I. BRIEF
Catalina von Jesus legte die Gelübde bei den Karmelitinnen der Reform in Valladolid ab, im Jahre 1572. Sie war in der Gründung Palencia, als Johannes vom Kreuz ihr diesen Brief schrieb. Von dort nahm Teresa sie für ihre Gründung in Burgos mit. Sie h in einem Kloster der Reform in Soria. Der Heilige schreibt ihr als einer vertrauten Tochter und spielt auf seine Gefangenschaft in Toledo an, sich mit Jonas vergleichend.
Jesus sei in Ihrer Seele, meine Tochter Catalina!
Wenn ich auch nicht weiß, wo Sie weilen, möchte ich Ihnen doch diese Zeilen schreiben, im Vertrauen, daß unsere Mut ter sie Ihnen zustellen wird, falls Sie nicht mit ihr unterwegs sind. Und wenn Sie nicht mit ihr reisen können, dann trösten Sie sich mit mir: ich bin entlegener verbannt und einsamer hierzulande. Seitdem mich jener Walfisch einschluckte und mich in diesem seltsamen Hafen ausspie, ist es mir niemals beschieden gewesen, weder sie noch die Heiligen dort zu sehen. Gott lenkte es zum Heil Verlassenheit meißelt uns aus, und erduldete Finsternis ist Vorläufer starken Lichtes.
Gefalle es Gott, daß wir nicht in Finsternis dahingehen. Oh, gar vieles möchte ich Ihnen sagen! Doch ich schreibe allzusehr ins Dunkle hinein, ohne Hoffnung, daß Sie solches empfangen; so breche ich ab.
Gedenken Sie meiner vor Gott. Nichts weiteres möchte ich Ihnen von hier mitteilen, der Sinn steht mir nicht danach.
Baeza, 6. Juli 1581
Ihr Diener in Christus
Fray Juan de la Cruz
2. BRIEF
Die an zweiter und dritter Stelle angeführten Briefe des Ordensvaters entstammen einer feierlichen Erklärung der Empfänger' die sie unvollständig zitiert. Die Empfängerin, Ana von St. Alb ' tus, gehört zu den vertrauten Töchtern der Ordenseltern. Im Jahre 1575 wurde sie von Teresa zur Gründerin in Caravaca bestimmt ein Karmel, in dem sie sich viele Jahre als Prior in bewährte. Während seines Rektorates in Baeza war Johannes zum erstenmal im Karmel zu Caravaca, nachdem Teresa ihn der Priorin brieflich als ihr anderes Ich, als begnadeten Helfer in seelischen Nöten empfohlen hatte. Erhalten ist noch ein Brief des Heiligen an die Priorin aus dem Jahre 1586 (Nr. 4) und ein weiterer aus seinem Todesjahr.
Wie lange vermeinen Sie, Tochter, daß fremde Arme Sie voranbringen sollen? Ich möchte Sie nun in so großer Ent blößung und Unabhängigkeit von der Kreatur sehen, daß die ganze Hölle Sie nicht zu erschüttern vermag. Wie unberech tigt sind die Tränen, die Sie jetzt vergießen! Wieviel wert volle Zeit, bedenken Sie, geht Ihnen über solchen Skrupeln verloren! Wenn Sie mir Ihre Schwierigkeiten mitteilen wol len, dann treten Sie vor jenen makellosen Spiegel des ewigen Vaters, vor seinen Sohn, in dem ich Sie jeden Tag gewahre; und ohne Zweifel werden Sie von dort getröstet hinwegge hen und es nicht nötig haben, vor den Türen armer Leute zu betteln.
3. BRIEF
Wenn Sie mir auch nichts sagen ich sage Ihnen, seien Sie nicht töricht, plagen Sie sich nicht mit Befürchtungen, die Ihre Seele entmutigen. Sie schulden Gott, was er Ihnen gegeben hat und Tag für Tag gibt. Es hat den Anschein, als wollten Sie Gott mit dem Maße Ihrer eigenen Fähigkeit essen; und das darf nicht sein. Bereiten Sie sich vor: Gott will Ihnen eine große Gnade erweisen.
Fray Juan de la Cruz
4. BRIEF
Sevilla, Juni 1586
Jesus sei in Ihrer Seele. Als ich nach Granada zur Gründung in Cordoba aufbrach, habe ich Ihnen in Eile geschrieben. Und hier in Cordoba empfing ich Briefe von Ihnen und von den Herren, die nach Madrid reisten und die wohl glaubten, mich auf der Ordenstagung zu treffen. Wissen Sie, zu dieser Versammlung ist es nicht gekommen, da ein Ende dieser Visitationen und Gründungen noch nicht abzusehen ist. Der Herr geht in diesen Tagen so stürmisch vor, daß wir kaum durch solchen Andrang hindurchwaten können. Die Grün dung unseres Mönchskarmel in Cordoba ist abgeschlossen, mit einer Festlichkeit und einem Beifall der ganzen Stadt, wie sie hier noch keinem Orden bereitet worden sind. Denn die ganze Geistlichkeit und die Bruderschaften schlossen sich an; und das Heiligste Sakrament wurde aus der Haupt kirche aufs feierlichste hinausgetragen; alle Straßen reich aus geschmückt, und das Volk wie an Fronleichnam. Das war am Sonntag nach Himmelfahrt; und der Herr Bischof kam und predigte und spendete uns hohes Lob. Das Kloster befindet sich in der besten Lage der Stadt, im Sprengel der Hauptkirche. Schon sorge ich in Sevilla für die Übersiedelung unserer Nonnen; diese haben einige ausgezeichnete Häuser dort ge kauft und bezahlten trotz deren Wert von mehr als zwanzig tausend Dukaten nur etwa vierzehntausend Dukaten dafür. Schon sind sie eingezogen; und am Tage des heiligen Barnabas wird der Kardinal das Heiligste Sakrament mit großer Feierlichkeit dort aufstellen. Und ich möchte dort vor meiner Abreise ein anderes Mönchskloster gründen, so daß deren zwei in Sevilla geben wird. Von hier breche ich Johannistag nach Ecija auf, wo wir mit Gottes Beistand ' weiteres gründen werden, und von dort sogleich nach Mal ga, von dort weiter zur Ordenstagung.
Wollte Gott, ich hätte Ermächtigung für die erwähnt Gründung, wie ich sie für die hier genannten habe, dann würde ich unverweilt ans Werk gehen. Auf der Tagung will ich mein Bestes tun. Sagen Sie das jenen Herren, denen ich noch schreiben will.
Es mißfällt mir, daß mit den Patres der Gesellschaft Jesu nicht sogleich der Vertrag abgeschlossen worden ist. Nach meiner Erfahrung stehen sie nicht zuverlässig zu ihrem Wort sie könnten nicht nur manches abändern wollen, sondern wie ich sie kenne, bei einem längeren Hinzögern ihre Zusage ganz zurückziehen, falls es ihnen nützlich erscheint. So las sen Sie sich's gesagt sein: verhandeln Sie mit Herrn Gonzalo Munoz, ohne den Patres oder anderen Personen etwas mitzuteilen. Verhandeln Sie mit ihm über den Kauf jenes anderen Hauses in der anderen Lage. Machen Sie alles schriftlich; am Ende werden jene dann zugänglicher. Und wenig Hegt daran, wenn man nachträglich erfährt, daß wir mit dem Kauf der Häuser uns von jenem Ärger befreien wollten. Vielleicht werden jene schließlich einlenken, so daß wir ohne derartiges Kopfzerbrechen zum Ziele kommen. Unterrichten Sie nur wenige und handeln Sie; denn Umschweifen kann man oft nur durch Umschweife begegnen.
