchem Gnadenstande wie ausgeschlossen: wie Mardochäus saß sie vor den Pforten des Königshauses, gleich ihm, der auf Susas Plätzen die Bedrohung seines Lebens beweint, im Bußkleid, das Prunkkleid aus der Hand der Königin Esther von sich weisend, unbedankt für seine Königsdienste, für seine Verteidigung von Ehre und Leben des Herrschers (Esth 4, 1). Eines Tages werden der Seele, wie jenem Mardochäus, alle harten Dienste vergütet: sie wird nicht nur in den Palast und vor das Angesicht des Königs gerufen, selber im Prunk königlicher Gewänder ihr wird zudem Krone, Szepter und Thron verliehen und der Königsring angesteckt, damit sie im Reiche ihres Gatten nach ihrem Gutdünken walten kann. Es erreichen die so hoch Erhobenen ja alles, was sie begehren. Darin werden sie nicht allein vergütet es sind auch ihre Feinde aus dem Judenvolk getötet, diese unvollkommenen Gelüste, die ihrem geistigen Leben nachstellen. In solchem Dasein lebt sie schon mitsamt ihren Kräften und Trieben; und so fügt sie hinzu:
Todbringend willst du wahres Leben bringen
32. Da der Tod nichts anderes ist als Beraubung des Lebens, bleibt kein Schatten des Todes, wenn das Leben kommt. Im Geistigen gibt es zwei Arten von Leben: das eine ist das selige Leben, das in der Schauung Gottes besteht; und dieses kann nur durch körperlichen, natürlichen Tod gewonnen werden. So sagt es der Apostel Paulus: «Wir wissen, wenn dieses unser tönernes Haus zerbricht, dann werden wir Wohnstatt bei Gott im Himmel haben» (2 Kor 5, 1). Das andere ist vollkommenes vergeistigtes Leben, Aneignung Gottes durch Liebeseinigung. Und dieses wird gewonnen durch das gänzliche Ersterben der Laster und Triebe und der Natur selber. Und solange dies sich nicht vollzieht, kann die Vollkommenheit des vergeistigten Lebens, die Gotteinigung, nicht Wirklichkeit werden. Auch dies bekundet der Apostel: «Wenn ihr dem Fleische nachleben wollt, werdet ihr sterben, doch wollt ihr mit euerm Geiste die Regungen des Fleisches töten, werdet ihr leben» (Rom 8, 13).
33. Was die Seele hier Tod nennt, das meint den alten Menschen die Verwendung der Seelenvermögen, Gedächtnis, Erkenntnis, Wille für Weltliches, das Haften von Trieben und Neigungen am Geschöpflichen. All dies ist Betätigung des alten Lebens, das da Tod ist des neuen, geisthaften. In diesem kann die Seele nicht gänzlich leben, wenn nicht zuvor der alte Mensch gänzlich stirbt. Dem entspricht die Mahnung des Apostels, den alten Menschen abzutun und den neuen anzunehmen, der nach Gottes Bild in Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen ist (Eph 4, 22). In diesem neuen Leben, in der hier verdeutlichten Vollkommenheit der Gotteinigung wandeln sich alle Triebe und Kräfte der Seele in ihren Neigungen und Betätigungen aus Werken des Todes und der Entbehrung des geisthaften Lebens ins Göttliche.
34. Und wenn jedes Lebewesen nach der Aussage der Philosophen durch sein Sichauswirken lebt, so lebt die Seele kraft ihres Wirkens in Gott, als gottgeeinte Gottes Leben; und so hat sich ihr animalisches Leben in geisthaftes, ihr Tod in Leben verwandelt. Denn die Erkenntnis kraft, die vor dieser Einigung auf natürliche Weise begriff, mit der beweglichen Kraft ihres von den Sinnen gespeisten natürlichen Lichtes, ist nunmehr bewegt und gelenkt von Höherem, von der Urkraft des göttlichen, übernatürlichen Lichtes; in ihrer Erhobenheit über die Sinne ist sie göttlich geworden. Dank der Einigung ist ihr Erkennen nicht mehr von dem Göttlichen zu trennen. Und die Willenskraft, die zuvor auf niedrige, auf tödliche Weise mit ihrem natürlichen Empfinden liebte, ist nun umgewandelt in das Leben göttlicher Liebe; liebt sie doch erhaben mit göttlichem Empfinden, bewegt vom kraftvollen Hauch des Heiligen Geistes, in dem sie schon das Leben der Liebe lebt. Sein Wille und der ihre sind durch solche Einigung miteinander verschmolzen. Und die Gedächtniskraft, die aus Eigenem nur Gestalten und Phantasmen von Geschöpflichem festhielt, vergegenwärtigt nun, dank solcher Einschmelzung, die ewigen Jahre, von denen David spricht (Ps 76, 6). Und der natürliche Trieb, der nur geeignet war, den todbringenden Geschmack der Kreaturen zu verkosten, ist nun in göttlichen Geschmack umgewandelt und wird nun vom lebenspendenden Ursprung befriedet, von der Wonne dessen, mit dem er vereint ist. Er ist nur mehr Begehren nach Gott. Und schließlich alle Regungen, Wirkweisen und Neigungen, die aus den Kräften ihres natürlichen Lebens entsprangen, sind zu göttlichen Regungen geworden, erstorben ihren eigenen Neigungen und Betätigungen, lebendig in Gott. Als wahre Tochter Gottes wird die Seele in allem von Gottes Geist bewegt. So lehrt auch Paulus, alle, die vom göttlichen Geist angetrieben würden, seien Gottes Kinder (Rom 8, 14). Danach ist die Erkenntniskraft solcher Seele Erkenntnis kraft Gottes, ihr Wille ist Gottes Wille, ihr Gedächtnis Gottes Gedächtnis, ihre Seligkeit nichts als Gottes Seligkeit. Und die Substanz solcher Seele wohl ist sie nicht Gottes Substanz, wohl kann sie nicht ihr Wesen in ihn hinüberwandeln, allein bei ihrem Verschlungenwerden in Gott ist sie Gott durch Teilhabe an Gott. Solches ereignet sich bei der Vollendung geisthaften Lebens, wenn auch nicht in der Vollkommenheit des Jenseits. Derart ist die Seele tot für alles, was sie in sich war, und lebendig für das, was Gott in sich ist. Und so kann sie wohl von sich selber sagen: «Todbringend willst du wahres Leben bringen». Und sie darf die paulinischen Worte auf sich anwenden: «Ich lebe, doch nicht mehr ich: in mir lebt Christus» (Gal 2, 20). Auf solche Weise ist der Seele Tod umgewandelt in Gottes Leben. Und auch dieser Ausspruch des Apostels gilt für sie: «Verschlungen ist der Tod in den Sieg» (1 Kor 15, 54). Und so auch die Gottesworte, die bei Osee stehen: « O Tod! Ich werde dein Tod ein» (Os 13,14) Das ist, als sagte er: Ich, das Leben, bin Tod deines Todes; und so ist der Tod verschlungen in das Leben.
35. Derart ist die Seele in göttliches Leben aufgegangen, entfremdet allem Weltlichen und Zeitlichen, allem natürlichen Gelüst. In die Gemächer des Königs ist sie aufgenommen wo sie sich an ihrem Geliebten weidet; eingedenk, daß ihre Brüste ihm köstlicher sind als Wein, sagt sie die Worte: «Bin ich auch dunkel, so bin ich doch schön, Töchter Jerusalems» (Hl 1, 34) Meine natürliche Schwärze verwandelte sich in die Schönheit des Himmelskönigs.
36 In diesem vollkommenen Lebensstande befindet sich die Seele innerlich wie äußerlich immer in festlicher Stimmung ; und häufig formt sich in der Kehle ihres Geistes ein machtvoller Gottesjubel, eine neues, immerneues Lied, erfüllt von frohlockender Liebe im Bewußtsein ihrer verklärenden Hoheit. Mitunter sagt sie, beim Auskosten ihrer Glückseligkeit, im Geiste jene Worte Jobs: «Mein Glanz wird sich immer erneuern; und meine Tage werden sich dehnen gleich der Palme» (Job 29, 20). Das meint: Gott, selber stets gleichen Wesens, erneuert alle Dinge, wie auch der Weise sagt. Er, dem ich in Beseligung geeint bin, wird meine Beseligung ständig erneuern, er wird sie nicht, wie zuvor, hinwelken lassen. Und meine Tage werden sich dehnen gleich der Palme; das meint, es werden meine Verdienste sich zum Himmel dehnen, gleich den aufstrebenden Wedeln der Palme. Denn die Verdienste der Seele in solcher Gotteinigung sind groß an Zahl und Wert. Und zumeist singt sie in ihrem Geiste zu Gott empor, wie David es im Psalm anstimmt: «Dich will ich erheben, Herr, da du mich aufnimmst,» und zumal die letzten Psalmenworte: «Meine Tränen hast du mir in Jubel verwandelt... von mir nähmest du die Trauerkleider und hülltest mich in Glückseligkeit» (Ps 29, 12). Weil du meine Traurigkeit von mir nähmest und mich deine Herrlichkeit aussingen ließest, Herr, mein Gott, so will ich dich ewig lobpreisen. Und es ist nicht verwunderlich, daß die Seele so überaus häufig bei solchem Gottesgenuß in Gottesjubel und Gotteslob sich ergeht. Denn sie ererkennt nicht nur die empfangenen Gnaden, sie fühlt überdies Gottes Eifer, sie mit kostbaren, sanften und liebreichen Worten zu beschenken, als gäbe es niemanden auf der Welt zu beschenken außer sie, als gälte alles Bemühen einzig ihr. Und wie sie es fühlt, so bekennt sie es, gleich der Braut im Hohenliede: «Mein ist der Geliebte, und ich bin sein» (Hl 2, 16).
O Leuchten voll von Brünsten,
dank deren Widerscheine
des Sinns abgründige Höhlen ohne Enden
nicht länger blind von Dünsten
in fremder Himmelsreine
dem Liebsten beides, Licht und Wärme, spenden!
Erläuterung
1. Hier möge Gott mir seine Gunst gewähren. Denn ich bedarf ihrer wahrhaftig gar sehr, um die Tiefe dieser Kanzone auszudeuten. Und wer diese Deutung lesen wird, bedarf des Aufmerkens. Denn wenn er keine Erfahrung besitzt, mag sie ihm etwas dunkel und weitläufig scheinen, während sie für den Erfahrenen klar und erquickend sein wird. In dieser Kanzone dankt die Seele ihrem Gemahl inbrünstig für die erhabenen Gnaden, die ihr aus der Einigung mit ihm hervorgehen. Und sie spricht ihm von den zahlreichen und tiefen Einsichten in das eigene Wesen, die allesamt liebreich ihre Kräfte und Sinne erleuchten und durchflammen. Kräfte und Sinne der Seele, vor dieser Einigung dunkel und blind, sind jetzt erhellt und liebeglühend genug, um dem, der sie erleuchtete und entzündete, Liebe und Glut zurückzuschenken. Ist doch der wahrhaft Liebende erst dann befriedigt, wenn er alles, was er ist und wert ist, alles, was er besitzt und empfängt, dem Geliebten zubringt. Und je mehr er es ist, desto inniger erfreut ihn das Hingeben. Darüber jubelt die Seele, daß sie mit der empfangenen Erleuchtung und Liebe den Geliebten anstrahlen und lieben kann.
0 Leuchten voll von Brünsten
2. Zwei Eigenschaften haben die Leuchten: sie erhellen und erwärmen. Zum Verständnis dieser Leuchten, von denen die Seele erwärmt und erhellt wird, sei gesagt: Gott ist in der Ganzheit seines einfachen Wesens die ganze erhabene Kraft seiner Eigenschaften. Allmächtig ist er, weise und gut, barmherzig und gerecht, stark und hebreich und eine Unendlichkeit von Herrlichkeiten, die wir nicht kennen. Da er all dieses in seinem einfachen Wesen ist, und mit der Seele vereinigt ist, mag er ihr wohl den Sinn öffnen und sie in ihm all diese Kräfte und Herrlichkeiten gewahren lassen, darunter seine Allmacht, Weisheit, Güte, Barmherzigkeit. Wohl mag er sie einsehen lassen, wie jede dieser Eigenschaften das Wesen Gottes selber ist, in einer Person verdeutlicht, im Vater oder im Sohne oder im Geiste, wobei jede Eigenschaft Gott selber ist und Gott unendliche Liebe und unendliche Feuersbrunst. Jede dieser unzählbaren Eigenschaften leuchtet und wärmt wie Gott; jede gleicht einer Fackel, die der Seele zugleich Licht und Liebesglut spendet.
3. Und weil die Seele in einem einzigen Vollzug der Gotteinigung die Einsicht in diese Eigenschaften gesamthaft empfängt, so ist ihr der eine Gott zugleich die Vielzahl seiner Eigenschaften, die jede für sich ihr in Weisheit leuchten und in Liebe glühen. Eine jede nimmt sie als unterschieden wahr; von einer jeden wird sie zur Liebe entflammt. So hebt die Seele, von jeder einzelnen und von allen zusammen entflammt, sie alle einzeln und zugleich in ihrer Gesamtheit. Wie all diese Eigenschaften ein einziges Wesen sind, so sind all diese Leuchten eine einzige Leuchte, die mit ihren Eigenschaften und Kräften gleich vielen Leuchten strahlt und glüht. Bei dem Auffassen solcher Leuchten, bei diesem einen Vollzug hebt die Seele dank jeder einzelnen und dank aller zusammen, in einer Liebe dank jeder einzelnen zu jeder einzelnen, dank ihrer Gesamtheit zu ihrer Gesamtheit. Denn die Strahlung jener Leuchte aus Gottes Sein, insofern er allmächtig ist, erleuchtet und entflammt ihre Liebe zu Gott dem Allgewaltigen. Hier ist ihr die Gottheit eine Leuchte der Allmacht, nach dieser seiner Eigenschaft sie erhellend.
Und die Strahlung aus Gott, der Weisheit ist, schenkt ihr erleuchtende und durchglühende Liebe zu Gott dem Allweisen. Der Glanz jener Leuchte, Glanz des Gottes, der Güte ist erleuchtet und entflammt die Seele in Liebe zum allgütign Gott; und so ist Gott für sie eine Leuchte der Güte, und auf gleiche Weise eine Leuchte der Gerechtigkeit und des Starkmutes, der Barmherzigkeit und aller anderen Eigenschaften, die hier der Seele insgesamt in Gott gegenwärtig werden. Das Licht, das sie von allen zugleich empfängt, überträgt auf sie Gottes glühende Liebe, mit der sie wiederum Gott liebt, ihn, der alle diese Dinge ist. Bei solcher Wesenskundgabe, die Gott der Seele gewährt, wohl der höchsten Gnade in diesem Leben, ist er für sie gleich unzählbaren Leuchten, die Gotteskunde und Gotteshebe bringen.
4. Diese Leuchten sah Moses auf dem Berg Sinai, als Gott vorüberging und er sich niederwarf und einige dieser Ausstrahlungen nannte: «Herr, König der Könige, barmherziger, sanftmütiger Gott, geduldiger, mitfühlender, wahrhaftiger, der du Nachsicht übst gegen Tausende, der du hinwegnimmst die Sünden, Übeltaten und Verbrechen; denn niemand ist vor dir unschuldig aus eigenem Vermögen» (Ex 34,67). Wie hieraus hervorgeht, waren die höchsten Eigenschaften und Kräfte, die Moses in Gott gewahrte, Allmacht, Herrschaft, Göttlichkeit, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Aufrichtigkeit. Das war erhabenste Auffassung Gottes und entsprechende Zuwendung an Liebe; und nicht minder erlesen war die Liebesbeglückung, die er hierbei empfand.
5. Die Seligkeit, die sich bei solcher Liebes Verzückung in die Seele ergießt und die von der feurigen Helligkeit der Leuchten ausgeht, ist staunenswert und grenzenlos. Überwältigend strömt ihre Fülle aus vielen Leuchten; und schon jede einzelne von ihnen entflammt zur Liebe; und die Glut der einen steigert die Glut der anderen, und die Flamme der einen auch die Flamme der anderen, so wie das Licht der einen auch das Licht der anderen. Denn in einer der göttlichen Eigenschaften werden die anderen miterkannt, und so sind sie alle zusammen ein Licht und ein Feuer, und jede von ihnen ein Licht und ein Feuer. Und nun ist die Seele unsäglich übergegangen in lichte Flammen, in jeder innig durch Liebe versehrt und in ihnen allen noch tiefer verwundet. Und sie lebt in Liebe das Leben Gottes, sehr wohl innewerdend, daß solche Liebe dem ewigen Leben eignet, ihm, das Zusammenfassung alles Werten ist. Jetzt, wo die Seele in gewisser Weise solch jenseitige Seligkeit erfährt, erkennt sie tief, wie wahr der Bräutigam im Hohenliede aussagt, es seien die Leuchten der Liebe Leuchten feuriger Flammen. «Wie schön schreitest du einher in deinen Prunkschuhen, Tochter des Fürsten» (Hl 7, 1). Wer könnte das Strahlen deiner Freude wiedergeben und deine nie erschaute Majestät in der Strahlkraft und Liebe deiner Leuchten!