Das Büchlein mit den Kanzonen des Geistlichen Gesanges möchte ich von Ihnen zurückerbitten. Denn inzwischen dürfte Madre de Dios die Abschrift vollendet haben.
Allzusehr verzögert sich diese Tagung; das bedaure ich, weil sich die Aufnahme von Dona Catalina dadurch hinzieht. Ich würde sie gern gewähren ...
Ihr Diener Fray Juan de la Cruz
Bitte empfehlen Sie mich Herrn Gonzalo Munoz, dem ich nicht durch Schreiben lästig fallen will.
Auch wird Euer Liebden ihm meinen Brief mitteilen.
5. BRIEF
Von den zweifellos zahlreichen Briefen, die Johannes an die ihm besonders liebe Gemeinschaft und an einzelne Schwestern dieser Gemeinschaft geschrieben haben wird, sind nur die drei folgenden erhalten. Einige dieser Karmelitinnen, zumal Ana de Jesus, sind von kirchengeschichtlicher Bedeutung.
Jesus sei in Ihren Seelen, meine Töchter. Denken Sie viel leicht, weil ich so stumm bleibe, ich verlöre Sie aus den Au gen, und ich beachtete nicht mehr, wie überaus leicht Sie auf Ihrem Wege heilig werden können, und wie Sie im sicheren Schutz Ihres beseligenden Geliebten und Bräutigams voran schreiten? Nun, ich komme zu Ihnen, und Sie werden sehen, ich vergaß Sie nicht; und wir werden Ihre Schätze zusammen betrachten, die gewonnen sind in der reinen Liebe und auf den Pfaden des ewigen Lebens, betrachten werden wir Ihr schönes Voranschreiten in Christus. Entzücken und Krone sind ihm seine Bräute, Kronen, die nicht über den Boden rollen dürfen, sondern nach ihrem Werte von Engelhänden erhoben und ehrfürchtig auf das Haupt des Herren gesetzt werden sollen.
Wenn das Herz zur Erde niedertrachtet, dann rollt die Krone hinab, und jede Niedrigkeit kann sie mit Füßen treten. Doch wenn das Herz hochstrebend wird, wie David es kennzeichnet, dann wird Gott erhöht und bekrönt mit der Hochherzigkeit seiner Braut, am Tage seiner innigen Freude, seines Weilens mit den Menschenkindern. Diese Gewässer innerer Erquickung entspringen nicht der Erde. Empor zum Himmel soll sich der Mund des Verlangens richten, frei von allem anderen Ausfüllenden. Und damit der Mund des Verlangens nicht durch den Geschmack eines andersartigen Bissens geschmälert wird, öffne er sich unbelastet empor zu ihm, der verheißt: «Öffne deinen Mund weit, und ich werde ihn dir anfüllen» (Ps 80, 11).
Wer demnach bei irgend etwas seine Lust sucht, der ist bereits nicht mehr ledig für Gottes ausfüllende Beseligungen. Entsprechend dem Beginn ist der Verlauf. Wer mit beladenen Händen vor Gott hintritt, der kann seine Gaben nicht mehr ergreifen. Gott befreie uns von so argen Belastungen, die uns so kostbarer Freiheit berauben.
Dienen Sie Gott, meine geliebten Töchter in Christus; folgen Sie seinen Fußspuren, seiner Selbstverleugnung in aller Geduld, im Stillschweigen und im Verlangen nach Lei den als Vernichter des Behagens, abtötend, was vielleicht noch zu ertöten blieb, so daß nichts die innere Auferstehung des Geistes behindert, der in Ihren Seelen weilen möge.
6. BRIEF
Jesus, Maria seien in Ihren Seelen, meine Töchter in Christus. Tröstlich war mir Ihr Brief; unser Herr vergelte Ihnen. Wenn ich nicht schrieb, war es nicht fehlender Wille, denn aufrichtig wünsche ich Ihr Bestes. Nur scheint es mir, es sei genug gesagt und geschrieben, ausreichend, um das Wich tige ins Werk zu setzen. Und wenn noch etwas fehlen sollte, so ist es nicht Schriftliches oder Mündliches, woran zumeist kein Mangel besteht, sondern es ist Schweigen und Wirken. Zudem zerstreut das Sprechen, und schweigende Betätigung
bringt Sammlung und stählt den Geist. Sobald jemand auf gefaßt hat, was ihm zu seiner Förderung gesagt wurde, braucht er nichts Weiteres zu hören oder zu reden, er braucht es nur ernstlich ins Werk zu setzen, in Stille und Sorgfalt, in selbstverleugnender Demut und Liebe. Nicht tut es not, sogleich auf Neues auszugehen, womit nur der Trieb nach Äußerlichem befriedigt werden soll und doch nicht befriedigt wird, wodurch aber der Geist geschwächt und öde wird, ohne innere Kraft. Bei solcher Veräußerlichung fördert we der das Erste noch das Letzte; es ist wie eine Überladung mit Speisen, wobei die natürliche Wärme sich zerspaltet und die Kraft fehlt, die Speise zum Nährstoff zu verarbeiten, was zur Erkrankung führt. Überaus notwendig ist es, meine Töchter, den Kern des Geistes dem Dämon und der Sinnlichkeit zu entziehen. Geschieht das nicht, so finden wir uns unversehens zurückgeglitten und weit entfernt von den Tugenden Christi. Und wenn wir zu uns kommen, dann finden wir unsere Arbeit mißraten; und unsere Lampe, die zu leuchten schien, scheint nun erloschen, so als ob unser anfachender Hauch nur dazu gedient hätte, sie zu ersticken. Um das zu verhindern, sage ich: es gibt kein besseres Hilfsmittel als Leiden, Wirken und Schweigen und die Augen schließen, hingegeben an die Einsamkeit, im Vergessen aller Kreaturen und aller Ereignisse, mag auch die Welt vergehen. Ob Gutes oder Böses, bleiben Sie gelassenen Herzens, voll inbrünstigen Verlangens, bei allem, was sich bietet, sich zu kasteien. Denn die Vollkommenheit ist von so erhabener Bedeutung, und die Beseligung des Geistes hat so hohen Preis, wollte Gott, daß all das Genannte dafür hinreicht. Gott zu nahen, ist ja unmöglich, es sei denn in der Tugendkraft des Handelns und Leidens, ganz eingehüllt in Schweigen. Das habe ich mir sagen lassen, Töchter: die Seele, die ihre Aufmerksamkeit leichthin auf Gerede und Umgang richtet, sie merkt sehr wenig auf Gott. Merkt sie auf ihn, dann wird sie von inneren Mächten flugs in das Schweigen gezogen,
Hochwürden mit steter Sorgfalt darauf achten, daß weder Priester noch andere sich in die Ausbildung der Novizen einmischen. Wie Euer Hochwürden weiß, gibt es für die Novizen nichts Verderblicheres, als durch viele Hände zu gehen und von Unzuständigen durchgerüttelt zu werden. Und da in Ihrem Konvent so viele sind, sollte der Pater Fray Angel Unterstützung und Erleichterung finden, wie wir ihn denn auch zum Prior ernannt haben, um ihm mehr Autorität zu verleihen. Hingegen scheint Pater Fray Miguel in Ihrer Gemeinschaft jetzt nicht unentbehrlich zu sein, so daß er dem Orden an anderer Stelle wohl besser dienen könnte. Über Pater Gracian ist nichts Neues zu berichten, außer daß Pater Fray Antonio schon dort ist.