6. Es berichtet die Schrift, daß eine dieser Leuchten einst vor Abraham aufglänzte und in ihm die Finsternis der Furcht erregte; denn diese Leuchte war eine solche strenger Gerechtigkeit, die den Kananäern widerfahren sollte (Gen 15, 1217). Wenn alle diese Leuchten göttlicher Bekundungen dir, o reichbegünstigte Seele, freundschaftlich und liebreich erstrahlen, wie weit wird die ihnen entstammende Liebeswonne die in Abraham erregte dunkle Furcht übertreffen I Und wie vielfältig, wie auserlesen wird deine Freude sein, da du aus allen und in allen Liebe und Liebesgenuß empfängst, und Gott sich deinen Vermögen nach seinen Eigenschaften und Kräften mitteilt! Denn wenn ein Liebender dem Geliebten wohltun will, dann tut er ihm wohl nach seiner Kraft und Eigenheit. Und so sind die Hulderweise deines Gatten nicht geringer als sein Wesen. Allmächtig, begünstigt und liebt er dich mit Allmacht; weise ist er, und du fühlst, daß er voll Weisheit dich liebt und begünstigt; unendlich gut ist er, und du fühlst, daß er dich voll Güte liebt;
heilig ist er, und du fühlst, daß er dich in Heiligkeit liebt und bgnadet; er ist gerecht, und du fühlst, daß er dich gerechterweise liebt und begnadet; der Barmherzige und Milde läßt dich seine Barmherzigkeit und Sanftmut empfinden. Gemäß seinem starken und zarten, seinem hehren Wesen liebt er dich, du fühlst es, in starker und zarter, in hehrer Weise; und da er makellos lauter ist, so fühlst du, daß er dich in aller Lauterkeit liebt. Da er wahr ist, fühlst du, daß er dich in Wahrheit Hebt; und da er freigebig ist, erkennst du, daß er dich aus seiner Freigebigkeit liebt und begnadet, ohne Eigennutz, nur um deines Wohles willen. Und da er die Tugend höchster Demut ist, liebt er dich mit höchster Demut und höchster Schätzung. Er gleicht dich, Seele, sich selber an; er zeigt sich dir freudig auf diesem Wege der Selbstbekundung, mit diesem seinem Antlitz voller Huld. Und zu deinem großen Jubel sagt er dir in seinem Sicheinen: «Dein bin ich und für dich. Und wohl gefällt mir, der zu sein, der ich bin, um mich so groß dir hinzugeben und dein zu sein.»
7. Wer könnte wiedergeben, was du fühlst, glückliche Seele, in dem Bewußtsein, so geliebt und so erhebend geschätzt zu werden. Dein Leib — das ist, dein Wille — kann wie bei der Braut einem Weizenhaufen, umkränzt und überdeckt von Lilien, verglichen werden; denn während du diese Körner, das Lebensbrot genießest, erfreust du dich zugleich an den Lilien der Tugenden, die dich umgeben. Diese sind die Töchter des Königs, die David nennt, die dich mit Myrrhe und Ambar und anderen aromatischen Gewürzen erquicken; denn was dir der Geliebte von seiner Holdheit und Kraft bekundet, das kommt zu dir gleich seinen Töchtern, das versenkt dich so tief, überströmt dich so gewaltig, daß du auch der Brunnenstube des lebendigen Wassers gleichst, dem Becken jenes Quells, der vom Libanon, von der Gottheit herniederbraust (Hl 4, 15). Darin wirst du wunderbar beseligt, in der harmonischen Gesamtheit deiner Seele und sogar deines Leibes. Unter göttlicher Bewässerung bist du gänzlich ein Paradies geworden in Erfüllung des Psalmenwortes: «das Ungestüm des Flusses erfreut Gottes Stadt» (Ps 14, 5)
8. Zu dieser Zeit flutet die Seele staunenswert über von göttlichen Wassern. So überflutet ist sie selber zur ergiebigen Quelle geworden, die allseits von göttlichen Wassern übersprudelt. Gewiß, die hier veranschaulichte Gotteserfahrung ist Licht und Feuer aus göttlichen Leuchten; allein dies Feuer ist hier so sanft, daß es trotz seiner Übergewalt dem Wasser des Lebens gleicht, das der Geist erlechzte und woran er sich nun ersättigen kann. So mögen diese Feuerleuchten auch als des Geistes lebendiges Wasser angesehen werden, vergleichbar der Kraft, von der die Apostel überkommen wurden: es waren Feuerleuchten, und doch waren es auch lautere Wasser. So nannte sie Ezechiel, als er dieses Herabkommen des Heiligen Geistes voraussagte, mit Gottes Worten: «Lauteres Wasser will ich über euch ausgießen, meinen Geist will ich in eure Mitte senden» (Ez 36, 25). So ist dieses Feuer auch Wasser, wie es vorgebildet ist durch das, Opferfeuer, das Jeremias in der Zisterne barg: Wasser war es in solcher Verborgenheit; und Feuer war es, wenn es zum Opfern herausgehoben wurde. Soweit Gottes Geist in den Adern der Seele verborgen ist, gleicht er mild erquickendem Wasser, das ihr Dürsten löscht. Soweit sich die Seele den Opfern der Gottesliebe hingibt, ist Gottes Geist aufloderndes Feuer, ist er gleich Leuchten im Vollzug der Liebeshingabe, gleich den Flammen, die der Bräutigam im Hohenliede erwähnt. Wohl genießt die Seele solche Ausstrahlung gleich stillenden Wassern; allein sie nennt sie Flammen, weil sie sich hier in Gottesliebe hinopfert. Und weil die Seele in solcher Mitteilung des Geistes zur Ausübung der Liebe entzündet, zum Vollzug der Liebe entflammt wird, spricht sie lieber von Leuchten als von Wassern: «O Leuchten voll von Brünsten!» Alles, was in dieser Kanzone ausgesagt werden kann, ist weniger als das Gegebene: unaussagbar ist die Um Wandlung der Seele in Gott. Alles umfassen diese Worte: Gott hat die Seele vergottet durch Teilhaben an ihm und seinen Eigenschaften. Diese werden von der Seele hier als Feuerleuchten gefaßt.
dank deren Widerscheine
9. Zum Verständnis solchen Widerscheines und des Mitscheinens der Seele sei dargelegt: diese hin und widerstrahlenden Lichter sind die liebreichen Einsichten, die von jenen Leuchten, den Eigenschaften Gottes in die Seele eingestrahlt werden. Und sie selber, gottgeeint mit allen Kräften, erstrahlt gleich jenen, in liebreichen Gottesschein umgewandelt. Und dieses strahlende Leuchten, darin die Seele auch Liebesglut hinausstrahlt, ist nicht wie der Schimmer natürlicher Lampen, die nur ihren Umkreis erhellen, aber nicht das, was in ihrem Kern ist. Die Seele ist im Kern dieser Strahlen, und so sagt sie: in deren Widerscheine, und sie ist nicht nur in solchem Glanz, mitglänzend wird sie in ihn umgewandelt. So können wir sie mit der Luft innerhalb der Flamme vergleichen, die erhitzt zur Flamme wird; denn die Flamme ist nicht ohne mitbrennende Luft; und die Bewegungen und Strahlen dieser Flamme werden nicht allein von der Luft und nicht allein vom Feuer verursacht, vielmehr vom Zusammenwirken beider, wobei es das Feuer ist, das sie der Luft in ihrem Innern mitteilt.
10. So mag es begreiflich werden, daß die Seele mit ihren Kräften im Schosse göttlichen Glanzes durchhellt wird. Und die Bewegungen dieser göttlichen Flamme, ihre lodernden Schwingungen werden nicht von der Seele allein vollzogen, die in die Flammen des Heiligen Geistes gewandelt wurde, und nicht vom Heiligen Geist allein, sondern von ihm mit der Seele zusammen; er ist der Beweger, wie das Feuer für die durchglühte Luft. Und diese Bewegungen von Gott und der Seele zusammen sind nicht nur Schein und Widerschein, sondern auch gloriengleiche Verklärungen in der Seele. Es sind diese auflodernden Schwingungen heitere Spiele und Feste des Heiligen Geistes in ihr, wie wir in dem zweiten Vers der ersten Kanzone schon dargelegt haben. Immer scheint er ihr in solchen Spielen das ewige Leben gewähren, sie vollends in seine untrübbare Herrlichkeit hinüberziehen zu wollen, sie in aller Wirklichkeit in sich hineinnehmend. Denn alle Wohltaten, die ersten wie die letzten, die größten wie die geringsten, werden der Seele von Gott in der Absicht erwiesen, sie in das ewige Leben zu erhöhen so wie die Flamme all ihre lodernden Bewegungen mit der erhitzten Luft vollführt, um diese in die Mitte ihrer eigenen Sphäre mitzuerheben, in einem ständigen Ringen nach engerer Verschmelzung. Doch wie die Flamme nicht ohne weiteres die erhitzte Luft mit sich reißen kann, da diese in ihrer eigenen Sphäre beharrt, so können die überaus wirksamen Schwingungen des Heiligen Geistes wohl die Seele mit Himmelsfreuden durchgluten, allein nicht vollends beseligen bevor ihre Stunde gekommen ist und sie aus der Sphäre der Luft, aus dem Leben im Fleisch, in die Mitte des Geistes emporgetragen wird, zum vollkommenen Leben in Christus.
11. Allein diese Bewegungen der Leuchten sind eher Schwingungen der Seele als Bewegungen Gottes; denn Gott bewegt sich nicht. Und diese Einblicke der Seele in die Glorie sind fest, vollkommen und beständig, erfüllt von der steten Heiterkeit Gottes, wie sie es dann auch in der Seele sein wird, ohne Anschwellen und Abschwellen, ohne unterbrechende Bewegungen. Drüben wird die Seele klar erkennen, daß Gott in sich selber sich nicht bewegt, so wenig wie sich das Feuer in seiner Sphäre bewegt, wenn es ihr im Diesseits auch schien, daß Gott sich in ihr bewege. Nur weil die Seele noch nicht vollkommen verklärt ist, erscheint ihre Erfahrung der Seligkeit noch von jenen Erschütterungen und Flammenzungen durchbebt.
12. Was ich sagte und was ich noch hinzufügen werde, das wird die unvergleichbare Kraft dieser Leuchten klarer erkennbar machen. Diese Glanzfülle wird auch Überschattung genannt. überschatten bedeutet soviel wie Schatten werfen und mit seinem Schatten schützen und begünstigen; denn wer jemanden mit seinem Schatten deckt, ist nahe zu dessen Schutz und dessen Begnadung. Als der Botenengel Gabriel der Jungfrau Maria ihre hohe Begnadung kundgab, ihre Empfängnis des Gottessohnes, da sagte er: «Der Heilige Geist wird auf dich herabkommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten» (Lk i, 35).
13. Es ist eines, ob ich in meiner Erläuterung von Gottes Überschatten oder von seiner Glanzfülle spreche. Denn jeder Gegenstand wirft Schatten gemäß seiner Beschaffenheit: ist der Gegenstand dicht und dunkel, dann wirft er einen dunkeln Schatten, ist er hell und durchscheinend, so ist auch sein Schatten hell und fein; so ist der Schatten von etwas Dunklem ihm entsprechend ein anderes Dunkles, und der Schatten von etwas Hellem ihm gemäß eine andere Helle.
14.Da nun diese Kräfte und Eigenschaften Gottes, die von der Seele als feurig hinausstrahlende Leuchten empfunden werden, ihr so nahe sind, muß sie notwendig von deren Schatten berührt werden, von Schatten, die entsprechend ihrem glühenden, strahlenden Ursprung gleichfalls von feuriger Leuchtkraft sind. So ist der Schatten, den Gottes leuchtende Schönheit auf die Seele wirft, wiederum Schönheit, beschaffen wie die göttliche Urschönheit. Der Schatten seiner Stärke ist eine andere Stärke gemäß der Stärke Gottes. Der Schatten aus Gottes Weisheit ist andere Weisheit Gottes, ihr getreuer Abglanz. Das gleiche gilt für die anderen Leuchten; oder richtiger: es ist Gottes Weisheit selber, seine Schönheit, seine Stärke selber als Uberschattung; denn die Seele könnte im Diesseits das unmittelbare Licht noch nicht begreifen. Da aber diese Überschattung in ihrer Gottgemäßheit Gott selber ist, so erkennt die Seele sehr wohl Gottes Einzigartigkeit in der Überschattung.
15. Wie wird der Heilige Geist diese Seele mit seinen Kräften und Eigenschaften, den herrlichen, überschatten, wo er der Seele so nahe ist, daß er sie nicht nur mit Schatten berührt; sie ist vielmehr mit ihm in Glanz und schattendem Abglanz vereint, und sie begreift und genießt in einer jeden der überschattenden Leuchten seine Wesenheit und Eigenheit. Sie begreift und genießt die göttliche Macht in der Überschattung der Allmacht, begreift und genießt, von ihr überschattet, die göttliche Weisheit, und so die unendliche Güte, umschlossen von ihrem Überschatten, und so alles weitere. Und endlich: sie genießt Gottes Seligkeit in sich dank der Überschattung mit seiner Seligkeit, darin sie die besondere Weise seiner Herrlichkeit verkostet. Und all dieses vollzieht sich in den lichten und feurigen Überschattungen durch jene lichten und feurigen Leuchten. Und sie insgesamt sind eine Leuchte des einen, einfachen göttlichen Seins, das hier vor der Seele auf all diese Weisen erstrahlt.
16. Was wird die Seele hier empfinden, da ihr jene Schau Ezechiels Erfahrung wird: das Lebewesen mit vier Gesichtern und in einem Gefährt mit vier Rädern, «seine Erscheinung glühend wie Kohlen und wie ein Anblick von Leuchten» (Ez i, 13); und sein weiteres Gesicht: das Rad, Bild göttlicher Weisheit, «voller Augen innen und außen», (d.h. voll dieser Mitteilungen Gottes und Ausstrahlungen seiner Kräfte). Und gleich dem Propheten vernimmt die Seele jenes « Gedröhn des göttlichen Schrittes, gleich dem Schreiten von Scharen und von Heeren», als Ausdruck vielfacher göttlicher Erhabenheiten, die sie einzeln erkennt in dem einen Gedröhn des Schrittes, mit dem Gott ihr entgegenkommt. Und schließlich genießt sie «das Brausen seines Flügelschlages», das nach dem Propheten «brausenden Gewässern glich, Ertönen des höchsten Gottes» (Ez 1, 24). Das deutet auf das Ungestüm der göttlichen Gewässer, von denen sich die Seele überströmt und beseligt fühlt, auf ein «ungestümes Schwingenfächeln» des Heiligen Geistes hinein in die Flame der Liebe. Hierin labt sie sich an Gottes Herrlichkeit in einem Gleichnis und Schatten wie denn auch der Prophet sagte daß jenes Lebewesen und jenes Rad Gleichnis der Herrlichkeit Gottes seien. Wie hoch erhoben sich nun die beglückte Seele findet, wie klar sie ihre neue Größe erkennt, wie staunend sie sich in ihrer heiligen Schönheit gewahrt wer könnte das aussagen? Da sich die Seele von diesen göttlichen Ausstrahlungen wie von Gewässern überflutet fühlt, wird sie inne, daß der ewige Vater ihr gar freigebig die Bewässerung von oben und unten zuwendet, wie es die flehende Axa ihrem Vater abgewann (Jos 15, 1819). Denn diese Gewässer durchtränken das Höhere und das Niedrigere, Seele wie Leib.
17. O staunenswerte Erhabenheit Gottes, da doch diese Leuchten der göttlichen Eigenschaften nur ein einfaches Sein sind und nur als solches genossen werden, und dennoch auch getrennt erblickt werden, die eine gleich entflammt wie die andere, und jede wesenhaft die andere! Du Abgrund der Wonne, der um so verschwenderischer überquillt, je mehr deine Schätze in der unendlichen Ganzheit und Einfalt deines einzigen Wesens zusammengefaßt sind! Darinnen das eine derart erfaßt und genossen wird, daß es nicht das vollkommene Erfassen und Genießen des anderen hindert darinnen vielmehr eine beliebige Kraft und Huld von dir das Licht einer beliebigen anderen aus deinen erhabenen Eigenschaften ist! Wird doch dank deiner Lauterkeit, o göttliche Weisheit, Vieles in dir gesehen, wo Eines gesehen wird! Bist du doch die bewahrende Schatzkammer des Vaters, Abglanz des ewigen Lichtes, Spiegel ohne Makel, seiner Güte Ebenbild! (Wh 7, 26.) Dank deren Widerscheine
des Sinns abgründige Höhlen ohne Enden
18. Diese Höhlen sind die Seelenkräfte, Gedächtnis, Erkenntnis und Wille. Und diese sind in dem Maße tief, wie sie für große Güter aufnahmefähig sind. Denn durch nichts werden sie ausgefüllt, es sei denn durch Unendliches. An dem, was sie leiden, wenn sie leer sind, läßt sich in etwa ermessen, wie beseligt sie sind, wenn ihr Gott sie ausfüllt. Denn der eine Gegensatz erhellt den anderen. Wenn diese Höhlungen der Seelenkräfte nicht leer und geläutert sind und nicht frei von aller Hinneigung zu Geschöpfen, dann empfinden sie nicht die gähnende Leere ihrer tiefen Aufnahmefähigkeit. Denn in diesem Leben genügt jede sich darin einnistende Kleinigkeit, um sie so zu behindern, so zu betäuben, daß sie ihren Verlust nicht empfinden und ebensowenig die ihnen bestimmten grenzenlosen Güter vermissen, noch sich ihrer Aufnahmefähigkeit bewußt werden. Und es ist erstaunlich, daß sie, die unendliche Güter aufnehmen können, schon vom Geringfügigsten versperrt und für solche Güter unzugänglich gemacht werden können, solange, bis sie gänzlich ausgeleert werden. Allein wenn jene Höhlungen leer und ausgeräumt sind, dann wird das Dürsten und Schmachten des geisthaften Sinnes unerträglich; denn die Aufnahmeorgane dieser Höhlungen sind tief und leiden darum tief, wie auch die Speise, die ihnen mangelt, tief ist: Gott selber. Und jenes leidenschaftliche Schmachten befällt die Seele zumeist gegen Ende ihrer Erleuchtung und Läuterung, noch vor der Gotteinigung, darin der verschmachtende Geist gestillt wird. Denn weil das geistige Verlangen rein und frei ist von jedem Geschöpf und jeder Zuneigung zum Geschöpflichen und sein natürlicher Trieb verschwunden ist, so ist es schon abgestimmt auf das Göttliche, und die Leere in ihm wartet auf Erfüllung. Und da ihm zu dieser Zeit das Göttliche noch nicht in der Gotteinigung mitgeteilt wird, so ist das Leiden unter solchem Dürsten und solcher Leere schlimmer als Tod, zumal wenn durch irgendeine Öffnung, irgendeinen Spalt ein göttlicher Strahl von fernher leuchtet und sich dennoch nicht mitteilt. Und die solches erfahren, sind es, die an ungeduldiger Liebe kranken, so sehr, daß sie in Bälde empfangen müssen oder sterben.