9. BRIEF
Juana de Pedraza hatte in Granada den Heiligen, damals Prior des hochgelegenen Klosters Los Martires, zum Seelenführer gewonnen. Er führt auch sie, wie ein zweiter erhaltener Brief (18.Brief) be kräftigt, den Steilweg der Subida. Die väterliche Warmherzigkeit seiner Führung, in den Briefen spürbar, wird von Dona Juana selber bezeugt: Johannes hieß sie nach der Beichte in seinem Kloster warten und den Abstieg nach Granada erst zu einer bestimmten Stunde unternehmen. Während dieser Wartezeit brach ein heftiges Gewitter herein, das bei Ablauf dieser Frist sich verlogen hatte.
Jesus sei in Ihrer Seele. Vor wenigen Tagen schrieb ich Ihnen durch Vermittlung von Pater Fray Juan [Evangelista], als Antwort auf Ihren letzten Brief, der so gut aufgenommen wurde, wie Sie es hofften. Ich schrieb in jener Antwort, daß ich doch wohl all Ihre Briefe empfangen habe, und daß ich Ihre Beschwerden und Leiden und Einsamkeiten mit fühle. Ohne Worte rühren all Ihre Nöte ständig mich an, so wahrnehmbar, daß die Feder nicht soviel ausdrücken kann. All dies ist ein liebeheischendes Anpochen und Anschlagen an die Seele; es bewegt zu Gebeten und Seufzern des Geistes empor zu Gott, damit er das erfüllt, was die Seele in seinem Sinn erbittet. Bereits sagte ich Ihnen, daß für das Eingehen in jenen ... nichts anderes not sei, als das Auferlegte auszuführen. Und sollte man Ihnen Hindernisse bereiten: Gehorsam und Nachricht an mich. Und Gott wird das Beste vorsehen. Die Gott wahrhaft lieben, erfahren seine Fürsorge, ohne daß sie sich um ihre Anliegen bemühen.
Am besten ist es für die Sicherheit der Seele, sich an nichts zu klammern und nichts zu begehren; doch muß die Seele sich ganz aufrichtig an den halten, der sie führt andernfalls widerstrebt sie einer Führung. Und wenn ein Seelenführer als der richtige erprobt ist, dann sind weitere überflüssig oder störend. An nichts soll sich die Seele heften; wo Gebet ist, da sorgt Gott für das Besitztum, das in Wahrheit das seine ist. Dies ist meine Ansicht: je mehr die Dinge mir zu eigen sind, um so tiefer vergräbt sich Seele und Sorge darein. Denn das Geliebte wird eines mit dem Liebenden, und so wird Gott eines mit dem, der ihn liebt. So kann man das Ge liebte nicht vergessen, ohne seiner eigenen Seele zu verges sen. Und über dem Geliebten wird sogar die eigene Seele vergessen, da der Liebende mehr im Geliebten als in sich selber lebt.
O großer Gott der Liebe, unser Herr! In welchem Überfluß ergießest du deine Reichtümer in den, der nichts liebt und niemanden begehrt als dich! Dich selber gibst du ihm hin in verschmelzender Liebe! Und in solcher Verschmelzung läßt du die Seele kosten und lieben, was sie am meisten in dir begehrt und was ihr am Heilvollsten ist. Wie darf das Kreuz uns fehlen, da es unserm Geliebten bis hin zu seinem Liebestode nicht fehlte. Er ordnet unsere Leidenschaften, in der Liebe zu dem am innigsten Begehrten. So wird unsere Aufopferung größer und damit unser Wert. Allein alles ist kurz: das Messer wird wider Isaak erhoben; und sogleich wird sein Leben bewahrt, und es erfolgt die Verheißung reicher Nachkommenschaft.
Geduld tut not, meine Tochter, in einer Armut, die uns ein gutes Scheiden von unserer Erde bereitet und einen gu ten Eingang in das Leben, das uns mit allem erquicken wird, in das Leben ... Nicht weiß ich zur Zeit, wann ich weggehen werde. Mein Ergehen ist gut, wenn auch die Seele sehr zurückgewendet. Schließen Sie mich in Ihr Gebet. Und geben Sie die Briefe an Fray Juan weiter und, wenn möglich, auch häufiger an die Nonnen. Wären sie weniger knapp, so wäre es besser.
10. BRIEF
Nach ihrer Aufnahme in den reformierten Karmel nahm die Empfängerin dieses Briefes den Namen Ana de la Cruz an, aus Verehrung für ihren geistlichen Meister, als dessen würdige Tochter sie sich erwies.
Jesus sei in Ihrer Seele. Der Bote für die Post ist zu einer Zeit vorbeigekommen, wo ich noch keine Antwort senden konnte; und auch jetzt wartet er bereits. Gott gebe Ihnen, meine Tochter, immer seine verklärende Gnade, so daß alles in allem seiner heiligen Liebe dient; nichts anderes ist Ihre Aufgabe, nur dafür sind Sie geschaffen und erlöst worden. Über die drei Punkte, die Sie mir vorlegen, ließe sich viel ausführen, mehr, als es die knappe Zeit für den Brief erlaubt, poch werde ich Ihnen drei andere nennen, die Ihnen etwas weiterhelfen können.
Sünden, die Gott so sehr verabscheut, daß er zu ihrer Til gung den Tod auf sich nahm, sollen von Ihnen beweint und gemieden werden; dafür ist es nötig, Umgang mit Leuten so weit wie nur angängig zu fliehen und zu jeder Angelegen heit nicht mehr als das Nötige zu reden; denn mit Menschen über das reinweg Erforderliche hinaus umzugehen, hat niemandem, so heilig er sein möge, gutgetan. Und dazu: Gottes Gesetz einhalten, mit Genauigkeit und voll Liebe.
Im Mitleiden mit der Passion des Herren kasteien Sie sich mit Maß, üben Sie Selbstverleugnung und Demütigung und befriedigen Sie Ihren Willen und Ihr Gelüst in nichts, bedenkend, daß Sie Anlaß seines Leidens und Sterbens waren. Doch bei alldem befolgen Sie den Rat Ihrer Mutter.
Um das Dritte, die ewige Seligkeit recht zu betrachten und zu lieben, erachten Sie alle Schätze und Freuden der Welt für Unrat und ekle Eitelkeit, wie sie es in Wahrheit sind; und halten Sie nichts für unschätzbar, wie groß und kostbar es auch sei. Köstlich ist nur, mit Gott zu weilen. Das Beste hienieden ist, mit jenen ewigen uns vorherbestimmten Gütern verglichen, häßlich und bitter. Und diese Bitterkeit und Häßlichkeit, an sich kurz, sie werden für immer in einer Seele haften, die sie hochschätzt.