Die Leere in der ersten dieser Höhlungen, in der Erkenntniskraft, ist das Dürsten nach Gott. Wenn diese Kraft wohlvorbereitet wurde, dann ist das Dürsten überaus gewaltig David vergleicht solchen Zustand mit dem heftigsten Schmachten, das er finden konnte, mit dem des Hirsches: «Wie der Hirsch nach frischen Quellen schmachtet, so schmachtet meine Seele, o Gott, nach dir» (Ps 41, 1). Dies Lechzen sucht die Wasser göttlicher Weisheit, die Gegenstand der Erkenntnis kraft ist.
20. Die zweite Höhlung ist die Willenskraft; und ihre Leere ist ein so gewaltiges Hungern nach Gott, daß die Seele hinsiecht. Auch dem gibt David Ausdruck: «Nach des Herren Gezelt vergeht meine Seele» (Ps 83, 3). Und solches Hungern gilt der Vervollkommnung der Liebe, die von der Seele erstrebt wird.
21. Die dritte Höhlung ist die Gedächtnis kraft; und ihre Leere ist eine vernichtende Sehnsucht der Seele nach der Aneignung Gottes. Darüber sagt Jeremias: «Memoria memorero et tabescet in me anima mea» (Klgl 3, 20). Das besagt: Mit meinem Gedächtnis will ich gedenken viel will ich seiner gedenken; und in mir wird die Seele hinschmelzen ; solches will ich in meinem Herzen bewegen, und in der Hoffnung auf Gott werde ich leben.
22. Tief sind diese Höhlen in ihrer Aufnahmefähigkeit; ist doch das, was von ihnen aufgenommen werden kann, Gott selber, tief und unendlich. Und so ist ihre Aufnahmefähigkeit in gewisser Weise unendlich, und auch ihr Dürsten, ihr Hungern tief, unendlich, ihre auflösende Qual ist unendlicher Tod. Wohl sind die Leiden der Seele nicht so durchdringend, wie sie im Jenseits sein können; allein sie leidet sehr ähnlich wie unter einem ewigen Gottesverlust, in ihrem bereiten Zuwarten auf ein voll ausfüllendes Empfangen. Und doch ist es eine eigene Weise des Leidens: es wühlt in der Liebe des Willens, in diesen hohlen Buchten; und solche Liebe sänftigt keineswegs den Schmerz, sie macht ihn um so heftiger, je heftiger sie selber ist, je ungeduldiger nach dem Erfassen ihres Gottes, den sie in Anfällen leidenschaftlichen Begehrens erhofft.
23.Allein da erhebt sich ein Einwand: wenn die Aussage des heiligen Gregor über Johannes' richtig ist, daß nämlich die Seele, die Gott mit wahrer Hingabe begehrt, ihn, den Geliebten, bereits umfängt, wie denn verzehrt sie sich nach dem, was sie doch schon besitzt? Auch nach Petrus ist das Verlangen der Engel, den Gottessohn zu erschauen, von keiner quälenden Sehnsucht begleitet, da sie ihn bereits besitzen (1 Petr 1, 12). Danach könnte es scheinen, daß die Seele Gott um so mehr besitzt, je mehr sie ihn begehrt, und daß sie in solchem Umfassen sich beseligt erlabt. Die Engel sind selig, weil sie ihr Verlangen nach solchem Besitz stillen können, und weil sie sich auch an ihrem Verlangen erquicken können; fern vom Überdruß der Sättigung, weil sie keinen Überdruß kennen, begehren sie immer; und weil sie besitzen, leiden sie nicht. Danach müßte die Seele hier, in ihrem Verlangen, um so größere Labung finden, je größer dies Verlangen ist, und damit müßte ihre Aneignung Gottes frei sein von Schmerz und Pein.
24. In diesem Zusammenhang gilt es zu unterscheiden zwischen einem Halten Gottes nur durch Gnade und einem Halten auch in der Einigung; das eine bedeutet: sich innig lieben, das andere bedeutet überdies: sich austauschen. Hier waltet ein Unterschied wie zwischen Verlöbnis und Ehe: denn beim Verlöbnis gibt es nur ein angleichendes «Ja», einen gemeinsamen Willen beider Partner, dazu Geschmeide
und Prunkgewänder für die Angelobte aus den huldreichen Händen des Bräutigams. In der Ehe dagegen gibt es darüber hinaus den Austausch, die Verschmelzung. Im Verlöbnis besucht der Bräutigam seine Braut zwar mitunter und bringt ihr Gaben; allein die wechselseitige Hingabe, das Ziel des Verlöbnisses, vollzieht sich noch nicht. Es ist vielmehr so: wenn die Seele in sich und in ihren Vermögen zu solcher Lauterkeit gelangt ist, daß ihr Wille im höheren wie im tieferen Bereich von unheiligen Gelüsten und abwegigen Trieben völlig frei wurde, wenn sie in ihrem hingebenden Ja all dieses Gott aufgeopfert hat, und Gottes Wille wie der Seele Wille eins geworden sind in einer freien, eigenständigen Zustimmung, erst dann hat die Seele Gott durch Gnade und Wille gewonnen, soweit sie es durch ihren Willen und Gottes Gnade vermag. Und das bedeutet: Gott hat ihr zugleich mit ihrem Ja das ganze und wahrhafte Ja seiner Gnade gegeben.
25. Und solches ist ein hoher Stand, dies mystische Verlöbnis der Seele mit dem Wort. Und in dieser Zeit empfängt sie von ihrem Bräutigam große Gnaden und häufig die liebreichsten Heimsuchungen, mit hohen, beglückenden Gunsterweisen. Doch lassen sie sich nicht vergleichen mit jenen der mystischen Ehe. Sind sie doch allesamt nur Vorbereitungen für die Einigung in solcher Vermählung. Wohl ist die Seele, die des mystischen Verlöbnisses würdig wurde und dessen hohe Begnadungen erfährt, gänzlich entleert von jeder Hinneigung zu Geschöpfen. Und dennoch bedarf sie anderer, positiver Vorbereitung durch Gott in Heimsuchungen und Gaben, die sie derart läutern, verschönen und veredeln, daß sie solch erhabener Einigung würdig wird. Und das braucht Zeit; bei den einen mehr als bei den andern, da Gott sich nach der Beschaffenheit der Seele richtet. Und solche Vorbereitung wird veranschaulicht durch jene Jungfrauen, die für den König Assuerus ausgewählt worden waren: trotzdem diese bereits aus ihrem Lande und aus dem Haus ihrer Eltern herausgeholt worden waren, wurden
sie nicht sogleich dem Lager des Königs zugeführt, sondern noch ein Jahr im Palast eingeschlossen. Dort bereiteten sie sich ein halbes Jahr mit Salben aus Myrrhen und anderen Spezereien vor und das zweite halbe Jahr mit anderen erleseneren Salben; und erst dann kamen sie zum Lager des Königs.
26. Und in dieser Zeit des Verlöbnisses, bei dem Erharren der mystischen Ehe, in den Salbungen des Heiligen Geistes, da pflegt das Verlangen in den tiefen Aushöhlungen der Seele überaus heftig und gewaltsam zu sein, um so heftiger, je erlesenere Salben auf die Gotteinigung vorbereiten. Da nun diese Salben schon des näheren die Einigung mit Gott vorbereiten, ihm bereits angemessener sind, und deshalb der Seele köstlicher duften und sie inniger nach Gott schmachten lassen, so ist nunmehr ihr Verlangen inniger und tiefer. Solches Verlangen nach Gott ist Vorbereitung für die Einigung mit ihm.
27. O wie sehr ist es hier am Platz, die Seelen zu warnen, die zu so göttlicher Salbung gelangten! Möchten sie bedenken, was sie tun und wem sie sich anvertrauen und wer sie wirklich fördert. Allein das führt von unserem Ziele ab. Und dennoch! Mich überwältigt Erbarmen beim Anblick der Seelen, die zurückgleiten und den Salbungen Gottes nicht stillhalten und sie dadurch unwirksam machen, anstatt dank ihrer sich dem Ziel zu nähern. Und so muß ich sie beraten, wie sie solche Schädigung vermeiden können. Ein wenig werde ich mich dabei aufhalten müssen, wenn auch nicht lange. Doch eigentlich ist dies kein Versäumen, sondern auch dienlich für das Verständnis dieser besonderen Höhlungen, dienlich und sogar sehr notwendig nicht nur diesen Seelen, die so gedeihlich fortschreiten, sondern allen Seelen, die ihren Gehebten suchen. Und zu ihnen allen will ich sprechen.
28. Vor allem muß man wissen: wenn die Seele Gott sucht viel dringlicher sucht Gott die Seele. Und wenn sie ihm ihr liebendes Verlangen zusendet ein Verlangen, vor ihm wie A aufsteigende Duft von Myrrhen und Weihrauch dann sendet er ihr den Duft seiner Salben, der sie anzieht und zu ihm hintreibt, seine Eingebungen und seine Berührungen. Diese wann immer sie von Gott stammen, nahen sich hingeformt und hingestimmt auf die Vollkommenheit des göttlichen Gesetzes und des Glaubens eine Vervollkommnung, die zur stetigen Annäherung an Gott unerläßlich ist. Und so muß die Seele bei allen Gunsterweisen, bei diesen duftenden Salbungen begreifen, daß sie dem Wunsche Gottes entspringen, sie für andere, erlesenere und zartere Salben vorzubereiten, für solche, die Gott mehr entsprechen. Am Ende aber wird nach seinem Willen ihre Bereitschaft so lauter und innig sein, daß sie der Einigung mit Gott würdig wurde, der wesentlichen Umwandlung in all ihren Vermögen.
29. Dies muß der Seele gegenwärtig bleiben: Gott ist hierbei der eigentlich Handelnde, der Führer dieser Blinden, der sie durch das Unbekannte an der Hand geleitet, hin zu dem Übernatürlichen, das weder ihr Verstand, noch ihr Wille, noch ihr Gedächtnis nach seiner Wesenheit ergründen können. So muß es ihre Hauptsorge sein, dem göttlichen Führer kein Hindernis zu bereiten auf diesem von ihm bestimmten Wege der Vervollkommnung in seinem Gesetz und im Glauben. Und solches Hindernis erhebt sich, wenn sie sich von einem anderen Bünden mitnehmen und führen läßt. Die Blinden, von denen sie auf Abwege gebracht werden könnte, sind drei: der Seelenführer, der Dämon und sie selber. Und damit die Seele begreife, wie solches zugeht, werde ich von jedem dieser Bünden handeln.
30. Die Seele, die auf diesem Wege der Sammlung und Vervollkommnung vorangelangen will, muß als erstes überlegen, in wessen Hände sie sich gibt. Denn wie der Meister, so der Schüler, wie der Vater, so der Sohn. Dabei sei beachtet: für diesen Weg, zum mindesten für die oberste Strecke, aber auch für die mittlere, wird kaum ein Führer gefunden, der alle Erfordernisse erfüllt. Umsicht und Unterscheidungsgabe genügen hier nicht, es muß ein solcher darüber hinaus Erfahrung besitzen. Wohl bedarf es, um den Geist zu führen des Wissens und der Urteilskraft als Grundlage. Allein fehlt die Erfahrung dessen, was reiner und wahrer Geist ist, so wird es nicht glücken, die Seele in dem von Gott Empfangenen zu prüfen, oder solchen Geist auch nur zu verstehen.
31. Auf solche Weise fügen viele geistliche Meister den Seelen großen Schaden zu. Sie begreifen nicht die Eigenwege des Geistes. Und so lassen sie die Seelen jene zarte Salbung verlieren, womit der Heilige Geist sie für sich selber vorbereitet, und lehren sie mit selbstgebrauchten oder irgendwie angelesenen Weisen auf der Erde zu kriechen, wie es vielleicht für Anfänger taugen mag. Mehr wissen sie nicht und wollte Gott, daß sie dieses hinreichend wüßten! So aber lassen sie die Seelen, die Gott emportragen will, in den Anfängen stecken, weshalb diese niemals über die Betätigung des Verstandes und der Phantasie hinausgelangen und recht wenig Wertvolles davontragen.
32. Der Zustand und die Betätigung der Anfänger ist, recht verstanden, Meditieren, mit Verstand oder Phantasie einzelne Akte und Übungen durchführen. In dieser Verfassung benötigt die Seele Stoff zum Meditieren und Erwägen; und sie muß aus Eigenem innere Akte vollziehen und sich den sinnfälligen Geschmack am Geistigen zunutze machen. Während sich so ihr Gelüst am Geistigen weidet, verliert sie den Geschmack am Sinnenhaften und wird aus dem Weltlichen entwurzelt. Doch hat sich ihre Begierde in etwa an den Bereich des Geistes gewöhnt und mit einiger Beharrlichkeit und Entschlossenheit in ihm genährt, dann beginnt Gott alsbald die Seele zu entwöhnen und zu einer Erfahrung des Göttlichen zu erheben. Zu solcher Erhebung gelangen einige in kurzer Zeit, zumal Ordensleute; diese, die sich schneller von Dingen der Welt abwenden, gewöhnen leichter Sinn und Trieb an Gott und wenden ihre Bemühungen auf den Geist wobei Gott in ihnen am Werk ist. Das begibt sich, wenn'die Seele ihre Auseinanderlegungen und Erwägungen, mitsamt ihrem ersten sinnlichen Eifer verliert, wenn sie nicht mehr wie früher überlegen kann und an ihrer Sinnlichkeit keinen Halt mehr findet, da diese austrocknete und ihr alles, sie durchströmte, entzogen und auf den sinnenfernen Geist hinübergeleitet wurde. Und da natürlicherweise alle Betätigungen, die von der Seele aus Eigenem geleistet werden an das Sinnenhafte gebunden sind, so ist notwendig Gott selber bei diesem Zustand der Bewegende und die Seele die von ihm Bewegte, Erleidende. Sie verhält sich lediglich empfangend, gotterleidend, und Gott gibt und durchwaltet sie. In der Gotterfahrung gibt er ihr geisthafte Güter, ein Merken Gottes und seiner Liebe zusammen, ein liebeweckendes Innewerden, wobei die Seele nunmehr ihren natürlichen Überlegungen und Betätigungen entfremdet ist.
33. So muß die Seele zu dieser Zeit in gänzlichem Gegensatz zu der früheren Weise geführt werden. Gab man ihr früher Stoff zum Nachdenken und dachte sie früher nach, so muß ihr jetzt dieser Stoff weggenommen und sie am Meditieren verhindert werden. Ja sie könnte es nicht einmal, selbst wenn sie wollte; und der vergebliche Versuch würde ihr keine Sammlung bringen, sondern Zerstreuung. Und wenn sie zuvor Saft und Liebe und Inbrunst suchte und fand, so soll sie diese jetzt weder begehren noch suchen. Sie würde mit ihrem Eifer diese nicht gewinnen, sondern eher Trockenheit. Dadurch würde sie nur von dem friedvollen, stillen Heil abgezogen, das heimlich ihrem Geiste eingegeben wird, abgezogen zugunsten einer Betätigung, die sich nach der Anweisung eines solchen Seelenführers durch die Sinne vollzieht. Und derart verlöre sie das eine, ohne das andere zu gewinnen; denn nicht länger werden ihr die Heilsgüter durch Sinnenhaftes mitgeteilt. Aus solchem Grunde dürfen der Seele bei diesem Zustande unter keinen Umständen Stoffe zur Meditation und Erweckung von Akten auferlegt werden nichts, was ihr Wohligkeit und Andacht vermittelt. Das hieße dem eigentlichen Beweger, Gott, selber Hindernisse in den Weg legen, ihm, der verborgen und still in der Seele vorgeht und ihr Weisheit und Hebevolles Gewahren eingibt ohne Besonderung zu Akten. Und nur ausnahmsweise geschieht es, daß Gott sie durch längere Zeit sich besondern läßt. Und so muß die Seele ihrerseits Gott ein liebevolles Aufmerken entgegenbringen, nur dies, ohne in Akten sich zu besondern; rein empfangend muß sie sich verhalten, ohne eigene Beflissenheit, mit dem entschlossenen schlichten Aufmerken der Liebe, so wie jemand in Hebreicher Achtsamkeit die Augen öffnet.
34. Wenn nun Gott zu dieser Zeit sich ihr in schlichter, Hebreicher Einprägung faßlich macht, dann muß sie mit ihrer Empfänglichkeit, mit einfältigem, Hebreichem Aufmerken und Bewußtmachen ihm entsprechen, damit sich Wahrgeben zu Wahrnehmen, Liebe zu Liebe fügt. Denn wer empfängt, muß sich auch als Empfangender, nicht anders, verhalten, damit er es in der Weise des Gebenden festhalten kann. Gemäß dem Ausspruch von Philosophen verhält sich das Aufgenommene nach der Weise des Aufnehmenden. Wenn demnach die Seele nicht von ihrer natürlichen aktiven Art abließe, so könnte sie jene Heilsgüter nur auf natürliche Weise, das heißt gar nicht aufnehmen; sie würde bei ihrem natürlichen Akt verbleiben, denn das übernatürliche hat im natürlichen keinen Raum und hat nichts mit ihm zu schaffen. So gilt denn uneingeschränkt: wollte die Seele mehr auf eigene Weise sich verhalten statt in passiv Hebendem Empfang zu verharren, schlechthin empfänglich und beschwichtigt, (es sei denn, Gott selber eine sie in einem Akt mit sich), dann versperrte sie sich dem Heil, das Gott mit seiner Hebreichen Wahrnehmbarkeit ihr mitteilen will.