Ihr Anliegen vergesse ich nicht, wenn ich auch im Augen blick, trotz besten Willens, nichts darin tun kann. Tragen Sie es vor Gott, und nehmen Sie zu Ihren Sachwaltern Un sere liebe Frau und den heiligen Joseph.
Auch Ihrer Mutter, der ich mich empfehle, gilt dieser Brief. Und gedenken Sie beide meiner vor Gott, und bitten Sie Ihre Freundinnen, aus frommer Liebe das gleiche zu tun.
Gott erfülle Sie mit seinem Geist.
II. BRIEF
Der Friede Jesu Christi sei immer, Sohn, in Ihrer Seele. Ich empfing Ihren Brief, Hochwürden, worin Sie von dem großen Verlangen sprechen, das unser Herr Ihnen eingibt dem Verlangen, sich ihm mit ganzem Willen hinzugeben und ihn über alles zu lieben. Und Sie erbitten von mir einige Ratschläge, um solchem Verlangen gerechtzuwerden.
Es freut mich, daß Gott in Ihnen so heilige Wünsche er weckt hat; und sehr viel mehr werde ich mich freuen, wenn sie von Ihnen in die Tat umgesetzt werden. Dafür müssen Sie beachten, wie alle Gelüste, Genüsse und Neigungen immer in der Seele kraft des Willens erregt werden, durch ein Verlangen nach Gegenständen, die sich als gut, zusagend und lustvoll anbieten und die als erfreulich und lustvoll angenommen werden. Und entsprechend richten sich die Neigungen auf sie: der Wille erhofft sie; und hat er sie gewonnen, genießt er sie und fürchtet, sie zu verlieren. Und gemäß ihren Neigungen, ihren Genüssen an den Dingen wird die Seele beunruhigt und aufgewühlt.
Um solche Neigungen zu kasteien, alle Gelüste nach dem, was nicht Gott ist, zu vernichten, muß Folgendes vermerkt werden: alles, was der Wille deutlich genießen kann, ist süß und erfreulich, weil es ihm so erscheint. Und nichts An genehmes und Lustvolles, woran er Genuß finden kann, ist Gott. So wenig Gott von den übrigen Seelenkräften erfaßt werden kann, so wenig fällt er unter die Gelüste und Genüsse des Willens. Denn da die Seele in diesem Leben Gott nicht nach seinem Wesen genießen kann, so ist alles Angenehme, alles Köstliche, wie erlesen es sei, unmöglich Gott.
Alles, was der Wille in Deutlichkeit begehren und verkosten kann, betrifft immer diesen oder jenen wahrgenommenen Gegenstand. Da der Wille niemals Gott so erfahren hat, wie er ist, ihn niemals mit Hilfe einer Triebregung erkannt hat und folglich nicht weiß, was Gott ist, so kann sein Gelüst ihn nicht wesentlich erfassen, noch weiß er nicht mit seinem Gelüst und Gefallen Gott recht zu erstreben, ihn, der über eine Fassungskraft erhaben ist. So dürfte es klar geworden sein daß nichts deutlich Besondertes, das der Wille zu genießen vermag, Gott sein kann. Will er sich mit ihm vereinigen, muß er sich freimachen von jeder ungeordneten Hin neigung zu deutlichen Gegenständen der Lust, seien sie himmlisch oder irdisch, zeitlich oder geistlich. Ist er einmal ledig aller ungeordneten Triebe, Gelüste und Genüsse, dann kann er sich ganz, mit all seinen Neigungen der Liebe zu Gott hingeben. Denn wenn es für den Willen eine Weise gibt, Gott zu erfassen und sich mit ihm zu einen, dann ist es die Liebe und nicht eine bildhafte Vorstellung der Begierde.
Und weil das Angenehme und Wohlige, weil jede Art von Lust im Bereich des Willens nicht Liebe ist, so ergibt sich, daß keinerlei Lustgefühl als angemessenes Mittel den Willen mit Gott eint, sondern nur dessen lautere Betätigung. Es ist die Betätigung des Willens durchaus unterschieden von seinen Gefühlswallungen: durch seine Betätigung einigt er sich mit Gott als seinem einzigen Ziel, mit ihm, der Liebe ist; und solches tut er keineswegs durch Gefühle und Vorstellungen seines Triebes, der die Seele selber zum Ziel hat und in ihr sich festsetzt. Soll der Wille emporgelangen, dann dürfen Gefühle nur als Beweger zur Liebe Geltung finden. Die Lustgefühle als solche treiben die Seele nicht voran zu Gott, sondern halten sie bei sich fest. Aber bei der Betätigung des Willens, nämlich in der Liebe zu Gott, richtet die Seele nur auf ihn ihre Neigung, ihre Freude und Befriedigung, mit einer Liebe, die über alle Dinge hinausgeht.
Wenn dem nach jemand zur Gottesliebe bewegt wird, ohne daß ihn liebliche Gefühle dazu antreiben, dann hat er jenes Wohlge fühl schon überwunden und seine Liebe auf Gott gerichtet, den er nicht fühlt. Würde er hingegen seine Liebe auf das Wohlgefühl richten und bei ihm verweilen, so wäre das bereits eine Hinwendung zu etwas Geschöpflichem, eine Auf werfung des Motivs zum Endziel. Und das wäre eine Fehlbetätigung des Willens; denn da Gott unbegreifbar und un zugänglich ist, so darf der Wille, der seine Liebesbetätigung an Gott hinzugeben strebt, sich nicht auf das dem Triebe Greifbare und Faßbare richten, vielmehr auf das, was er mit ihm nicht fassen, nicht greifen kann. Auf solche Weise be harrt bei einer gewissen und wahrhaftigen Liebe der Wille im Sinne des Glaubens im Leeren und im Dunkeln mit all seinen Empfindungen für alles Fühlbare und Vorstellbare, er verharrt in einem Glauben und in einer Liebe, die alles Faßliche überschwingen.
So wäre es höchst töricht, bei einem Fehlen geistlichen Wohlgefühls anzunehmen, daß damit auch Gott fehle, und bei einem Vorhandensein von Lustgefühl zu wähnen, damit habe man Gott selber. Und noch törichter wäre es, solches Wohlgefühl in Gott zu suchen und darin zu schwelgen. Bei solchem Verhalten würde Gott nicht mit einem Willen gesucht werden, der auf ledigen Glauben und ledige Liebe sich stützt; im Verfolgen triebhaften Genusses würde geistliche Lust beim Geschöpflichen gesucht werden. Das hieße Gott nicht über alles heben, die ganze Kraft des Willens lauter ihm zuwendend; denn der Wille, der sich verlangend an ein solches Geschöpf anheftet, der schwingt sich nicht dar über hinaus zu Gott, dem unzugänglichen. Ist es doch un möglich, daß der Wille zu der milden Beseligung der Gott einigung gelangen kann, daß er umfangend das Hebreiche Umfangen Gottes zu empfinden vermag, es sei denn in voll ( kommener Entblößtheit von der Gier nach Sonderfreuden, kämen sie von oben oder unten. Das wollte David mit seinen Worten sagen:«Öffne deinen Mund, und ich will ihn dir füllen» (Ps 80,11).
Die Begierde, das muß man wissen, ist der Mund des Willens, der offensteht, wenn ihn nicht ein Bissen Lust aus füllt und belegt. Denn richtet sich die Begier auf irgend et was, so verengt sich dadurch der Mund, da alles außer Gott Engnis ist. Soll demnach die Seele erfolgreich zu Gott hin streben und sich ihm einigen, so muß sie den Mund ihres Willens ausschließlich für Gott erschließen und jeden Bissen der Begier abweisen, um ganz von Gottes holder Liebe er füllt zu werden. Hungernd und dürstend nur nach Gott, so muß sie verharren, ohne an Anderem ein Genügen zu finden, da Gott hier nicht nach seinem Wesen verkostet werden kann. Was die Begierde stillt, macht unempfänglich für Gott. Das lehrt Isaias:«Ihr alle, die ihr dürstet, kommt zu den Wassern» (Is 55, 1). Damit lädt er alle, die nur nach Gott schmachten, zu den stillenden Gewässern der Gotteinigung, alle nämlich, die nicht ihre Gelüste befriedigen.
Wollen Euer Hochwürden tiefen Seelenfrieden genießen und Vollkommenheit gewinnen, dann geben Sie Ihren Willen gänzlich Gott hin, damit er sich Ihnen eine; beschäftigen Sie ihn nicht mit den Niedrigkeiten der Erde.
Die göttliche Majestät mache Sie so geistig und heilig wie ich es wünsche.
12. BRIEF
Zwei weitere Briefe, hier Nr. IJ und Nr. /9, an die gleiche Empfängerin sind erhalten. Sie bestärken die Priorin der Neugründung in den Regeln und dem Geist des erneuerten Karmel. Jesus sei in Euer Ehrwürden und mache Sie so heilig, so geistig arm, wie Sie es begehren. Und ein Gleiches erbitten Sie für mich von der göttlichen Majestät! Hier sehen Sie die Lizenzen für die vier Novizinnen. Achten Sie darauf, daß diese sich für Gott eignen. Jetzt will ich auf all Ihre Zweifel antworten, in der mir gebotenen Kürze. Ich habe sie zuvor mit jenen Patres erörtert, da unser Pater [Doria] nicht hier sondern unterwegs ist. Gott lenke ihn.
1. Es gibt keine Kasteiung mit Ruten mehr, auch nicht bei feiertäglichem Offizium. Dies wurde mit dem Offizium des alten Karmel beseitigt, der minder ausgedehnt war und wenig Feiertage kannte.
2. Als zweites: Geben sie weder der Gemeinschaft noch den Einzelnen Erlaubnis, aufgrund jenes Wegfalls oder aus anderen Gründen dreimal in der Woche die Disziplin zu nehmen; machen Sie keine Ausnahmen. Sehen Sie zum Rechten. Bewahren Sie das Gemeinschaftliche!
3. Im allgemeinen soll niemand früher aufstehen als es die Konstitution, das heißt, die Gemeinschaft anordnet.
4. Die Genehmigungen erlöschen mit dem Abgang des Vorgesetzten. Deshalb sende ich Ihnen neue Genehmigun gen, damit im Notfall ein Beichtiger, ein Arzt, Bader oder Handwerker das Kloster betreten kann.
5. Als fünftes: In Ihrem Kloster ist noch reichlich Platz für Nonnen; wenn es notwendig werden sollte, dann könnte man den Eintritt der Schwester Aldonza in Erwägung zie hen. Bringen Sie die Schwester und mich vor Gott. Er sei mit Ihnen. Über anderes kann ich mich nicht verbreiten.
13. BRIEF
Leonor de San Gabriel war eine der vertrautesten Töchter der bei den Gründer. Aus dem Karmel zu Malagön nahm Teresa diesen «Engel an Einfalt», wie sie diese Nonne in einem Briefe nennt, mit zur Gründung nach Sevilla. Mutter Leonor wurde wahr scheinlich auf Veranlassung des Ordensvaters als Subpriorin für die Gründung in Cordoba bestimmt. An sie richtet sich ein weiterer, nicht voll lesbarer Brief, hier Nr. 14. Diese Schreiben, wie ein weiteres an die Priorin, mühen sich um den Geist der Erneuerung in dem jungen Karmel zu Cordoba.
Jesus sei in Ihrer Seele, meine Tochter in Christus. Ich danke Ihnen für Ihr Schreiben. Und ich danke Gott, daß es ihm gefallen hat, sich Ihrer bei dieser Gründung zu bedienen, womit auch Sie selber gewiß Förderung erfahren sollen. Je mehr Gott gewähren will, um so lebendigeres Verlangen erweckt er, bis alle anderen Wünsche verdrängt sind und er uns mit seinen Gütern erfüllen kann. Die Schwestern, die Sie in Sevilla zurückgelassen haben, können einander mit ihrer Liebe trösten; Sie aber möchte der Herr ganz einsam wissen, in seiner Liebe möchte er in Ihnen das Verlangen wecken, nur ihm allein zugesellt zu sein. Denn Gottes über strömende Güter können nur von einem ledigen, einsamen Herzen aufgefangen werden. Und so muß Euer Ehrwürden darauf bedacht sein, nur an seiner Zugeselltheit Genüge zu finden. Selbst im Himmel fände die Seele kein Genügen, wenn ihr Wille nicht solche Zugeselltheit erstrebte. Wenn Gott auch immer mit uns weilt, die Seele kann nicht zur Ruhe kommen, sofern sie nicht ausschließlich Gott anhängt.
Gern will ich glauben, daß die in Sevilla sich ohne Sie vereinsamt fühlen werden. Doch vielleicht hatte Euer Ehr würden dort schon so förderlich gewirkt, wie es möglich war, und Sie sollen nach Gottes Willen jetzt in der neuen Gründung, die vorbildlich sein soll, segensreich wirken. Und so mögen Sie der Mutter Priorin hilfreich zur Seite stehen, mit liebevoller Übereinstimmung in allen Dingen. Doch das brauche ich Ihnen kaum anzuempfehlen, so erfahren wie Sie seit langem in den Vorgängen bei Gründungen sind. Darum eben haben wir Euer Ehrwürden ausersehen. An Nonnen, die dafür nicht geeignet sind, hätten wir dort keinen Mangel gehabt.
Der Schwester Maria de la Visitación bitte ich meinen treuen Gruß zu übermitteln und der Schwester Juana de San Gabriel meinen Dank für den ihren.
Gott gebe Euer Ehr würden seinen Geist.