Solche Mitteilung dient zu Anfang der inneren Läuterung und ist deshalb quälend danach aber voll Sanftmut der Liebe. Dies Hebreiche Sichmitteilen wird von der gottleidenden Seele übernatürlich empfangen in aller Wahrheit verhält es sich so übertürlich auf Gottes Weise, und nicht auf die natürliche Weise der Seele. Deshalb muß die Empfangende ihren natürlichen Betätigungen erstorben sein, unbeengt, unbeschäftigt friedvoll und heiter nach Gottes Weise. Es ist wie mit der Luft: je dunstfreier sie ist, je durchsichtiger und windstiller, um so mehr wird sie von der Sonne durchhellt und durchwärmt. folglich muß die Seele an nichts haften: nicht an der Ausübung von Meditation und Untersuchung, nicht an irgendeinem Wohlgeschmack für Sinne oder Geist, nicht an irgendetwas, das in Beschlag nimmt. Dem Geist ist diese Unabhängigkeit und Unberührbarkeit vor allem aus dem Grunde not, weil irgendein Gedanke, Einfall oder Genuß, bei denen die Seele zu solcher Stunde sich aufhalten möchte, sie behindern und beunruhigen würde. Diese Vorgänge würden Lärm schlagen in der tiefen Stille, deren die Seele an Leib und Geist bedarf, für das Auffangen des Zarten und Tiefen, das Gott in solcher Einsamkeit dem Herzen einspricht. So sagt es Osee (Os z, 14); so kündet David vom höchsten schweigenden Frieden, darin die Seele lauscht und vernimmt, was Gott der Herr in ihr spricht. Denn in solcher Einsamkeit spricht er ihr Frieden ein (Ps 84, 9).
35. Wenn es nun geschehen sollte, daß die Seele sich in Stille und in ein Aufhorchen versetzt fühlt, dann hat sie sogar die Haltung Hebreichen Innewerdens aufzugeben, um frei zu bleiben für das, was der Herr nun für sie bestimmt. Denn dies Hebreiche Innewerden soll sie nur üben, wenn sie sich nicht in Einsamkeit oder innere Gelassenheit versetzt fühlt oder in Selbstvergessenheit oder in mystisches Vernehmen. Wann das geschieht, ist kenntlich an einer ruhigen Friedseligkeit und Hingenommenheit, von denen solche Gotteinwirkung immer begleitet wird.
36. Beginnt also die Seele in jenen einfachen und gelassenen Zustand der Kontemplation einzutreten, und versiegt ihr damit die Meditation, dann soll sie sich niemals Meditationen vorstellen wollen und niemals an geistlichen Wohligkeiten festhalten; ohne Halt und Haften soll sie frei auf ihren Füßen stehen und den unverhafteten Geist über all dies hinausheben. Habakuk hat gesagt, was er tun müsse, um des Herren Worte zu vernehmen: «Achtsam werde ich auf meinen Füßen stehen, nicht unbedacht will ich vorgehen, und verharren will ich bei dem, was er mir kundgibt» (Hab 2, i). Damit sagt er: erheben will ich mein Gemüt über alle Betätigungen und Wahrnehmungen im Bereich meiner Sinne und alles, was sie auffassen und festhalten können, will ich überschwingen; und ich werde meine Vermögen nicht nach ihrer Kraft in Eigenbetätigungen vorgehen lassen; so werde ich in der Kontemplation empfangen können, was mir von Gott her zukommen mag. Denn wir sagten es schon die reine Kontemplation besteht in Empfangen.
37. Unmöglich ist es, daß diese erhabenste Weisheit und Aussage Gottes, die Kontemplation, in minderem empfangen werden könnte als in einem verschwiegenen Geist, in ihm, den keine Wohlgefühle und Sonderwahrnehmungen in Fesseln legen. So sagen es auch Worte des Isaias: «Wen wird Gott Weisheit lehren, und wem bringt er seine Verkündung zu Gehör?» (Is 28, 9.) Und er antwortet: Denen, die von der Milch entwöhnt sind, nämlich von dem Schmackhaften, denen, die von der Brust abgelöst sind, nämlich von den Sonderwahrnehmungen und Sonderbildern.
38. Entferne, o geistige Seele, Fasern und Stäubchen, alles Trübende aus deinen Augen und reinige sie; und dir wird die klare Sonne leuchten, und du wirst klarsehen. Befriede dich, befreie dich machtvoll von der schwächlichen Betätigung deiner Fähigkeiten, diesem knechtenden Joch, dieser Gefangenschaft in Ägypten, wo dein Wirken bestenfalls ein Häufen von Strohhalmen ist, um damit irdenen Ton zu brennn. Und du, Führer der geistigen Seele, geleite sie in das gelobte Land, dem Milch und Honig entfließen; und bedenke, daß es solche Freiheit, solch heilige Gelassenheit der Gotteskinder ist, derentwegen sie von Gott in die Wüste gerufen wird, in Festkleidern, geziert mit goldenem und silbernem Schmuck, nach dem Auszug aus Ägypten. Entblößt ist sie bereits von den Reichtümern jenes Landes, dem sinnenhaften Bereich; und mehr noch: die Verfolger sind in den Fluten der Kontemplation ertrunken, in diesen Tiefen, darin sie keinerlei Halt finden. So bleibt das Gotteskind frei, der Geist der die knechtenden Grenzen sinnenhafter Betätigungen überschwungen hat sein geringes Verstehen, sein niedriges Fühlen, sein armseliges Lieben und Genießen, es ist Überschwüngen damit Gott ihm das milde Manna gebe. Und diese Speise enthält «jede Art von Köstlichkeit in sich» (Wh 16, 20), die in den dir nötig erscheinenden Beschäftigungen von der Seele gewonnen werden könnte; doch ist dies Manna, das so zart im Munde zergeht, nicht zu verkosten, sobald es mit einem anderen Geschmack, mit einem anderen Ding vermischt wird. Wenn demnach die Seele bis zu dieser Höhe gelangt ist, dann sei dein Bemühen, ihr alle Sucht nach geistlichen Schwelgereien und Zergliederungen zu nehmen, dann beunruhige sie nicht mit aufgetragenen Bemühungen um Hohes und noch weniger um Niedriges, sondern versenke sie so tief wie möglich in Entfremdung und Einsamkeit. Je tiefer und je schneller sie solche Gelassenheit erlangt, desto überströmender wird sich ihr der Geist der göttlichen Weisheit eingießen, dieser liebreiche, ruhevolle, einsame, friedfertige, sanfte, verzückende für den Menschengeist, der sich aufs zarteste von ihm durchbohrt und geraubt fühlt, ohne zu wissen von wem, von woher und wie. Und derart empfindet es die Seele, weil ihr das ohne ihr Zutun geschah.
39. Und schon Weniges von dem, was Gott in der Seele bei so heiliger Muße und Einsamkeit wirkt, ist unschätzbares Heil und mitunter sehr viel gnadenreicher als die Seele und ihr Berater es wähnen. Und wenn solches auch nicht gleich merklich werden sollte, so wird es doch zu seiner Zeit hervorstrahlen. Das Mindeste, was der Seele hier zur Erfahrung werden kann, ist eine mehr oder minder starke Entfremdung und Absonderung von allen Dingen, Neigung zur Einsamkeit und Überdruß an allen weltlichen Geschöpfen, mit sanftem Verweilen in geistigem Leben und Lieben. Alles, von dem sie sich nicht absondern kann, wird ihr zur Widrigkeit gemäß dem Spruch, daß der Leib unlustig ist, wenn der Geist genießt.
40. Allein die Heilsgüter, die solch heimliches Austauschen und Schauen der Seele, ihr noch unbewußt, tief einprägt, sind, wie wir sagten, unschätzbar. Es sind Salbungen des Heiligen Geistes, tiefgeheim und darum von zartester Innigkeit; verschwiegen erfüllen sie die Seele mit Schätzen an geistigen Gaben und Gnaden. Denn da kein Geringerer als Gott sie wirkt, tragen sie Gottes Gepräge.
41. Diese Salbungen des Heiligen Geistes, diese Abtönungen von feinem und erlesenem Schmelz können in ihrer zarten Reinheit weder von der Seele noch von ihrem Berater erfaßt werden, sondern nur von ihm, der sie anwendet, um dadurch die Seele zu seinem Wohlgefallen auszugestalten. Äußerst leicht — schon bei der geringsten Eigenregung der Seele im Bereich des Gedächtnisses, des Erkennens, des Wollens, bei dem leisesten Versuch, die Sinne heranzuziehen, den Trieb, die Wahrnehmung, die Lust wird dieses Werk gestört, sein Schmelz verwischt. Und das ist schwerer Schaden, großer Schmerz und Jammer.
42. O ernste Sache, verwunderliche, daß der Schaden nicht sichtbar wird und die Störung dieser heiligen Salbung fast wie Nichts erscheint! Und doch ist der Schaden größer und beklagenswerter, als wenn viele jener durchschnittlichen
Seelen gestört und verdorben würden, die nicht durch so erhabenen Glanz und so erlesenen Schmelz hervorragen. Wenn eine plumpe Hand ein wunderschönes und innig geltes Antlitz mit rohen und gemeinen Farben übertünchte, dann wäre der Schaden größer und beklagenswerter, als wenn viele Gesichter gewöhnlichen Gepräges übermalt würden Denn wurde jene innige Künstlerhand, die des Heiligen Geistes, einmal durch Stümperhand gestört wer brächte sie dazu, von neuem anzusetzen?
43. Und obwohl dieser Schaden schwerer und größer ist als sich aussagen läßt, ist er doch so verbreitet, daß kaum ein Seelenführer zu finden ist, der ihn den Seelen nicht zufügt, solchen Seelen, die durch Gott mit dieser Art von Gotterfahrung gesalbt werden. Wie oft salbt Gott die ihm erschlossene Seele mit dem zarten, liebreichen Gewahrwerden, dem untrübbaren, friedvollen, einsamen, dem sinnenfernen und bildlosen, mit einem Innewerden, das kein sonderndes Überdenken zuläßt, kein Auskosten von Hohem oder Niedrigem, sondern nur Hingabe an jene verschwiegene Salbung in gottleidender Abgeschiedenheit: und dann kommt so ein Seelenführer, der nur draufloszuhämmern versteht und mit den Seelenvermögen wie ein Grobschmied umgeht. Und weil das seine ganze Weisheit ist und er nichts Höheres als Meditieren kennt, wird er sagen: «Genug! Laßt diese Geruhsamkeit ! Sie ist nur Müßiggang und Zeitverlust! Nehmt euch etwas vor und meditiert! Vollzieht innere Akte! Denn ihr müßt das betätigen, was in euch ist. Das andere da ist Selbstbetrug und Faulenzerei!»
44. Und so, in ihrer Unkenntnis höherer Gebetsweisen, vergeistigter Wege, sehen sie es nicht ein, daß die Akte und Erwägungen, die von ihnen der Seele abgefordert werden, einem überwundenen Stadium angehören, da diese Seele bereits die Tätigkeit der Sinne und des Verstandes zur Ruhe gebracht hat. Von ihr ist der Weg des Geistes beschritten, die Kontemplation gewonnen worden, worin weder ihre Sinne noch ihre Gedanken wirken. Gott allein ist nun der Beweger, er ist es, der im Verborgenen zur einsamen, zur schweigenden Seele spricht. Und wenn die vergeistigte Seele immer noch mit den Sinnen vorgehen soll, dann bringt ihr solches Rückschritt und Abschweifung. Einen, der das Ziel schon erreicht hat, nochmals zu diesem Ziel aufbrechen zu lassen, ist nicht nur lächerlich, es bedeutet auch erzwungenes Abgleiten vom Ziel. Ist demnach der Vergeistigte durch Betätigung seiner Seelenvermögen bis zu seinem Ziel bis zur stillen Sammlung in Beschwichtigung seiner Vermögen vorgedrungen, dann wäre es töricht, durch Akte dieser Kräfte solche Sammlung erneut zu suchen, und mehr noch es wäre schädlich, die schon gewonnene Sammlung für rastloses Suchen preiszugeben.
45. Da nun diese Seelenführer nicht begreifen, was Sammlung, was geistige Abgeschiedenheit ist und wie Gott bei solcher Abgeschiedenheit die Seele mit erhabener Salbung weiht, so überlagern oder verwischen sie diese mit andern Salben, sie treiben die Seele zu niedrigeren geistlichen Betätigungen an; solche Rührigkeit aber ist von dem, was die Seele darüber verlor, so weit entfernt wie das Natürliche vom Übernatürlichen, das Menschliche vom Göttlichen. Denn bei der geforderten Weise betätigt sich die Seele auf natürliche Art, bei der anderen wirkt Gott übernatürlich in ihr. Und das Schlimmste ist: über solchen natürlichen Übungen verliert sie die innere Abgeschiedenheit und in der Folge die erhabene Schönheit, die Gott in der Seele bildete. Das heißt mit dem Hammer auf ein Meisterwerk einschlagen, hier zerstörend, ohne dort zu fördern.
46. Solche Seelenführer mögen sich bewußt sein, daß der eigentliche Beweger und Führer der Seelen nicht sie sind, sondern der unablässig um sie bemühte Heilige Geist; daß sie nur Wegweiser sind für den Aufstieg zur Vollkommen kraft des Glaubens und des göttlichen Gesetzes, zu einer Vollkommenheit gemäß dem Geiste, den Gott in jede Seele besonders eingießt. Und so sei denn sein ganzes Bestreben, sie nicht eigensinnig seiner eigenen Weise anzugleichen, sondern sich zu prüfen, ob er den Weg erkennt, den Gott sie führt und wenn er ihn nicht erkennt, soll er jene Gott über lassen statt sie zu verstören. In Übereinstimmung mit dem von Gott bestimmten Weg und Geist sei ihr Bemühen, sie immer größerer Einsamkeit und Stille und Freiheit des Geistes hinzulenken. Es soll ihnen Spielraum gelassen werden damit ihr leiblicher und geistiger Sinn nicht an innere und äußere Einzeldinge gefesselt werde, wenn Gott sie durch solche Abgeschiedenheit führt. Die Seelenführer sollen sich nicht mit der Einbildung beunruhigen, daß hier nichts geleistet werde: wenn auch die Seele derzeit nichts wirkt Gott wirkt in ihr. Aufgabe der Seelenführer ist es, die Seele ledig und gelassen zu machen, so daß sie von keinen Sonderwahrnehmungen, weder niedrigen noch erhabenen, gefesselt wird, nicht abgelenkt durch Gelüste und Einbildungen. Abgewandt von allen Geschöpfen soll sie in geistiger Armut verharren; das ist es, was die Seele von sich aus bewirken kann, wie es auch der Gottessohn anrät: «Wer nicht alles hingibt, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein» (Lk 14, 33). Das gilt nicht nur für den Verzicht des Willens auf alles Zeitliche, sondern auch für die Loslösung von geistlichem Besitz, zugunsten jener geistigen Armut, die der Gottessohn als beseligend preist. Tut die Seele aber, was in ihrer Macht steht, erringt sie Ledigkeit von allen Dingen, dann kann es nicht anders sein: Gott tut das Seine und teilt sich ihr mit, im Verborgenen und in Stille. Eher könnte der Sonnenstrahl es unterlassen, in eine unverhüllte und freigeräumte Stätte einzufallen. So wie die Sonne sich früh erhebt, um in dein Haus einzudringen, sobald du nur die Fensterläden öffnest, so wird Gott, der stetig über Israel wacht (Ps 120, 4), flugs in die unverstellte Seele einfallen und sie mit göttlichen Gaben erfüllen.
47. Gleich der Sonne steht Gott über den Seelen, um sich ihnen einzustrahlen. Jene aber, die sie hier führen, mögen sich damit begnügen, sie auf so Hohes vorzubereiten, ge_ mäß der evangelischen Vollkommenheit in der Entblößtheit der Sinne und des Geistes. Weiter sollen sie sich nicht um den Aufbau bemühen. Solches gebührt ausschließlich dem Vater der Lichter, von dem jede gute Gabe und vollkom mene Gunst herniederstrahlt (Jak 1, 17). Denn wenn nicht der Herr das Haus erbaut, dann arbeiten wie David sagt die Baumeister umsonst (Ps 126, 11). Und weil er der übernatürliche Baumeister ist, wird er in übernatürlicher Weise in jeder Seele das Bauwerk errichten, das er geplant hat. Hingegen wäre es deine vorbereitende Aufgabe, auf die Abtötung ihrer natürlichen Betätigungen und Neigungen hinzuarbeiten, zumal die Seele weder Geschick noch Kraft besitzt, solch übernatürliches Bauwerk zu errichten. Sie würde dieses Werk mehr stören als unterstützen; und deine Aufgabe wäre es, die Seele auf solche Bescheidung vorzubereiten. Und Gottes ist es, wie der Weise sagt, ihr den Weg zu ebnen den Weg hin zu den übernatürlichen Gütern, und das auf Weisen, die weder von der Seele noch von dir begriffen werden (Spr 16, 19). Sag darum nicht: «Oh, die Seele kommt nicht voran, weil sie nichts tut!» Wenn es wahr ist, daß sie «nichts tut», so will ich dir eben daraus beweisen, daß sie viel tut: wenn sich die Erkenntniskraft von natürlichen oder geistlichen Sonderinhalten befreit, dann schreitet sie voran; und je mehr sie frei ist von Sonderinhalten und Vorstellungen, um so mehr schreitet sie voran auf dem Wege zum höchsten, übernatürlichen Heil.
48. O du wirst sagen, daß sie hier nichts deutlich erkennt und darum nicht vorankommen kann. Ich sage dir aber, daß sie nicht vorwärtskommt, solange sie deutlich erkennt. Und zwar aus dem Grunde, weil Gott, das Ziel der Erkenntniskraft, diese Kraft übersteigt. So ist er ihr unbegreiflich und unzugänglich; und mit ihrer Erkenntnistätigkeit kommt sie Gott nicht näher. Und so hat sie sich eher von sich selber und ihren Erkenntnissen zu entfernen, um sich Gott anzunähern. Im Glauben muß sie voranschreiten, glaubend und nicht erkennend. Und solcherart gelangt die Erkenntniskraft zur Vollkommenheit; denn durch den Glauben und nicht durch andere Mittel vereinigt sie sich mit Gott. Denn die Seele gelangt mehr durch Nicht Begreifen als durch Begreifen zu Gott. Und so darfst du dir darüber keine Sorgen machen. Denn sofern die Erkenntniskraft auf ihrem Wege nicht umkehrt, das heißt sich nicht in Einzelwahrnehmungen und Verstandesübungen zersplittert, sondern in gelassener Sammlung verbleibt, dringt sie voran, frei wie sie ist von allem Vereinzelten, von all dem, was nicht Gott, unfaßbar dem Verstand, ist. Nicht umkehren ist in diesem Fall der Vollkommenheit bereits Vorangelangen; und das Vorangelangen der Erkenntniskraft bedeutet, sich immer stärker auf den Glauben stützen. Dies aber heißt, durch immer dichteres Dunkel gehen, denn der Glaube ist Dunkelheit für die Erkenntniskraft. Und da diese Kraft nicht wissen kann, welcherart Gott ist, so muß sie sich in ihr NichtBegreifen ergeben und so ihm entgegengehen. Zu ihrem Heile muß sie eben das tun, was du verdammst ausschließen muß sie alle deutlichen Inhalte, von denen sie auf dem Wege zu Gott eher behindert als gefördert wird.
49. O du wirst sagen, daß der Wille müßig bleibt und nicht lieben kann, wenn die Erkenntniskraft nicht deutlich erkennt ein Zustand, der auf dem Wege des Geistes immer zu meiden ist. Der Wille könne nur das lieben, was von der Erkenntniskraft erfaßt worden ist. Das gilt freilich für die natürlichen Betätigungen der Seele, bei denen der Wille nur das liebt, was die Erkenntniskraft deutlich erfaßt. Doch bei der Kontemplation, darin Gott Wesentliches von sich eingießt, bedarf es keiner deutlichen Bewußtseinsinhalte, keiner Akte des Begreifens. Denn in einem Nu teilt ihr Gott zugleich Licht und Wärme mit, ein übernatürliches hebevolles Innewerden, durchwärmendem Licht vergleichbar eine Erleuchtung, die zugleich Liebe erregt, in einer dem Verstande undeutbaren und dunkeln Weise. Von solcher Gotterfahrung sagt Dionysius, sie sei für die Erkenntniskraft ein dunkler Strahl. Wie das Begreifen in diesem Vermögen, so ist auch die Liebe in der Willenskraft. So wie dort gottgewirkte Einsicht allgemein und dunkel erscheint, ohne unterscheidendes Begreifen, so liebt hier der Wille im Allgemeinen, ohne eine erkannte Einzelheit zu unterscheiden. Als Licht und Liebe gießt Gott beiden Vermögen, der Erkenntniskraft wie der Willenskraft, in gleicher Weise seine Mitteilung ein, Verständnis und Liebe. Doch da Gott in diesem Leben nicht begriffen werden kann, ist das Begreifen dunkel, und dunkel ist die Liebe im Willen. Jedoch mitunter teilt sich Gott bei diesem zarten Erleben machtvoller mit, oder er dringt stärker in das eine Vermögen als in das andere. So wird das eine Mal mehr Einsicht als Liebe erfahren, ein anderes Mal mehr Liebe als Einsicht, und mitunter nur Einsicht ohne Liebe, und wiederum ausschließlich Liebe. Soweit also die Seele natürliche Akte des Verstandes setzt, kann sie nicht lieben ohne zu erkennen. Doch bei dem, was Gott in der Seele vollzieht, wie er es hier tut, verhält es sich anders: sehr wohl kann er sich einer einzigen Seelenkraft mitteilen und die anderen ausschließen; so kann er den Willen durch die inbrünstige Berührung seiner Liebe entflammen, ohne daß die Erkenntniskraft es begreift so wie jemand vom Feuer erwärmt werden kann, ohne es zu sehen.
5o. So wird sich der Wille oft ergriffen und leidenschaftlich entflammt fühlen, ohne darum irgend etwas sonderlicher zu verstehen als zuvor. Gott ordnet in der Seele die Liebe, wie es die Braut im Hohenliede sagt: «Er führte mich in sein Weingelaß und ordnete in mir die Liebe» (Hl 2, 4). So darf die Gelassenheit der Seele hier nicht Besorgnis erregen; unterläßt sie es, in sich Liebeswallungen zu vereinzelten Gegenständen zu erregen, dann erweckt Gott in ihr die Liebe, berauscht sie insgeheim mit eingegebener Liebe, mithilfe der Gotterfahrung oder auch ohne bewußten Vorgang. Solch ein Vollzug ist, als ein Akt der Seele, umso köstlicher und verdienstvoller als der Eingebende und Erwecker solcher Liebe erhabener ist, der Erwecker Gott.
51. Solche Liebe gießt Gott dem Willen ein, wenn er ihn ledig findet, losgelöst von Sonderneigungen zu Irdischem oder Überirdischem. Darum sei man darauf bedacht, die Willenskraft von ihren Neigungen losgelöst zu halten. Wenn sie dann nicht durch irgendein Sondergelüst zur Umkehr verleitet wird, führt Gott sie weiter, auch wenn sie sich dessen nicht im besonderen bewußt wird; dann erhebt sie sich über alle Dinge hin zu Gott, da sie nach nichts anderem mehr verlangt. Und ihn, Gott wenn sie ihn auch nicht in deutlicher Sonderheit genießt, wenn sie ihn auch nicht mit klarer Unterscheidung liebt, so genießt sie ihn dennoch in dieser Eingießung auf allgemeine, dunkle, geheime Weise mehr als alle deutlichen Dinge. Denn es ist ihr nunmehr klar bewußt, daß nichts sie so befrieden kann wie diese stillende Einsamkeit. Und sie liebt ihn über alles Liebenswerte; alles andere Wohltuende ist ihr fremd geworden und widrig. Nicht versäumt sie sich mehr mit der Freude an vereinzelten Akten. Vorwärts drängt sie; denn nicht umkehren, um etwas Sinnfälliges zu umfassen, heißt voraneilen zu etwas Unnahbarem, zu Gott. Und somit ist es kein Wunder, wenn sie sich dessen nicht bewußt wird. So muß die Willenskraft auf ihrem Wege zu Gott eher losgelöst von allem Reizvollen und Köstlichen vorgehen als daran angeklammert. Und dank ihrer Ledigkeit von allen Dingen, erfüllt sie dergestalt das Gesetz der Liebe, Gott über alles zu lieben.
52. Ebenso wenig darf es Sorge machen, wenn die Gedächtniskraft ohne das Geleit ihrer Formen und Gestalten vorgeht. Da Gott weder Form noch Gestalt hat, so gelangt diese Kraft frei von Formen und Gestalten auf sicherem Wege näher hin zu Gott. Denn je mehr sie Vorstellungen nachgeht, um so mehr entfernt sie sich von Gott und um so gefährdeter ist ihr Weg; denn da Gott unausdenkbar ist, kann ihn die Einbildungskraft nicht fassen.
53. Es haben jene geistlichen Führer kein Verständnis für die Seelen, die sich in dieser friedvollen einsamen Kontemplation befinden. Weil sie selber nicht so weit gelangt sind und selber nicht erfuhren, was es heißt, über die ruhelosen Meditationen hinauszugelangen, vermeinen sie, die Seelen wären nur müßig. Und so verstören oder verhindern sie den Frieden gelassener Gotterfahrung, den Gott ihnen hinschenkt, so werden jene auf den Weg der Meditationen und bildhaften Vorstellungen zurückgenötigt, zum Vollzug innerer Akte. Jene Seelen aber fühlen dabei in hohem Maße Widerstreben, Trockenheit und Zerstreutheit. Ist es doch ihr Verlangen, in ihrer heiligen Muße und friedvollen Sammlung zu verharren. Trotzdem sie in solchem Zustand keine Weide für ihre Sinne finden, keinen Halt, keinen Antrieb zur Betätigung, reden diese Führer ihnen dennoch zu, auf lustvolle Andachtsübungen auszugehen, gerade das Gegenteil von dem, was sie anraten sollten. Da aber die derart Geleiteten bereits über solche Übungen hinausgehoben wurden, beunruhigen sie sich um so mehr, in der Furcht, irrezugehen, und diese Führer bestärken sie in der Furcht, sie trocknen ihren Geist aus und nehmen ihnen die kostbaren Salbungen, mit denen Sie von Gott in Einsamkeit und Stille veredelt wurden. Schweren Schaden tun sie damit den Seelen an, sie in Trauer und Erdenstaub versenkend. Sie verlieren das Eine und leiden fruchtlos durch das Andere.
54. Solche Führer wissen nicht, was Geist ist. Überaus ehrfurchtlos handeln sie gegen Gott, da sie mit ihrer plumpen Hand in das Werk seiner Hände hineinpfuschen. Es hat Gott viel gekostet, jene Seelen so weit zu erheben; und er schätzt es hoch, sie zu jener Einsamkeit, jenem Schweigen ihrer Vermögen und Betätigungen gebracht zu haben: nun kann er zum Herzen sprechen, wonach es ihn immer verlangt, kann sein Werk vollenden und in der Seele herrschen mit Überfülle schlichtenden Friedens; hinschwinden läßt er die natürlichen Bewegungen der Seelenkräfte, die, auch wenn sie die ganze Nacht arbeiten, doch nichts leisten; den Geist weidet er ohne Wirken und Werk der Sinne; denn der Sinn und sein Gewirk können den Geist nicht fassen.
55. Und wie wert ihm dieses Gestilltsein, diese Einschläferung und Entfremdung der Sinne ist, das zeigt sich in der eindringlichen, wirksamen Beschwörung, die er im Hohenliede ausspricht: «Ich beschwöre euch, Töchter von Jerusalem bei den Hinden und Hirschen des Feldes: schreckt meine Geliebte nicht auf, laßt sie schlafen, solange sie es begehrt» (Hl 5,3). Damit verdeutlicht er, wie hoch er hier Einschläferung und abgeschiedenes Vergessen schätzt, da er diese so einsamen und zurückgezogenen Tiere anführt. Aber diese Spiritualen wollen es nicht, daß die Seele zur Ruhe kommt und gestillt wird; immer soll sie nach ihnen arbeiten und immer so wirken, daß sie Gottes Wirken keinerlei Raum gibt und mit ihren Regungen alles verwischt und austilgt, was er bereits in ihr herausgebildet hat. Den «Füchslein» gleichen jene Führer: sie «zertreten den blühenden Weinberg» der Seele (Hl 2, 15). Und darüber klagt der Herr mit den Worten des Isaias: «Ihr habt meinen Weinberg zertreten» (Is 3, 14).
56 Vielleicht irren sie aus gutem Eifer, da ihr Verständnis nicht so hoch reicht. Allein das nimmt ihnen nicht die Verantwortung für die Ratschläge, die sie voreilig erteilen, ohne sich zuvor über den geistigen Weg zu vergewissern, den die Seele geführt wird. Verständnislos fahren sie mit ihrer rohen Hand dazwischen und überlassen sie nicht dem, der sie versteht; und das ist kein geringfügiges Vergehen, eine Seele mit ihren dreisten Ratschlägen dahin zu bringen,
unschätzbare Heilsgüter einzubüßen oder gar zerrüttet zu verbleiben. Wer demnach aus Anmaßung irrt, während er wie ein jeder in seinem Beruf zur Einsichtigkeit verpflichtet ist, der wird nach dem Maße der von ihm verschuldeten Schädigung seine Strafe empfangen. Denn die Sache Gottes kann nur mit offenen Augen und viel Feingefühl angefaßt werden, zumal wenn es sich um so Erhabenes und Bedeutsames handelt wie die Förderung dieser Seelen, um ein Wagnis, das beim Gelingen unendlichen Gewinn bringt und beim Mißlingen unendlichen Verlust.
57. Wolltest du etwas zu deiner Entschuldigung vorbringen wenn ich auch nicht weiß, was , du würdest doch den nicht entlasten können, der die von ihm betreute Seele niemals aus seiner Gewalt entläßt, aus wer weiß welchen Rücksichten und Absichten, die nicht ungestraft bleiben werden. Da es gewiß ist, daß eine solche Seele auf dem Wege des Geistes, (auf dem ihr Gottes Hilfe sicher ist) emporsteigen soll, muß ihre Gebetsweise dem angepaßt sein; sie bedarf einer anderen, höheren Unterweisung, eines anderen Geistes. Nicht alle wissen Rat bei allen Geschehnissen und Zielsetzungen auf dem Wege des Geistes, nicht alle haben eine so überragende Klugheit, daß sie in jeder Phase des geistlichen Lebens wüßten, wie eine solche Seele gelenkt werden muß. Zum mindesten darf solch ein Führer nicht wähnen, daß er selber alles verstünde und daß Gott davon ablassen wolle, selber die betreffende Seele heranzubilden. Nicht jeder, der ein Holz zurechthobeln kann, vermag ein Bild daraus zu schnitzen; und nicht jeder, der es im Groben zu schnitzen weiß, vermag es auszuarbeiten und zu glätten; und nicht jeder, der es zu bemalen weiß, vermag ihm die letzte Vollendung zu geben. Keiner vermag über seine Kenntnisse hinaus eine Gestalt auszubilden; überschritten sie diese Grenze, würden sie das Gebild nur zerstören.
58. Und laß uns sehen! du, der du nur abzuhobeln vermagst, das heißt, der du die Seele nur bis zur Weltverachtung und bis zur Abtötung ihrer Leidenschaften und Triebe bringst oder bestenfalls im Groben schnitzest und die Seele bis zur heiligen Meditation und nicht weiter förderst: wie wirst du diese Seele bis zur letzten Vollendung zarter Bemalung bringen? Solche Vollendung besteht nicht im Abhobeln, nicht im Schnitzen, selbst nicht in der Umrißgestaltung, sondern in dem Werk, das Gott in der Seele vollbringt. Willst du sie in deiner immer gleichen Lehre auf die immer gleiche Weise gefesselt halten, dann gleitet sie sicher zurück oder bleibt doch auf der Stelle. Sag an, ich bitte dich, was kommt dabei heraus, wenn du an diesem Gebild immer nur hobelst und hämmerst, wenn du immer nur die Seelenvermögen arbeiten lassest? Wann soll dies Abbild vollendet werden? Wann willst du das Werk der Bildnerhand Gottes überlassen? Ist es möglich, daß du all diese Aufgaben bewältigst, und hältst du dich für so unvergleichlich, daß die Seele nur deiner bedarf und keines andern?
59. Gesetzt, du genügest für irgendeine Seele, vielleicht für eine solche, die zu höherem Flug nicht befähigt ist. Aber unmöglich kannst du für all die Seelen genügen, die du nicht aus deinen Händen freigibst. Gott führt eine jede von ihnen auf anderem Wege; denn es findet sich kaum ein Geist, der in seiner Weise auch nur zur Hälfte mit der eines anderen übereinstimmt. Wer kann wie Paulus von sich sagen, daß er allen alles sein könne, um alle zu gewinnen (1 Kor 9, 22)? Du aber vergewaltigst die Seelen auf diese Art, du nimmst ihnen die Freiheit und maßest dir selber die ganze Weite der evangelischen Lehre an, so sehr, daß du sie nicht nur bei dir festhalten willst, nein, schlimmer, du ereiferst dich, wenn sie bei einem anderen irgendwelche Klärung gesucht haben. Eine Seele kann eine Angelegenheit mit einem andern besprechen, weil es vielleicht mißlich wäre, sie mit dir zu beraten oder weil Gott selber ihr solches eingibt, da jener sie das lehren kann, was du sie nicht lehren konntest. Du aber ich sage es nicht ohne Scham du machst ihr Auftritte der Eifer sucht, wie sie zwischen Eheleuten vorkommen. Das ist kein Eifern für Gottes Ehre oder für das Heil jener Seele denn du wirst nicht so vermessen sein zu behaupten, die Seele, die dich in dieser Sache verletzte, habe Gott verletzt. Eifern deiner Anmaßung ist das, und deines Hochmutes oder einer anderen unvollkommenen Regung.
60. Groß ist Gottes Zorn gegen solche. Durch Ezechiel droht er ihnen Strafe an: «Mit der Milch meiner Herde habt ihr euch genährt und mit ihrer Wolle habt ihr euch bedeckt. Dennoch habt ihr meine Herde nicht geweidet. Aus euern Händen werde ich meine Herde zurückfordern» (Ez 34, 8).
61.Folglich müssen die Seelenführer den Seelen Freiheit lassen; sie sind verpflichtet, ihnen eine gute Miene zu zeigen, wenn diese bessere Unterweisung suchen. Denn sie wissen nicht, auf welchem Wege Gott eine Seele fördern will, zumal dann, wenn sie mit der bisherigen Unterweisung unzufrieden ist ein Zeichen, daß sie auf solche Weise nicht mehr gefördert wird. Entweder führt Gott sie nunmehr selber, oder es taugt ihr ein anderer Weg als der bisher gewiesene, oder der Führer selber ist von seinem Verfahren abgewichen. Das mögen die Seelenführer beherzigen; eine andere Haltung entspringt törichter Anmaßung und Überheblichkeit oder einem sonstigen Anspruch.