14. BRIEF
Jesus sei in Ihrer Seele, meine Tochter in Christus. Ihr Brief ließ mich Ihre Beschwerden mitfühlen; und mich beküm mert der Schaden, den Ihr Geist, aber auch Ihre Gesundheit dadurch erleiden kann. Doch wissen Sie, mir scheint, Sie müßten sich die Sache weniger zu Herzen nehmen. Denn ich ... [fand] unsern Pater ohne jeden Unwillen gegen Sie... gäbe es wirklich einen Verstoß, er wäre mit Ihrer Reue er ledigt ... Und wenn noch etwas zurückgeblieben wäre, ... ich würde ... [bei gegebener Gelegenheit] ... zum Guten reden. Lassen Sie sich nicht niederdrücken und geben Sie der Sache kein Gewicht, es besteht wirklich kein Anlaß da zu. Und so bin ich der Überzeugung, daß der Dämon Sie damit versucht und Ihnen diese Sache vergegenwärtigt, da mit Sie sich nicht Gott vergegenwärtigen. Mut, meine Toch ter ! Geben Sie sich voll Eifer dem Gebet hin, darüber dieses und anderes vergessend. Gibt es doch kein anderes Heil, ... keinen anderen Halt, keinen Trost [als] ... dies. Da wir alles für Gott verlassen haben, so ist es recht, daß wir an nichts... Halt suchen außer an ihm. Es ist ein großes [Erbarmen?], ihn zu haben; mit ihm sollen wir [verharren?]..., dann wird Sie nichts beschweren... Trösten Sie sich mit dem Gedanken, daß Sie [durch die Gnade des Himmelskönigs] ... gerettet sein werden, da wir nicht seine Gnade eingebüßt haben ... [Sollte es dennoch nötig sein?], so werde ich ...
15. BRIEF
Jesus sei in Ihrer Seele. Ihre Gemeinschaft ist verpflichtet, sich vor dem Herrn als würdig des Beifalls zu erweisen, mit dem Sie dort empfangen worden sind. Sicherlich, der Bericht darüber war mir tröstlich. Und daß die Gemeinschaft in so ärmliche Häuser, und dies bei solcher Hitze, eingezogen ist, das war Gottes Anordnung: Geben Sie denn ein erbauliches Beispiel, tun Sie dar, was Ihre Gelübde enthal ten: Christus, den entblößten. Dann ersehen jene, die noch eintreten wollen, in welchem Geiste sie sich einfinden müssen.
Hiermit sende ich Ihnen alle Genehmigungen. Achten Sie darauf, wen Sie anfangs aufnehmen; denn entsprechend diesen werden die Folgenden sein. Und bewahren Sie sorg fältig den Geist der Armut und der Abweisung von allem, und lassen Sie es sich an Gott genügen. Andernfalls wer den Sie in tausend geistliche und zeitliche Nöte geraten. Und seien Sie sich bewußt: Sie werden nur das als Not emp finden, woran Ihr Herz versklavt ist. Ist doch der geistig Arme im Mangel am gleichmütigsten und heitersten. Hat er doch sein Ganzes auf nichts und wieder nichts gesetzt und so die Unbeschränktheit des Herzens gewonnen. Glück seliges Nichts und glückselige Verborgenheit des Herzens, von so hohem Wert, daß sie alles unterwirft, ohne etwas un terwerfen zu wollen, alle Sorgen verliert und höhere Liebes glut gewinnt!
Grüßen Sie im Herrn alle Schwestern von mir. Sagen Sie ihnen: da unser Herr sie zu Ecksteinen erwählt hat, müssen sie sich als solche bewähren; auf sie, als die stärkeren, müssen die anderen sich stützen. Erschließen Sie sich diesem ur sprünglichen Geist, den Gott zum Anbeginn verleiht, und beschreiten Sie den Weg der Vollkommenheit mit neuer Frische, demütig, innerlich und äußerlich losgelöst, nicht mit kindischem Gemüt, sondern mit kraftvollem Willen. Befolgen Sie Kasteiung und Buße, im Verlangen, für diesen Christus etwas aufzuopfern, und seien Sie nicht wie jene die Bequemliches und Tröstliches suchen, in Gott wie außer ihm. Suchen Sie in ihm und außer ihm das Leiden für ihn in Schweigen und Hoffen und liebevollem Gedenken. Sagen Sie das Gabriela und den Ihren aus Malaga; denn auch ihnen gilt mein Schreiben. Ihnen gebe Gott seinen Geist. Amen.
16. BRIEF
Die Empfängerin ist eine begabte und begnadete Tochter des Hei ligen. Seit der ersten Bekanntschaft in Beas, im Jahre 1578 bis zu seinem Tode ist er ihr ausschließlicher Seelenführer. Ihre Aufzeich nungen über sein Leben auf Grund ihrer Erfahrungen sind ein wert volles Dokument.
Jesus sei in Ihrer Seele, meine Tochter in Christus. Erfreut haben mich Ihre guten Vorsätze, die ich aus Ihrem Brief er sehe. Ich lobe Gott, der in allem vorsorgt. Denn wohl be dürfen Sie deren beim Beginn einer Gründung, in Sommer hitze, Beengtheit, Armut und Mühsal jeder Art; bei solcher Hilfe müssen Sie nicht fragen, ob etwas schmerzt oder nicht schmerzt. Bedenken Sie, daß Gott bei solchen Anfängen die Seelen frei von Trägheit, Verzärtelung und Selbstliebe will. Und deshalb hilft der Himmelskönig mehr bei solchem Be ginn. Und so können Sie bei einigem Eifer jetzt in jeder Tugend Fortschritte machen; und Sie müssen es als großes Glück ansehen, daß er nicht Andere, sondern gerade Sie zu dieser Gründung ausersah. Mag Ihnen das Zurückgelassene noch so teuer sein es ist ein Nichts, ein Etwas, von dem Sie sich früher oder später doch hätten trennen müssen. Und um Gott in allem zu haben, muß man restlos nichts haben, Denn wie kann das Herz, das einem selbst gehört, gänzlich einem Anderen gehören?
Das Gleiche sage ich der Schwester Juana. Gedenken wolle sie meiner vor Gott, der in Ihrer Seele wohnen möge. Amen.
17. BRIEF
Es ist der einzige erhaltene Brief den der Ordensvater an den Generalvikar der Reform, den von der Ordensmutter herausgehobenen Genuesen Doria schrieb, als deren Stellvertreter bei dem neuge schaffenen Zentralorgan der Reform, der Consulta. Unter dem Generalvikariat dieses Genuesen wurde der geistliche Lieblingssohn der heiligen Mutter, Gracian de la Madre de Dios, aus ihrer Grün dung ausgestoßen und fand der Mitgründer Johannes die von ihm er sehnte martyriumgleiche Verfolgung durch die eigenen geistlichen Söhne.
Jesus Maria seien mit Euer Hochwürden. Es hat uns auf richtig gefreut, daß Euer Hochwürden gut angelangt ist und dort alles, und auch den Herrn Nuntius, wohl ange troffen hat. Gott wird die Ihnen Anvertrauten in Obhut nehmen. Bei uns sind die Armen wohlauf und einträchtig. Ich werde das von Ihnen Angeordnete sogleich erledigen, sobald die erwarteten (?) angekommen sind. Was jene angeht, die in Genua sich um Aufnahme in die dortige Gründung bewerben, ohne Grammatik studiert zu haben, so meinen hier die Patres, solches sei von geringer Bedeutung, sofern sie das Latein so weit beherrschen, wie es vom Konzil vorgeschrieben wurde, derart, daß sie die Satzbildung verstehen. Wenn das dort zur Priesterweihe genügt, dann, meinen die Patres, könne man sie aufnehmen. Wenn jedoch den Priestern dort solche Ausbildung nicht genügt, dann meinen die Patres entsprechen sie nicht den Anforderungen des Konzils; und es wäre mühevoll, sie zur Weihe und Ausbildung hierher zu bringen. Und um die Wahrheit zu sagen: sie möchten nicht, daß viele Italiener hierherkämen.
Die Briefe werden an Padre Fray Nicolas adressiert wer den, wie Euer Hochwürden es wünschen, den unser Herr nach seinem Ratschluß uns bewahren möge.
l8. BRIEF
Außer einem früheren Brief (hier Nr. 9) ist von der Korrespondenz zwischen dem Seelenführer und Juana de Pedraza nur noch dieser eindringliche Brief erhalten.
Jesus sei in Ihrer Seele. Und ihm sei Dank, daß Sie mir von ihm gegeben sind, damit ich, wie Sie es nennen, die Armen nicht vergesse. Wenn Sie schreiben, ich vergäße Sie gleich einem Schatten, dann müßte ich heftig zürnen, falls Sie es wirklich meinen. Sie zu vergessen, recht übel wäre das von mir, nach allem, was Sie mir erwiesen, auch dann, wenn ich es am wenigsten verdiente. Das fehlte noch, daß ich Sie ver gäße. Sehen Sie doch ein: wie kann etwas vergessen werden, was der Seele so tief eingeprägt ist, wie Sie es sind. Weil Sie sich in Finsternissen, in der Wüste geistiger Armut befinden, so wähnen Sie, daß Sie von allen verlassen sind und von allem. Das ist kein Wunder; scheint es Ihnen in solchem Zustand doch sogar, daß Gott Sie verlassen hat. Allein Ihnen fehlt nichts. Sie brauchen nichts zu betreiben. Sie haben keinen Grund zu solcher Klage, Sie wissen keinen und werden keinen finden. Alles ist unbegründeter Argwohn. Wenn Sie nichts als Gott verlangen, dann verbleiben Sie nicht in Fin sternissen, so umdunkelt und arm Sie sich auch finden. Und wer sich nicht anmaßend verhält, nicht seine eigene Befrie digung bei Gott und bei den Geschöpfen sucht und nicht seinem Eigenwillen bei ihm und bei jenen frönen möchte, der kann nicht straucheln, der braucht nicht Rat zu suchen. Sie sind auf rechtem Weg. Gehen Sie gelassen und freudig. Wer sind Sie, daß Sie um sich selber bangen? Lassen Sie das sein.
Niemals stand es mit Ihnen besser als jetzt; denn niemals waren Sie so demütig, so ergeben, niemals von solcher Ge ringschätzung für sich und für zeitliche Güter. Niemals haben Sie sich für so schlecht gehalten und Gott für so gut, niemals dienten Sie Gott mit so reiner Selbstlosigkeit wie jetzt; nicht folgen Sie den Unvollkommenheiten Ihres Wil lens und Starrsinns, wie Sie vielleicht es zu tun pflegten. Was wünschen Sie noch? Was für ein Leben, was für ein Verhalten malen Sie sich für dieses Dasein aus? Was halten Sie für gottdienlich, wenn nicht dieses: Schlechtes meiden, seine Gebote erfüllen und nach unserm Vermögen für ihn wirken? Wenn dies vorhanden ist, was braucht es dann noch anderer Sorgen, anderer Erleuchtungen und Köstlichkeiten von diesseits und jenseits, bei denen der Seele zumeist keine Verirrungen und Gefahren erspart bleiben, da sie sich mit ihren Ansichten und Trieben selbst betrügt und befriedigt, zumal wenn ihre eigenen Vermögen sie irreleiten! So ge währt Gott eine große Gunst, wenn er diese Vermögen ver dunkelt und die Seele dadurch so verarmen läßt, daß sie von ihnen nicht irregeleitet werden kann. Und wenn sie nicht irregeht, was ist da noch zu grübeln? Nur zu auf dem geebneten Weg der göttüchen Satzung und der Kirche, hinein in ein Leben ausschließlich erfüllt vom dunkeln und wahren Glauben, von gewisser Hoffnung und ungeteilter Liebe in Hoffnung auf die Heilsgüter drüben, hier aber lebend als Pilger, als Arme, als Verbannte, Waise, Ungestillte, ohne
Halt, ohne irgend etwas, alles von drüben erhoffend.
Freuen Sie sich im Vertrauen auf Gott. Hat er Ihnen doch Beweise dafür gegeben, daß Sie ihm sehr vertrauen können, ja vertrauen müssen. Andernfalls könnte er Ihnen zürnen, daß Sie vorantaumeln wollen, wo er Sie doch zu Ihrem Heile führt und Ihnen so sicheren Ort anwies. Streben Sie nach nichts anderem als nach dieser Weise, denn es steht gut mit Ihnen; und kommunizieren Sie wie gewohnt. Beichten Sie, wenn ein klarer Anlaß vorliegt; und halten Sie sich zurück. Liegt etwas vor, dann werden Sie es mir schreiben; und schreiben Sie schnell und mehr als einmal durch Vermittlung von Dona Ana können Sie es tun,
wenn nicht durch Vermittlung der Nonnen.
Etwas krank bin ich gewesen, doch nun bin ich gesund. Hingegen ist Juan Evangelista krank. Beten Sie für ihn und auch für mich, meine Tochter im Herren.
19. BRIEF
Es ist der letzte erhaltene Brief an die Priorin zu Cordoba. Er mahnt dringlich, die Verwaltungssorgen des Amtes hinter dem Streben nach Heiligkeit zurückzustellen.
Jesus sei in Ihrer Seele, meine Tochter in Christus. Wenn ich Ihnen nicht schrieb, so lange nicht, wie Sie sagen, so liegt das eher an meinem abgelegenen Aufenthalt in Segovia als mangelnder Bereitwilligkeit. Denn diese war immer die gleiche und wird es so hoffe ich in Gott auch bleiben.
Ihre Nöte fühle ich mit.
Die zeitlichen Nöte dieses Hauses sollten Ihnen nicht soviel Sorge bereiten. Sonst könnte Gott Ihrer vergessen; und es würden Sie viele zeitliche aber auch geistliche Nöte überkommen. Sind es doch unsere Besorgnisse, die uns bedürftig machen. Tochter, werfen Sie Ihre Sorgen auf Gott, und er wird Sie versorgen. Er, der beschenkt und das Größte hinschenken will, kann im Geringeren nicht versagen. Haben Sie darauf acht, daß Ihnen nicht der Wunsch mangelt, in Mangel und Armut zu sein; denn zu gleicher Stunde wird Ihnen der Geist mangeln, und Sie werden in den Tugenden nachlassen. Und wenn Sie zuvor Armut begehrten, jetzt, wo Sie Oberin sind, müssen Sie die Armut sehr viel kraftvoller begehren und Heben. Denn Sie müssen das Haus sehr viel mehr mit Tugenden verwalten und mit lebendigen Wünschen nach dem Himmlischen be reichern, als es mit Sorgen und Plänen über Zeitliches und Erdhaftes leiten. Befiehlt der Herr uns doch, uns weder um Speise noch um Kleidung des künftigen Tages zu sorgen.