62. Doch lassen wir dies Verhalten; setzen wir uns mit anderem, mit einem pestgleichen Vorgehen dieser Führer auseinander, mit einem solchen oder noch schlimmeren Weisen. Es kann geschehen, daß Gott einigen Seelen heilige Wünsche eingibt, Antriebe, die Welt zu verlassen, die Lebensform zu ändern und ihm zu dienen mit einer Verachtung der Welt, die Gottes Wunsch und Gottes Führung entspricht. Und da kommen jene mit menschlichen Rücksichten und Vernünfteleien, die Christi Lehre und seinem demütigen weitabgewandten Leben zuwiderlaufen; sie fußen auf ihrem eigenen Nutzen und Geschmack oder lassen sich von Furcht bewegen, wo nichts zu fürchten ist. Sie führen jenen Seelen Schwierigkeiten vor Augen, zögern die Entscheidung hinaus; oder noch schlimmer bemühen sich, ihr Herz eines so heiligen Wunsches zu berauben. Haben sie doch selber nur geringe Gottesfurcht; ist ihr Geist doch weltlich gewandet und kaum von Christus angerührt. Da sie selber nicht durch die enge Pforte des Lebens eintreten, lassen sie auch die anderen nicht eintreten. Solchen droht unser Heiland, im Lukasevangelium: «Wehe euch, ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis euch angeeignet, ihr habt sie euch nicht erschlossen, und anderen versperrt ihr den Zugang» (Lk 11, 52). Wahrhaftig, sie verriegeln die Himmelstür, damit jene, die Rat bei ihnen nachsuchen, nicht hindurchgehen können. Sie wissen wohl, was Gott ihnen geboten hat: die Einlaßheischenden nicht nur gewähren zu lassen, sondern ihnen zum Eintritt zu verhelfen, ja mehr, sie zum Eintritt zu nötigen, gemäß den Herrenworten bei Lukas: «Auf, dränge sie, hereinzukommen, damit sich mein Haus mit Gästen fülle» (Lk 14, 23). Sie aber zwingen sie im Gegenteil, draußen zu bleiben. Wer sich so verhält, ist ein Blinder, der das Leben der Seele, den Heiligen Geist zu stören vermag. Doch bewirken derartige Seelenführer noch viele hier nicht genannte Störungen, die einen mit vollem Wissen, die andern aus Unwissenheit. Aber die einen wie die andern erwartet ihre Strafe. Denn sie sind dazu berufen und verpflichtet, sich über die Tragweite ihrer Handlungen Klarheit zu verschaffen.
63. Als zweiten Blinden, der die Seele bei dieser Weise der Sammlung verwirren kann, nannten wir den Dämon: sein Trachten ist, daß die Seele blind sei wie er. Die erhabenen Entrückungen, darin sie die zarten Salbungen des Heiligen Geistes in sich aufnimmt, erregen bei ihm Ärgernis und Neid; denn er weiß, daß die Seele dadurch bereichert wird, ja in ihrem Aufschwung ihm ungreifbar wird. Um ihr das zu nehmen, diese Abgeschiedenheit, die Entfremdung von jedem Geschöpf und von jeder Spur eines Geschöpfes, versucht er, ihre Entrückung mit einigen verblendenden Wahrnehmungen und umnebelnden Lustgefühlen zu durchsetzen, selbst mit guten. Das soll die Seele sättigen und zu deutlichen Vorstellungen und sinnenhaften Wirkweisen zurückführen, zurück zu einem Vergegenwärtigen und Umfangen jener guten Gefühle und Gedanken, damit sie ihr zum Halt dienen auf ihrem Wege zu Gott. Und auf solche Weise vermag er sie aufs leichteste abzulenken und ihrer Abgeschiedenheit zu entreißen, ihrer Sammlung, darin der Heilige Geist ihr geheime Herrlichkeit verleiht. Da nun die Seele von Natur zum Fühlen und Genießen geneigt ist, und da sie sogar in Unkenntnis ihrer Berufung mitunter auf solche Gefühle ausgeht, so heftet sie sich unbedenklich an jene lustvollen Eindrücke, die ihr der Dämon erregt, und gibt so die gottgewährte Einsamkeit preis. Weil sie in jener Abgeschiedenheit und Stille ihrer Vermögen nichts schaffte, scheint ihr dies andere, bei dem sie etwas schafft, das Bessere. Ein großer Jammer ist es, daß die Seele sich selber nicht versteht und es deshalb vorzieht, als kleinen Bissen eine Sonderwahrnehmung, eine Andachtslust zu sich zu nehmen, statt daß Gott selber sie ganz zu sich nimmt. Denn solches tut Gott in der von ihm bewirkten Abgeschiedenheit: mit jenen Salbungen des Geistes zieht er die Einsame ganz in sich.
64. Auf solche Weise, mit einem Etwas, fast mit einem Nichts, verursacht der Dämon schwersten Schaden. Durch ihn verliert sie gewaltige Schätze. Mit einem winzigen Köder lockt er sie, gleich einem Fisch, aus den insellosen, einhelligen Gewässern des Geistes, darin sie in Gott versunken war, ohne Halt für Hände und Füße. Damit zieht er sie ans Ufer, wo sie fußen und fassen kann, wo sie mühselig über den Boden hinkriecht, anstatt in den lautlosen Wassern Siloes zu schwimmen, zu baden in göttlichen Salbungen. Und erstaunlich ist es, wie eifrig der Dämon einer solchen Seele nachstellt; freilich wiegt bei ihr eine geringfügige Schädigung schwerer als größere Schädigungen bei vielen anderen Seelen. Es gibt kaum Seelen auf solchem Aufstieg, denen er nicht erhebliche Schädigungen und Verluste zufügt. Denn dieser Verderber stellt sich arglistig beim Übergang zwischen sinnenhaftem und geisthaftem Verhalten auf, die Seelen trüglich mit eben diesem Sinnenhaften lockend, mit quer in den Weg gestellten Empfindungsreizen. Und nicht denkt die Seele, daß solcher Anreiz ihr Verlust bringt; und so unterläßt sie es, in das Innere des Bräutigams einzugehen und bleibt auf der Schwelle haften, um rückwärtsschauen zu können, auf das, was draußen im Gebiet des Sinnenhaften vorsichgeht. «Alles Hohe sieht der Dämon,» sagt Job (Job 41, 25), das heißt, er sieht die geistige Höhe der Seelen, um sie anzufechten. Wenn sich die Seele nun zur Höhe der Entrückung erheben sollte, so mag es sein, daß er sie nicht mehr auf die bezeichnete Weise zerstreuen kann; dann bemüht er sich, zum mindesten Entsetzen, Angstzustände oder körperliche Schmerzen zu erregen oder irgendwelche äußeren Empfindungen, wie Geräusche, um sie so aus der geistigen Vertiefung herauszureißen. Erst wenn all das versagt, läßt er sie in Ruhe. Doch zumeist glückt es ihm leicht, diese erlesenen Seelen abzulenken und zu verstören, was ihm lieber ist als viele geringere zugrundezurichten; und so fällt es ihm nicht schwer, immer wieder seine Künste spielen zu lassen. In diesem Zusammenhang läßt sich verstehen, was Gott zu Job über ihn sagte (Job 40, 18): «Verschlingen kann er einen Strom, als wäre er nichts; und er zweifelt nicht, daß der Jordan in seinem Rachen Raum hat»; wobei unter Jordan die höchste Vollendung zu verstehen ist. Und weiter: «Mit offenen Augen wird er von ihm geangelt werden; und mit Pfriemen wird er ihm die Nasenflügel durchbohren.» Gemeint sind die befallenden Vorstellungen, mit denen er der Seele zusetzt und ihren Geist ablenkt; denn die Luft, die von den Nasenflügeln zusammengehalten wird, entweicht bei deren Durchbohrung nach vielen Seiten. Und weiter sagt er:
«Unter seinen Füßen werden die Sonnenstrahlen sein; und Gold wird er verstreuen, als wäre es Schmutz» (Job 41, 21). Denn wunderbare Strahlen göttlicher Eingebungen nimmt er den erleuchteten Seelen; und köstliches Gold von göttlicher Prägung entwendet er den reichen Seelen, um es zu vergeuden.
65. O habt acht, Seelen! Zurzeit, wo Gott euch so erhabene Gnaden erweist und euch, die Abgeschiedenen, Gesammelten, selber emporführt und euch eurem mühseligen Sinnenwesen enthebt, fallt nicht ins Sinnenhafte zurück! Laßt ab von euren Betätigungen! Wohl haben sie euch zuvor geholfen, als ihr begannet, die Welt und euch selber zu verleugnen; doch jetzt, wo Gott euch die Huld erweist, selber der Tätige zu sein, sind sie großes Hemmnis und Hindernis. Habt vielmehr Sorge, mit euern Vermögen auf nichts einzugehen, sondern sie von allem loszulösen; das ist das Einzige, was ihr in solchem Zustand von eurer Seite tun müßt, in Verbindung mit jenem liebevollen, einfachen Hinmerken, von dem ich zuvor sprach, mit einem bereitwilligen, ungezwungenen Hinmerken. Denn keine andere Gewalt sollt ihr euch antun, als euch loszulösen und von allem freizumachen, um die Glätte eures Friedens nicht aufzuwühlen; und dann wird euch Gott, unbehindert von euch, mit himmlischer Erfrischung speisen.
66. Der dritte Blinde ist die Seele selber, die in Selbstverkennung sich verstört und schädigt. Sie weiß nichts als mit Sinnesempfindungen und Gedankenfolgen zu arbeiten; und wenn Gott sie nun in jene entrückte Einsamkeit versenken will, darin sie ihre eigenen Kräfte nicht betätigen kann, dann meint sie solche Untätigkeit durch Akte überwinden zu müssen. Und so wird die Seele zerfahren, unlustig und trokken, während sie zuvor den gelassenen, stillen Frieden des Geistes genoß, den Gottes Großmut ihr insgeheim verlieh. Und es kann geschehen, daß Gott darum kämpft, sie in jener verschwiegenen Beschwichtigung festzuhalten, und daß sie ihm hartnäckig mit ihrer Einbildungskraft und ihrem Verstände widerstreitet, um mit eigenen Kräften sich zu betätigen. Hierin gleicht sie dem kleinen Kinde, zu dem die Mutter sich beugt, um es auf den Arm zu nehmen: das Kind aber wehrt sich mit Schreien und Strampeln, um auf eigenen Füßen zu gehen; und so kommt es weder selber zum Gehen, noch läßt es die Mutter gehen. Oder es ist, als wolle ein Maler ein Bild ausführen, und es rüttle ein anderer daran: so entsteht entweder nichts, oder das Bild wird verwischt.
67. Es muß sich die Seele bewußt sein: wenn sie auch in solchem Zustand kein Fortschreiten, kein Geschehen gewahrt, sie schreitet viel weiter fort, als wenn sie sich auf eigenen Füßen bewegte; denn Gott trägt sie in seinen Armen voran. Und so empfindet sie das Schreiten nicht, obgleich sie im Schrittmaß Gottes hingetragen wird. Und wenngleich sie ihre Kräfte nicht betätigt, erwirkt sie mehr als wenn sie es täte; denn Gott ist der Wirkende. Und daß sie solches nicht zu gewahren vermag, ist nicht erstaunlich. Denn was Gott nunmehr in der Seele formt, das ist den Sinnen unzugänglich. Es vollzieht sich im Schweigen so wie der Weise sagt: «Der Weisheit Worte werden im Schweigen empfangen» (Prd 9, 17). Es überlasse sich die Seele den Händen Gottes. Nicht liefere sie sich den eigenen Händen aus und nicht den beiden andern Blinden. Tut sie das nicht und setzt sie nicht ihre Vermögen ins Spiel, dann geht sie sicher.
68.Doch kehren wir zurück zu den tiefen Höhlen der Seelenkräfte. Das Leiden der Seele ist gewaltig, wenn Gott sie in diesen Tiefen mit den erlesensten Salbungen des Heiligen Geistes auf die Einigung mit sich vorbereitet. Und diese Salbungen sind von so zarter Gewalt, daß sie in den innersten Kerngrund der Seele eindringen und sie mit ihren Würzen vorbereiten, bis ihr Verlangen und Schmachten ebenso riesig wurde, wie es die Leere dieser Höhlungen ist.
Wenn aber diese Salbungen, als Vorbereitung der Seele bis in ihre Abgründe für ihre mystische Vermählung mit Gott, bereits so unvergleichlich sind, wie müssen wir uns erst die Erfülltheit mit Einsicht, Liebe und Seligkeit vorstellen, die in der Gotteinigung von den Vermögen des Erkennens, des Wollens und Vergegenwärtigens gewonnen wird! Sicherlich unermeßlich wie das Dürsten und Schmachten jener Abgründe wird nunmehr ihre Erfülltheit, ihre Stillung und Wonne sein. Und entsprechend der meisterhaften Vorbereitung wird auch die Schönheit des Gewonnenen sein und die Erlesenheit des Genusses für den Sinn.
69. Als Sinne der Seele wird hier die Kraft und Fähigkeit bezeichnet, mit denen die Substanz der Seele die geisthaften Gegenstände jener Kräfte empfindet und genießt. Mit diesem Sinn genießt sie Gottes Hingabe, seine Weisheit und Liebe. Zutreffend nennt darum die Seele ihre Vermögen des Erinnerns, Erkennens und Wollens in jenem Verse «des Sinns abgründige Höhlen»; denn mit ihrer Hilfe und in ihnen empfindet und genießt sie aufs tiefste die Erhabenheiten göttlicher Weisheit und Kraft. Wirklich kann die Seele von tiefen Höhlen sprechen. Da sie fühlt, wie in diese die tiefen Einsichten und Widerscheine der Feuerleuchten eingehen, so erkennt sie auch, daß sie soviel Aufnahmefähigkeit, soviel schoßgleiche Buchten besitzt, wie sie von Gott unterschiedliche Einsichten, Genüsse und Freuden empfängt. All dieses wird in dem Sinn der Seele empfangen und zusammengehalten, alles, was die abgründigen Höhlen für solchen Sinn speichern; in solcher Fassungskraft erlebt, besitzt und genießt die Seele alles Empfangene in seiner Ganzheit. So wie der innere Sinn der Phantasie angereichert wird von den Wahrnehmungen der äußeren Sinne, und wie er zu ihrer Schatzkammer wird, so ist der innere Sinn der Seele Schatzkammer der Herrlichkeiten Gottes; und er ist in dem Maße glanzvoll und reich, wie er von diesem hehren, strahlenden Besitz in sich bergen kann.
nicht länger blind von Dünsten
70. Blind war dieser Sinn, bevor Gott ihn durchhellte und erleuchtete. Es gibt bei dem Gesichtssinn zwei Ursachen für den Ausfall des Sehvermögens: Dunkelheit der Umgebung oder Blindheit. Gott ist das Licht und der Gegenstand der Seele. Wenn ihr dies Licht nicht leuchtet, dann ist sie im Dunkeln, mag ihre Sehkraft auch ausgezeichnet sein. Verharrt sie in Sünde, oder sind ihre Triebe von Gott abgewandt, dann ist sie blind. Und in solcher Blindheit sieht sie nicht ihre eigene Finsternis, nicht ihre Unwissenheit, auch wenn Gottes Licht auf sie eindringt. Bevor Gott sie in ihrer Umwandlung erneuerte, war sie verdunkelt und unwissend gegenüber den göttlichen Heilsgütern wie es der Weise von seinem Zustand vor seiner Erleuchtung durch die Weisheit bekennt: «Sie erleuchtete all meine Unwissenheit» (Sir 51, 26).
71. In geisthaftem Sinne besteht ein Unterschied zwischen «im Dunkeln sein» und «in Finsternis sein». Demnach heißt «in Finsternis sein» verblendet, in Sünde sein. Im Dunkeln kann man jedoch ohne Sünde sein, und das auf zwei Weisen: durch fehlendes Licht für natürliche Gegenstände sowie für einige übernatürliche Dinge. Und gegenüber dem Natürlichen wie dem Übernatürlichen, so bekennt die Seele, war ihr Sinn noch im Dunkeln vor jener unschätzbaren Salbung. Bevor der Herr sagte: «Es werde Licht!» lagerten Finsternisse über den abgründigen Tiefen des Seelensinnes. Und je abgründiger dieser ist, um so abgründiger sind seine Buchtungen, um so tiefer und dichter sind die Finsternisse vor dem Übernatürlichen, wenn Gott, das Licht dieses Sinnes, ihn nicht erleuchtet. Und es ist ihm unmöglich, die Augen zum göttlichen Licht zu erheben und die Gedanken darauf zu richten, da es ungesehen und darum ihm unbekannt blieb. Deshalb kann er dies Licht auch nicht erstreben, vielmehr erstrebt er die Finsternisse, da er sie kennt. So gleitet er von Finsternis zu Finsternis, von jener Finsternis geführt. Denn eine Finsternis kann nicht führen, es sei denn, sie führe zu einer anderen Finsternis. So sagt David: «Der Tag kündet es dem Tag, und die Nacht gibt ihr Wissen an die Nacht» (Ps 18, 3). So ruft ein Abgrund den andern: ein Abgrund des Lichtes ruft einen andern des Lichtes, ein Abgrund der Finsternis einen solchen, da Gleiches sich zu Gleichem findet. Nachdem aber das Licht der Gnade auf die Seele niedergestrahlt war und den Abgrund ihres Geistes damit aufgehellt hatte, nachdem Gott sie seinem Licht erschloß und sie vor sich wohlgefällig machte, da rief dieser Abgrund der Gnade einen andern Abgrund der Gnade: die Umwandlung der Seele in Gott. Mit solcher Umwandlung wird das Auge des Sinnes so aufgehellt und so annehmbar für Gott, daß Gottes Licht und der Seele Licht eines genannt werden können. In dieser Vereinigung des natürlichen Lichtes der Seele mit dem übernatürlichen Gottes ist es das übernatürliche allein, das hinausstrahlt so wie das erste Licht, das Gott schuf sich derart mit dem Sonnenlicht vereinigte, daß nunmehr das Licht der Sonne allein hinausstrahlte, ohne daß darum das andere erlosch.
72. Auch war dieser Sinn ein blinder wegen seines Geschmacks an anderen Dingen. Denn die Blindheit des höheren, vernünftigen Sinnes besteht in dem Trieb, der sich gleich Dünsten und Wolken quer über das Auge der Vernunft legt und den Blick auf das Sichtbare ihm benimmt. Und sofern der Trieb jenem Sinn einen Reiz dicht vor Augen stellte, war er blind für das Große, für Gottes Pracht und Schönheit hinter solchem Gedünst. Es genügt der kleinste Gegenstand, der auf die Augen gelegt wird, um den Blick für Gewaltiges, unmittelbar vor den Augen Ragendes abzudichten; und so genügt ein leichtes Gelüst, ein eitler Vorgang in der Seele, um die göttliche Herrlichkeit zu verdekken, die hinter den von der Seele beliebten Gelüsten und Genüssen bereitsteht.
1 Da Gott das Licht am ersten Schöpfungstag, die Sonne aber erst am dritten schuf. Vgl. dazu Thomas, Summa Theologica I q 67 a 4 ad 2.
73. O wer könnte hier darlegen, wie unmöglich es für die begehrliche Seele ist, das Göttliche nach seinem Wesen zu beurteilen! Denn für solches Urteil muß Gelüst und Genuß gänzlich ausgetrieben werden. Sonst trüben sie das Urteil, und die Seele kommt unvermeidlich dahin, das Göttliche für nichtgöttlich und das NichtGöttliche für göttlich zu halten. Mit diesem Gewölk des Triebes vor der Urteilskraft gewahrt die Seele nichts als Dunst, ein Gewoge bald von dieser, bald von jener Farbe. Und diesen Dunst hält sie für Gott, weil sie nichts anderes gewahrt als Dunst, der ihren Sinn überdeckt und ihn für Gott unempfänglich macht. So verhindert Sinnenhaftes, Gelüst und Genuß, das Gewahren des Erhabenen. Der Weise macht solches wohlverständlich: «Die Eitelkeit verdunkelt trügerisch die Güter; und die Unbeständigkeit der Begier verkehrt den geraden Sinn» (Wh 4, 12). Gemeint ist das klare Urteil.
74. So werden jene, deren Triebe und Gelüste nicht hinreichend vergeistigt, sondern noch irgendwie animalisch sind, das für etwas Großes halten, was dem Geiste niedrig und kläglich ist, was sich aber dem Sinnenhaften, nach dem sie noch leben, am meisten annähert; umgekehrt werden sie das geringschätzen, was der Geist am höchsten schätzt, das, was sich am meisten vom Sinnenhaften entfernt. Und mitunter halten sie solches sogar für Wahnsinn, wie es Paulus bezeugt: «Der Sinnenmensch ist nicht empfänglich für das Geistige Gottes; ihm ist solches Wahnsinn; und nicht vermag er es zu begreifen» (1 Kor 2, 14). Als Sinnenmensch ist hier der zu verstehen, der immer noch nach seinen natürlichen Trieben und Gelüsten lebt. Wohl mögen einige dieser Gelüste vom Geist her auf den Sinn übergreifen; allein wenn der Mensch sich solcher Regung mit seinen natürlichen Trieben bemächtigt, werden solche Regungen zu reinnatürlichen. Mag der Gegenstand oder der Beweggrund übernatürlich sein, falls der Trieb im Natürlichen wurzelt und wächst, bleibt er natürlicher Trieb. Denn er verhält sich seinem Wesen nach kaum anders, als wäre er aus natürlichem Beweggrund und Gegenstand hervorgegangen.
75. Nun wirst du mir einwenden: danach würde die Seele Gott nicht übernatürlich erstreben; und so wäre ihr Begehren vor Gott nicht verdienstvoll. Ich antworte: es ist wahr, daß der Seele Begierde nach Gott nicht immer übernatürlich ist, sondern nur dann, wenn Gott sie eingießt und ihr die Kraft des Anstrebens verleiht; und solches Verlangen ist sehr verschieden von dem natürlichen Begehren, das gar nicht oder nur sehr wenig verdienstvoll ist, solange Gott es nicht bekräftigt. Wenn also du, aus Eigenem, Begehren nach Gott hegen willst, so ist und bleibt das eine natürliche Begierde, solange bis Gott dich übernatürlich erleuchten will. Willst du also von dir aus dein Begehren an geisthafte Dinge heften, willst du dir aus ihnen Lust aneignen, dann betätigst du deinen natürlichen Trieb, dann verblendest du deine Augen mit Dunst und bist ein Triebwesen. Und dann hast du kein einsichtiges Urteil über das Geisthafte, das alle natürlichen Sinne und Triebe übersteigt. Und wenn du weiterhin Zweifel hegst, dann weiß ich dir nichts anderes zu sagen, als daß du meine Worte nochmals lesest und sie vielleicht dann verstehst. Denn bereits ausgesprochen ist die wesentliche Wahrheit. Sich darüber weiter zu verbreiten, ist nicht angebracht.
76.Dieser Sinn der Seele, der zuvor dunkel war ohne Gottes Licht und blind in seinen Trieben und Neigungen, ist jetzt bis in seine tiefsten Buchten hinein klar durchleuchtet dank dieser Einigung mit Gott, ja mehr: er ist jetzt selber ein ausstrahlendes Licht mitsamt allen Höhlungen seiner Vermögen.
in fremder Himmelsreine
dem Liebsten beides, Licht und Wärme spenden
77Da nun diese Höhlungen der Vermögen schon so wundergleich mit den hehren Strahlen jener Feuerleuchten verschmolzen sind, mit diesen klaren Brünsten in der Seele, so entsenden sie über ihre Gotthingabe hinaus den gleichen Strahlglanz, den sie in beseligter Liebe empfangen haben in Gott zu Gott zurück. Hingeneigt in Gott zu Gott, sind diese Abgründe in der Ausstrahlung der göttlichen Leuchten selber zu Feuerleuchten geworden, die dem Geliebten das gleiche Licht, die gleiche Liebesglut hinschenken, die sie von ihm empfangen. Auf die gleiche Weise, wie sie die Lichtbrunst empfingen, geben sie diese an ihn, der sie gab und sie wieder empfängt; und sie tun es mit dem gleichen Schönheitsglanz, den er ihnen gibt so wie das Fensterglas beim Auftreffen der Sonne blendenden Glanz zurückwirft. Nur ist jener andere Widerschein erhabener, da der Wille dabei ins Spiel tritt.
78. In fremder Himmelsreine das heißt, fremd und unzugänglich allem gewöhnlichen Denken, allem Ausdruck, aller Weise. Denn der Vollkommenheit, womit die Erkenntniskraft, vereint mit Gottes Erkennen, die göttliche Weisheit empfängt, entspricht die Vollkommenheit, womit die Seele sie gibt. Sie kann dies Vollkommene nur in der Weise geben, wie es ihr gegeben wurde. Und entsprechend der Vorzüglichkeit, in der der Wille mit der Güte vereint ist, gibt sie Gott in Gott eben diese Güte zurück, denn sie empfängt ja nur, um zu geben. Und entsprechend der Vollkommenheit, womit sie Gottes Großheit aufnimmt, und geeint mit dieser, strahlt und lodert sie Liebe aus. Und der Vorzüglichkeit anderer Eigenschaften Gottes, wie Stärke, Schönheit, Gerechtigkeit, die er hier der Seele mitteilt, entspricht die Vorzüglichkeit, womit der Sinn in seinem Geliebten freudig an seinen Geliebten gibt die gleiche feurige Helle, die er von seinem Geliebten empfängt. Mit ihm eines geworden, ist sie in gewisser Weise Gott durch Teilhabe. Doch ist sie das noch nicht so vollkommen wie im andern Leben; sie ist, wie wir es nannten, gleich Gottes Schatten. Da sie kraft ihrer wesenhaften Überformung zu Gottes Schatten geworden ist, so wirkt sie in Gott durch Gott, was er in ihr durch sich selber wirkt; und sie tut es auf seine Weise. Denn der Wille der beiden ist eins; und so ist Gottes Wirken eins mit ihrem Wirken. Wenn Gott sich demnach mit freiem, gnadenreichem Willen ihr hingibt, so tut sie das gleiche, kraft ihres Willens, der um so freier und freigebiger ist, je mehr er mit Gott geeint ist: in Gott schenkt sie Gott an Gott selber. Und es ist eine wahrhafte und vollständige Gabe der Seele an Gott. Denn hier wird es der Seele bewußt, daß Gott wirklich ihr Eigen ist, und daß sie, angenommen von Gott als Gottes Kind, ihn mit dem Recht des Erben zueigen hat. Gott in seiner Huld gab sich selber ihr hin. Und so kann sie ihn als ihr Eigen gemäß ihrem liebenden Willen verschenken und mitteilen : so gibt sie ihn ihrem Geliebten, gibt ihn an Gott selber, der sich ihr hingab. Nach ihrem Willen gibt sie ihm soviel zurück, wie sie von ihm empfängt; und so zahlt sie Gott zurück, was sie ihm schuldet.
79 Die Seele schenkt ihm als ihr Eigenes den Heiligen Geist, mit willentlicher Hingabe, damit er in diesem Geiste sich nach seinem Wert liebe. Und damit gewinnt sie unergründliche Wonne und Seligkeit; wird sie doch inne, daß sie Gott etwas ihr Eigenes schenkt, eine Gabe, die ihm nach seinem unendlichen Sein entspricht. Und wenn die Seele Gott auch nicht in Wirklichkeit Gott geben kann, weil er in sich selber immer der gleiche ist, so tut sie es doch von sich aus in aller Vollkommenheit und Wahrhaftigkeit, alles hingebend, was er ihr gab, weil sich die Liebe nur an solcher Gleichheit von Geben und Nehmen ersättigt. Und Gott ist befriedigt von solcher Gabe der Seele denn geringeres könnte ihn nicht zufriedenstellen. Er weiß ihr Dank; wie für ein Geschenk aus dem Schatz der Seele. Und in solcher Freude des Gebens liebt auch die Seele wie mit neu anhebender Liebe. Und so entsteht zwischen Gott und der Seele wirklich eine wechselseitige Liebe, in Übereinstimmung mit der ehelichen Vereinigung und Hingabe, wobei das Gut der beiden, nämlich die göttliche Wesenheit, von jedem auf freie Weise besessen wird, auf Grund der freiwilligen Hingabe des einen an den anderen. Und einer sagt zu dem anderen, was der Gottessohn bei Johannes zum Vater sagt: «Alles, was mein ist, ist dein; und was dein ist, ist mein; und in solchem Austausch bin ich verherrlicht» (Joh 17, 10). Solches vollzieht sich im anderen Leben, im beseligten Genießen, ohne Unterbrechung; hier jedoch geschieht es, wenn Gott in der Seele das Bewußtsein ihrer Umwandlung erweckt, ob wohl der Vollzug noch nicht so vollkommen ist wie im andern Leben. Daß die Seele ein so großes Geschenk darbringen kann, obgleich es ihr eigenes Sein und Können weit übersteigt, das ist unzweifelhaft. Denn es kann ja auch einer, der über viele Völker und Reiche herrscht, die viel gewichtiger sind als er, sie dennoch nach seinem Belieben verschenken.
80. Dies ist die große Befriedigung und Genugtuung der Seele, Gott offensichtlich mehr zu geben, als sie in sich ist und wert ist Gott als ihr Eigentum mit größter Freigebigkeit an Gott selber zu vergeben, mit der gleichen göttlichen Helle und göttlichen Glut, die sie empfängt. Und solches vollzieht sich im anderen Leben kraft des Lichtes der Glorie und in diesem kraft des ganz aufgehellten Glaubens. Auf solche Weise geben «des Sinns abgründige Höhlen ohne Enden nicht länger blind von Dünsten in fremder Himmelsreine» dem Liebsten beides, Licht und Wärme. Beides zusammen denn es teilen sich Vater, Sohn und Heiliger Geist zugleich der Seele mit, als Feuerleuchten der Liebe.
81. Die strahlende Vollendung, mit der die Seele solche Hingabe ausführt, sei hier kurz vermerkt. Es kann gesagt werden, daß die Seele hier einen Widerschein des Himmelsglanzes genießt, dank der Einigung der Erkenntniskraft und des Gefühls mit Gott. Und in dankbarer Entzückung über so große Gunst vollzieht sie diese Hingabe Gottes und ihrer selbst an Gott wundersam hold. In der Liebe neigt sich die Seele zu Gott in fremder Himmelsreine, und ebenso bietet sie sich ihm in diesem Widerschein der Glorie, und ebenso in ihrem Gotteslob, ihrer Danksagung.
82. In der Liebe scheinen bei der Seele vor allem drei Vollkommenheiten hervor: der erste Vorzug ist, daß die Seele nicht um ihretwillen Gott liebt, sondern um seinetwillen ein staunenswerter Vorzug, denn die Seele liebt kraft des Heiligen Geistes so, wie der Vater und der Sohn sich lieben. Das bekundet der Sohn durch den Evangelisten Johannes: « Die Liebe, mit der du mich liebtest, sei in ihnen und ich in ihnen» (Joh 17, 26). Der zweite Vorgang ist, Gott in Gott zu lieben; denn in dieser Einigung geht die Seele ungestüm in Gottesliebe auf, und Gott gibt sich mit großer Gewalt an die Seele hin. Der dritte Vorzug bei dieser Liebe ist, Gott als den zu lieben, der er ist. Liebt sie ihn doch nicht nur, weil er etwa für sie freigebig, gut oder beseligend ist; viel feuriger liebt sie ihn, weil er in seiner Ganzheit all dieses wesentlich ist.
83. Und bei jenem Widerschein der beseligenden Glorie besitzt sie drei wunderbare wesentliche Vorzüge: die Seele genießt hier Gott durch Gott selber. Denn da die Seele ihre Erkenntniskraft in die Allmacht, Weisheit, Güte und andere göttliche Eigenschaften einsenkt, wenn auch nicht so vollständig wie im andern Leben, genießt sie frohlockend all das Erkannte im Einzelnen. Der zweite Hauptvorzug bei solcher Entzückung ist die Reinheit, mit der sie ausschließlich Gott aufnimmt, ohne irgendeine Beimischung von Geschöpflichem. Der dritte Vorzug ist es, ihn nur nach seiner Wesenheit zu genießen, ohne Beimischung einer eigensüchtigen Befriedigung.
84. Auch bei der Lobpreisung, die von der Seele in dieser Einigung Gott dargebracht wird, zeigen sich drei Vorzüge. Die Seele lobpreist Gott in dem Bewußtsein, daß sie dazu
berufen, dafür geschaffen ist. So wie es Isaias verkündet: Dies Volk bildete ich für mich. Lobpreisungen soll es mir singen» (Is 43, 21). Die zweite Vollkommenheit des Gotteslobes ist es, daß es vom Dank für die empfangenen Heilsgüter und von der Freude am Gotteslob beschwingt wird, nie dritte Vollkommenheit solchen Lobes ist es, daß es Gott um seiner selbst willen preist, und daß die Seele auch wenn es ihr keinerlei Freude brächte, Gott loben würde, weil er ist.
85. Auch ihre Dankgebete weisen drei Vorzüge auf. Sie sagt Dank für alles Empfangene, für natürliche und geisthafte Gaben und für die Segnungen. Der zweite Vorzug ist die große Erquickung, die ihr das Dankgebet bereitet; denn mit großem Ungestüm wird sie zur Danksagung hingerissen. Die dritte Vollkommenheit ist die Danksagung an Gott für das, was Gott ist eine viel stärkere und köstlichere Weise des Dankes.
Wie liebreich und verstohlen
erwachst du in Gehegen,
tief im Gemüt mir, wo du sieghaft gründest:
mit würzigem Atemholen
voll sonnenholdem Segen
wie unberührbar zart du mich entzündest!
Erläuterung
1. Hier wendet sich die Seele voll Inbrunst zu ihrem Gatten, ihn hochpreisend für zwei wunderbare Auswirkungen ihrer Einigung, die er ihr zu verkosten gibt. Sie spricht von der Weise, wie er jede dieser Wirkungen in ihr hervorbringt, und davon, wie sie diese fortschwingenden erlebt.
2. Die erste Wirkung ist ein Aufwachen Gottes in der Seele; und die Weise solcher Vergegenwärtigung ist voll Sanftheit und Liebe. Die zweite Wirkung ist ein Atemholen Gottes in der Seele. Und die Weise solchen Atmens durchhaucht die Seele mit Heil und Herrlichkeit. Und die Weise solchen Wehens erregt in der Seele eine Liebe, überaus zart wie dies Hauchen.
3. Und so ist es, als sagte sie: Dein Erwachen, o Wort, mein Gemahl, dein Bewußtwerden im Kerne meiner Seele, in ihrem lauteren innersten Wesen, dort, wo du verstohlen als Alleinherrscher weilst, nicht nur wie in deiner Wohnung und auf deinem Lager, sondern zugleich auch mit innigster Bindung wie in meinem eigenen Schoße wie sanft und hebreich ist deine Regung! Du, in hochherziger Weise sanft und Hebreich, in deinem würzigen Atemholen beim Erwachen, würzig für mich, die von Herrlichkeit überströmte mit welcher Zartheit entfachst du mich für dich! Mit solchen Worten nimmt die Seele ihr Gleichnis von dem Schläfer, der mit tiefem Atemzuge erwacht. Und wirklich, so erlebt sie es. Es folgen die Verse:
Wie liebreich und verstohlen erwachst du in Gehegen
4. Es gibt viele Weisen Gottes, für die Seele wachzuwerden _ so viele, daß wir mit einer Aufzählung nicht zuendekämen. Doch was die Seele hier veranschaulichen will, dieses Wachwerden, das der Gottessohn sie erleben läßt, ist doch wohl eines der erhabensten und heilvollsten für die Seele. Denn dieses Erwachen ist eine Bewegung des Wortes in der Substanz der Seele, von solcher Größe und Machtfülle und Beseligung, von so verzückender Innigkeit, daß für die Seele alle Balsampflanzen und Duftblüten der Welt ineinanderschwellen und ihre Süße hinausschleudern, derart, daß alle Reiche und Herrschaften der Welt und alle Gewalten und Kräfte des Himmels sich regen. Und nicht nur dies: es dünkt sie auch, daß alle Kräfte, Substanzen, Vollkommenheiten und Begabungen alles Geschaffenen aufleuchtend sich mitbewegen, jedes für sich und alle einhellig miteinander. «Alles hat in ihm das Leben,» sagt Johannes (Joh i, 34). Und Paulus : «In ihm leben und sind und schwingen wir »(Apg 17,28). Wenn dieser erhabenste Kaiser sich in der Seele bewegt, er, der nach Isaias sein Reich auf den Schultern trägt (Is 9, 6), worunter die Reiche des Himmels, der Erde und der Hölle mit allen Inwohnenden zu verstehen sind, er, der nach Paulus «das All durch sein machtvolles Wort trägt» (Hebr 1, 3), wenn er sich bewegt, dann scheint alles auf einmal sich zu bewegen, in der Weise, wie bei der Bewegung der Erde alle natürlichen Dinge auf ihr sich mitbewegen, als wären sie nichts. So ist es, wenn dieser höchste Herrscher sich bewegt, er, der seine Reiche und Vasallen trägt und nicht von ihnen getragen wird.
5. Allein dieser Vergleich ist recht unzulänglich; denn hier scheint alles Geschaffene nicht nur sich zu bewegen, sondern auch insgesamt die Schönheiten seines Daseins, seine Kräfte seinen Adel zu offenbaren, bis in die erhaltende Wurzel seines Lebens. Hier wird die Seele gewahr, wie alle Geschöpfe der Höhe und der Tiefe Leben, Kraft und Dauer in ihm besitzen. Und klar erkennt sie die Wahrheit seiner Worte, die in den Sprüchen wiedergegeben sind: «Durch mich herrschen die Könige, und durch mich walten die Fürsten und üben die Mächtigen einsichtig Gerechtigkeit» (Spr 8,1516). Wenngleich die Seele hier zu erkennen vermag, daß all diese Dinge als geschaffene von Gott unterschieden sind und nach ihrem Ursprung und mit ihren Wachstums kräften in ihm bestehen, so erkennt sie doch auch, daß Gott in seinem Wesen mit unendlicher Überlegenheit all dieses Geschaffene ist. Und so erfaßt sie die Geschöpfe besser in seinem Wesen als in ihnen selber. Und das ist das Entflammende solchen Wachwerdens, durch Gott die Geschöpfe zu erkennen und nicht durch die Geschöpfe Gott. Das heißt die Wirkungen aus ihrem Urgrund erkennen und nicht den Urgrund aus den Wirkungen. Denn diese Erkenntnis ist eine abgeleitete, jene aber ist wesentlich.
6. Es ist wunderbar, wie sich solche Bewegung in der Seele vollzieht, trotzdem Gott unbeweglich ist. Wenn Gott sich dann auch nicht bewegt, so scheint es der Seele doch, er bewege sich wirklich. In Wahrheit ist sie es, die von Gott verändert und bewegt und für eine so übernatürliche Erfahrung befähigt wird. Und wie ihr nun in solcher Morgenfrische dies göttliche Leben aufgeht mitsamt dem harmonischen Sein und Weben aller Geschöpfe in ihm, da erscheint ihr Gott als der Bewegte. So erhält der Urgrund den Namen seiner Wirkung; und von der Wirkung her läßt sich sagen, daß Gott sich bewegt. So kann der Weise sagen: «Die Weisheit ist beweglicher als alle beweglichen Dinge»
(Wh 7, 24). Und sie ist es, nicht weil sie sich bewegt, sondern weil sie Anfang und Ursprung aller Bewegung ist. In sich selber beharrend, so fährt der Weise fort, erneuert sie alles. Das bedeutet: Die Weisheit ist aktiver als alle aktiven Dinge. So ist die Seele bei solcher Bewegung die Bewegte, aufgeweckt vom Schlaf natürlichen Anschauens hin zu übernatürlicher Schauung. Und so kann sehr wohl von einem Erwachen gesprochen werden.
7. In Wahrheit verharrt Gott so, wie die Seele ihn gewahren durfte: bewegend, herrschend, allen Geschöpfen Sein und Kraft, Gaben und Holdheit verleihend. Da er sie wirklich und wesentlich in sich hält, so sieht die Seele mit einem einzigen Blick, was Gott in sich und was er in seinen Geschöpfen ist vergleichbar jemandem, der in einen Palast eintritt und zugleich das erhabene Wesen des darin Thronenden und sein Wirken gewahrt. Wie aber solches Erwachen und Erschauen der Seele möglich ist, das möchte ich so erklären: Gott nimmt der Seele, die gleich jedem Geschöpf wesentlich in ihm gründet, einige der vielen Schleier von ihren Augen hinweg, damit sie ihn sehe, wie er ist. Und hindurch schimmert durch die noch verbliebenen Schleier sein gnadenreiches Antlitz im Dämmerlicht. Und wie er alle Dinge mit seiner Kraft bewegt, so erschimmert zugleich mit ihm das, was er wirkt. Und in unaufhörlicher Regung scheint er sich in ihnen, scheinen sie sich in ihm zu bewegen. Und so scheint es der Seele, daß er sich bewegte, daß er aufwachte, während sie die Bewegte und Erweckte war.
8. Das ist unsere niedrige Beschaffenheit: wie wir sind, so wähnen wir auch die anderen, und nach uns beurteilen wir die übrigen, mit uns messend anstatt mit einem äußeren Maßstab. Der Dieb denkt daß auch andere stehlen. Der Schmähsüchtige hält andere für schmähsüchtig, der Boshafte andere für boshaft, ein Urteil, das seiner Bosheit entstammt. Der Gute denkt gut von den anderen, ausgehend von der ihm innewohnenden Güte. Wer sorglos und schläfrig ist, glaubt an die gleichen Eigenschaften bei andern. Wenn wir selber demnach achtlos und schläfrig vor Gott sind, dann erscheint uns Gott als der Schlafende und Achtlose so wie David im dreiundvierzigsten Psalm zu Gott spricht: «Erhebe dich, Herr! Warum schläfst du? Erhebe dich!» (Ps3443.) Damit werden Gott menschliche Eigenschaften unterstellt: sie, die Schläfrigen, Gesunkenen, sagen zu Gott, er möge erwachen und sich erheben, als wäre nicht er es, der niemals schläft, der Israel bewacht (Ps 120, 4).
9. Da aber in Wahrheit alles Gute in uns von Gott kommt und da der Mensch von sich aus nichts Gutes hervorzubringen vermag, so kann unser Erwachen als ein Erwachen Gottes bezeichnet werden und unsere Erhebung als Erhebung Gottes. Und so will David sagen: Erhebe uns, und nochmals : erhebe uns. Denn wir sind eingeschlafen und zwiefach gefallen. Da nun die Seele einem Schlummer verfallen war, woraus sie nicht selber erwachen konnte, sondern nur Gott sie erwecken und ihr die Augen öffnen konnte, so nennt sie es treffend ein Wach werden Gottes für sie, wie sie es sagt: «erwachst du in Gehegen, tief im Gemüt mir.» Erinnere dich unser, Herr, und erleuchte uns, damit wir die Heilsgüter, die du immer für uns bereithältst, anerkennen und Heben, und damit wir einsehen, wie du dich zu Gunsterweisen bewegtest und dich zu uns niederneigtest.
10.Gänzlich unaussprechlich ist, was die Seele bei solchem Wachwerden für Gottes Herrlichkeit einsieht und empfindet. Wird sie doch im Kern ihres Wesens, tief im Gemüt von Gottes Herrlichkeit heimgesucht. Und diese klingt in der Seele mit ungeheurer Machtfülle auf, als Chor einer Überzahl von Herrlichkeiten, als Zusammenklang von tausend und abertausend Tugenden Gottes, unzählbaren. Im Bann dieser Überfülle wird die Seele stark geordnet, gleich Schlachtreihen, und zugleich wird sie geschmeidig und an mutig gemacht mit allem Gefälligen und Anmutenden der Kreaturen.
11. Doch hier kann sich ein Zweifel erheben: Wie soll die Seele eine so gewaltige Heimsuchung in der Schwäche ihres Leibes ertragen, sie, die aus eigener Kraft einer solchen Gewalt nicht standhalten könnte? Königin Esther sah den König Assuerus auf seinem Thron, in Prunkgewändern, schimmernd von Gold und Edelgestein; und nur vor seinem erschreckenden Anblick erbebte sie derart, daß sie ohnmächtig wurde. Sie selber bekennt, daß sein Prunk und sein engelgleiches strahlendes Antlitz all ihre Sinne überwältigten (Esth 16). Denn die Herrlichkeit drückt den nieder, der nicht durch sie verherrlicht wird. Um wieviel mehr wird die Seele überwältigt werden, wenn nicht nur ein Engelgleicher, sondern Gott selber ihr erscheint, mit seinem Antlitz strahlend von der Anmut aller Geschöpfe, mit seiner Macht und Herrlichkeit und der Stimme seiner unzähligen Vollkommenheiten! So kann Job sagen: «Wenn wir kaum ein Tröpfchen seiner Stimme hören können, wer wird dann die Gewalt seines Donners ertragen?» (Job 16, 14.) Und an anderer Stelle: «Nicht möchte ich, daß er mir nach seiner Stärke begegnet; er könnte mich sonst mit der Wucht seiner Größe niederdrücken.»
12. Zwei Gründe gibt es dafür, daß die Seele bei so machtvollem und herrlichem Bewußtwerden nicht in Ohnmacht sinkt. Als erstes: die Seele ist im Stande der Vollkommenheit, darin auch der Sinnenteil sehr geläutert und dem Geiste angeglichen ist; so empfindet sie nicht die Beeinträchtigung und die Qual, die Geist und Sinnlichkeit bei minderer Läuterung und Empfänglichkeit zu fühlen pflegen. Doch dies allein würde nicht verhindern, daß die Seele von so übergroßer Erhabenheit versehrt wird, da solche Heimsuchung die Fassungskraft auch der geläutertsten Natur übersteigt worauf wir mit den Worten Jobs hinwiesen. Eine zweite Erklärung ist die wirklich zureichende: Liebreich zeigt sich Gott der Seele, wie sie im ersten Verse sagt, sanftmütig. Gott zeigt der Seele nicht nur seine Größe und Herrlichkeit, sie so zu bereichern und zu erhöhen; vielmehr um die Natu huldvoll vor Schädigung zu bewahren, zeigt er dem Geiste seine Größe mit liebreicher Sanftmut, wobei die Seele nicht weiß, ob sie solche Heimsuchung im Leibe oder außerhalb des Leibes erfährt. Wohl kann er solches wirken, der mit seiner Rechten Moses schirmte und für den Anblick seiner Herrlichkeit befähigte (Ex 33, 22). Und soviel Sanftmut und Liebe erfühlt die Seele in ihm, wie sie Macht und Herrlichkeit und Größe in ihm erfährt; denn in Gott ist alles un_ trennbar. Und so ist die Beseligung stark und ist dank Gottes sanftmütiger Liebe sein Schutz stark genug, um so gewaltige Entzückung ertragbar zu machen. Demnach verbleibt die Seele machtvoll und stark, anstatt in Ohnmacht zu sinken. Wenn Esther überwältigt wurde, so deshalb, weil sich der König anfänglich ungnädig zeigte und ihr, wie sie sagt, mit der Glut seiner Augen den Zorn seines Herzens offenbarte (Esth 15, iof); als er sie nachher mit seinem Zepter berührte und sie umfing, kam sie zu sich, bei seinen Worten, daß er ihr Bruder sei und sie ohne Furcht sein solle.
13. Doch hier erweist sich der Himmelskönig der Seele sogleich freundschaftlich, als ihresgleichen, als ihr Bruder; und sogleich bleibt die Seele ohne Furcht. Denn er zeigt ihr in Sanftmut und nicht im Zorn seine Allgewalt, er zeigt seine liebreiche Güte. So flößt er ihr seine starkmütige Liebe ein. Von seinem Thron in der Seele steigt er als Gatte zu ihr nieder, von seinem verborgenen Lager; mit dem Zepter seiner Majestät berührt er sie, wie ein Bruder umfängt er sie. Hier nun die königlichen Gewänder und ihr Wohlgeruch, die staunenswerten Tugenden Gottes! Hier der Schimmer des Goldes, seine Liebe! Hier das funkelnde Geschmeid, die Einsicht in die höheren und die tieferen Wesen! Hier das Antlitz des göttlichen Wortes voll Holdseligkeit, von der die königliche Seele umstrahlt und eingehüllt wird. Verwandelt in die Tugendkraft des Himmelskönigs findet sie sich zur Königin erhoben; und so kann sie Davids Psalmen für sich in Anspruch nehmen: «Die Königin thronte deiner Rechten, angetan mit einem Goldgewand und überschimmert von vielfarbigem Geschmeid» (Ps 44, 10). und da all dieses im innersten Kerne der Seele vorgeht, fährt sie alsbald fort:
tief im Gemüt mir, wo du sieghaft gründest
14. Im tiefsten Gemüt weilt er verborgen; und dort, im Kerne der Seele, wird ihr die holde Umarmung zuteil. Wohl weilt Gott geheim und verborgen in aller Seelen Wesenheit, als Voraussetzung ihres Bestehens. Doch gibt es Unterschiede dieses Weilens, und zwar beträchtliche. Denn in den einen weilt er allein, in andern nicht allein; den einen ist sein Weilen willkommen, anderen unwillkommen; in den einen weilt er heimisch wie in seinem Haus, alles darin beherrschend und befehligend, und in anderen weilt er unheimisch in fremdem Haus, darin er nichts anordnen, nichts wirken kann. In der Seele, die am wenigsten eigene Triebe und Gelüste beherbergt, wohnt er am einsamsten, am würdigsten und am meisten wie im eigenen Haus, das er beherrscht und durchwaltet. Und je einsamer um so geheimer weilt er dort. In einer Seele, die alle Gelüste, alle Bilder und Formen, alle Neigungen zu Geschöpfen von sich ausschloß, wohnt der Geliebte am geheimsten, mit um so stärkerer und innigerer Umschlingung, je lauterer, je ausschließlicher sie Gottes ist. Und so weilt er verstohlen, da nicht der Dämon bis zu solcher Tiefe, zu solcher Umschlingung vordringen kann, und nicht Menschenverstand solche Weise ergründet. Allein für die Seele in dieser Vollkommenheit ist er nicht geheim. Fühlt sie doch immer in sich diese innige Umarmung. Anders ist es mit jenen Erweckungen: sie vollziehen sich nicht immer. Wenn der Geliebte sie erregt, dann scheint es der Seele, daß er in ihrem Schöße, wo er wie schlafend war, sich erwecke. Denn wenngleich sie ihn schon zuvor empfand und verkostete, so war er ihr dabei doch wie ein in ihrem Schoß Entschlummerter. Schläft einer von zwei Liebenden, so ruht der Austausch von verständnisinnigen Zärtlichkeiten, bis sie beide wieder wach sind.
15.Selig ist die Seele, die es ohne Unterlaß empfindet, wie Gott in ihrem Schoße tiefe Ruhe findet! O wie sehr muß sie sich von den Dingen absondern, Geschäftigkeit fliehen und mit grenzenloser Gelassenheit leben! Nur so wird der Geliebte durch keine, auch nicht die geringste Störung beunruhigt, nur so wird er ihr nicht entgleiten. Zumeist weilt er in ihrem Gemüt wie schlafend, die Gattin umfangend; ganz deutlich empfindet sie es zu ihrer Beseligung. Wenn er immer wachend in ihr weilte, wenn er sich ihr immer mit Verständigungen und Liebkosungen zu Bewußtsein brächte, so würde das bedeuten, daß sie schon in die ewige Seligkeit entrückt wäre. Wo bereits ein einziges Erwachen, ein flüchtiges Aufschlagen der Augen über die Seele eine solche Entzückung kommen läßt, was geschähe ihr, wenn er in ihrem Schöße unablässig für sie hellwach wäre?
16.In anderen Seelen, die nicht so erhabenen Stand erlangten, bei solchen, die zwar im Stande der Gnade, aber nicht wohlvorbereitet sind, weilt er auf ihnen verborgene Weise. Sie empfinden für gewöhnlich sein Innewohnen nicht, sondern nur dann, wenn er sich mit einigen köstlichen Berührungen ihnen zu Bewußtsein bringt mit Berührungen, die nicht vom Gepräge jener Liebkosungen sind und die deshalb der Erkenntniskraft und dem Dämon minder verborgen sind. Bis zur Einigung mit Gott, bis zur vollkommenen Entbundenheit verrät sich die Seele ihnen noch durch einige sinnenhafte Regungen, durch einige Betätigungen im Bereich des Geistes, da sie noch nicht ganz vergeistigt ist. Allein bei diesem Aufwachen des Gatten in der vollkommenen Seele ist jedes Geschehen vollkommen, weil er es ist, der alles in ihr wirkt. Es ist, wie wenn einer aufwacht und tief Atem holt: nun fühlt die Seele eine überirdische Wonne, durchhaucht vom Heiligen Geiste in Gott, in dem sie aus Überschwingender Liebe frohlockt. Und so singt sie:
Mit würzigem Atemholen
voll sonnenholdem Segen
wie unberührbar zart du mich entzündest!
17. Ein solches Einhauchen von Heil und Herrlichkeit und Gottes zartester Liebe in die Seele ich möchte es nicht berühren davon will ich nicht künden, weil ich klar sehe, daß ich es nicht auskünden kann. Worte reichen an solches nicht heran: es ist ja ein Durchhauchen, das Gott in der Seele wirkt. Dank jenes Erwachens und Bewußtwerdens für die Gottheit durchhaucht sie der Heilige Geist, so unermeßlich, wie ihr Innewerden Gottes war. Er versenkt sie bis zur letzten Tiefe in den Heiligen Geist, in seine Liebe von unvergleichlicher Innigkeit, von einer Süße, die Gottes Holdheit entspricht. Das Hauchen des Heiligen Geistes, in sich voll Heil und Herrlichkeit, erfüllt die Seele mit Heil und Herrlichkeit und entzündet so ihre Inbrunst, über alles Sagen und alle Sinne hinaus, in den Tiefen Gottes, dem Ruhm und Ehre sei. Amen.
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