Was Ihnen obliegt, ist dieses: danach zu streben, Ihre Seele und die Seelen Ihrer Nonnen in aller Vollkommenheit und Ordenstreue mit Gott zu einigen und darüber alle Geschöpfe und alle Rücksichten auf Geschaffenes zu vergessen. Sind Sie alle in Gott versenkt und voll Jubel mit ihm, dann wird es, glauben Sie mir, am Übrigen nicht fehlen. Jetzt schon anzunehmen, daß die Häuser etwas ab werfen, weil sie an so gutem Ort liegen und weil darin so gute Nonnen aufgenommen werden, das scheint mir ge wagt. Immerhin, wenn ich eine Möglichkeit sehe, dann will ich tun, was ich kann.
Der M. Subpriorin wünsche ich reichen Trost. Ich hoffe in Gott, daß sie ihn empfangen wird, wenn sie nur tapfer ihre Pilgerschaft und Verbannung in Liebe zu ihm auf sich nimmt. Meinen Töchtern Magdalena, San Gabriel und Maria de San Pablo, Maria de la Visitacion, San Francisco und allen wünsche ich Wohlergehen in unserm Heil, in ihm, der immer in Ihrem Geiste weile, meine Tochter. Amen.
20. BRIEF
Jesus Maria. Erwecken Sie in diesen Tagen ihr Verlangen nach dem Kommen des Heiligen Geistes und seinem Pfingsten; und nach seinem Fest halten Sie ihn sich immer gegenwärtig, mit solchem Eifer und solcher Hingabe, daß Ihnen nichts anderes wichtig und beachtlich scheint, seien es nun Qualen oder andere Ihnen gegenwärtige Beschwerden. Und all diese Tage erheben Sie sich in der Liebe des Heiligen Geistes über die Mängel, die es im Hause geben mag. Das sind Sie dem Frieden und der Stille der Seele schuldig, da rin er in seiner Herablassung weilt.
Es wäre wohl besser für Ihre Ruhe, für die Überwindung Ihrer Gewissensnöte, wenn Sie in diesen Tagen nicht beich ten würden. Doch wenn Sie beichten sollten, dann tun Sie es auf diese Weise: Beichten Sie nicht Vorstellungen und Gedanken, die Urteilen oder Gegenständen oder ungeord neten Phantasien gelten, sofern diese Regungen ungewollt und unbejaht und ohne bewußtes Verweilen in der Seele vorgehen. Geben Sie ihnen keine Bedeutung; am besten ist es, sie zu vergessen, wieviel Qual sie auch der Seele bereiten mögen. Falls es Sie sehr bedrückt, dann beichten Sie im allgemeinen die Unterlassungen und Nachlässigkeiten, die mangelnde Läuterung und Vervollkommnung der innern Kräfte, der Gedächtniskraft, Erkenntniskraft und Willenskraft. Bei den Worten wäre zu beichten ein Über maß an Reden und geringer Bedacht auf Wahrhaftigkeit und Rechtlichkeit, auf Notwendigkeit des Redens und auf lautere Absicht. Bei den Werken vielleicht die mangelnde Einstellung auf das einzige Ziel, unabgelenkt allein auf Gott.
Wenn Sie so beichten, werden Sie Befriedigung finden, ohne im besonderen das Erwähnte zu beichten, mag es Sie noch so sehr anfechten. Sie werden nicht nur an den gewohnten Tagen, sondern auch am Pfingstfest die heilige Kommunion nehmen.
Widerfährt Ihnen etwas Mißliches und Bitteres, dann schweigen Sie im Gedenken an den Gekreuzigten.
Leben Sie im Glauben, in der Hoffnung, wenngleich im Dunkeln. Gott schützt in solchen Finsternissen die Seele. Werfen Sie Ihre Sorge auf Gott, er läßt Sie nicht fallen; auch wird er Sie nicht vergessen. Meinen Sie nicht, daß er Sie im Stich läßt; solches hieße ihn geringschätzen.
Lesen und beten Sie. Freuen Sie sich in Gott, Ihrem Wohl, Ihrem Heil. Er möge Sie bewahren und begnaden bis zum Tage der Ewigkeit. Amen. Amen.
21. BRIEF
Es ist dies der einzige erhaltene Brief des Heiligen an seine Lieblingstochter, die hochherzige und wagemutige Ana de Jesus, die nicht nur als Mystikerin und Gründerin ausgezeichnet war, sondern auch durch Schönheit und Geist. Schon bei der Karmelgründung in Segovia hatte sie der Ordensmutter zur Seite gestanden, der
großen Teresa unter all ihren geistlichen Töchtern zweifellos am ebenbürtigsten. Sie war Priorin zu Beas, als der Heilige nach seiner Flucht aus dem Kerker von Toledo der Seelenführer in ihrem Kloster wurde. Auch sie wurde sein Beichtkind, nach einigem Wider streben gegen einen so jungen «Vater». Ihr als einer in Gott und Gottesliebe Erfahrenen widmete er seinen Cantico. Die Weis seines Hohenliedes schwingt in der Schlußwendung seines Briefes«santa amada suya» «seine heilige Geliebte». Er war Helfer bei ihrer Karmelgründung in Granada und geleitete sie ein Stück des Weges bei ihrer Gründung in Madrid. Starkmütiger als die anderen treuen Töchter der Mutter Teresa verteidigte sie deren heiliges Erbe gegen die Eigenmächtigkeit des Generalvikars Doria, alle Folgen und selbst den Kerker auf sich nehmend Ebenso starkmütig trat Johannes dem Ordensobern entgegen, um Teresas Reform zugunsten ihrer geistlichen Töchter aufrechtzuerhalten. Das führte zu seiner Entkleidung von allen Ämtern und zu dem einer Verbannung gleichkommenden Auftrag, in Mexiko zu missionieren, ein Auf trag, dessen Durchführung von seinem Tod verhindert wurde. Ana de Jesus, die von ihm die geistliche Führung aller Karmelitinnen er hoffte, schrieb ihm, offenbar in Bestürmung, sogleich nach diesen Ent scheidungen. Der Heilige antwortet:
Jesus sei in Ihrer Seele. Daß Sie mir geschrieben haben, da für weiß ich Ihnen von Herzen Dank, dafür fühle ich mich noch tiefer in Ihrer Schuld. Wenn die Dinge nicht so verlau fen sind wie Sie es wünschten, sollte Ihnen das eher Trost sein und ein Anlaß, Gott Dank und wieder Dank zu sagen. In seiner Majestät hat er es so gefügt; und so wird es für alle das Beste sein. Es bleibt nur noch unser Wille seinem Rat schluß anzugleichen, damit dieser wahre uns auch wahr er scheine. Denn was uns nicht gefällt, erscheint uns schlecht und widrig, so gut und heilsam es auch sein mag. Und in diesem Fall liegt es klar zutage, daß die Ereignisse nicht widrig sind, weder für mich noch für irgend jemanden. Für mich bringen sie sogar großes Gedeihen. Denn mit der Frei heit und Entlastung von Seelenführung kann ich gewiß, mit Hilfe göttlicher Gunst, den Frieden und die Einsamkeit genießen und die erquickende Frucht einer Vergessenheit sei selbst und aller Dinge. Und auch den anderen kommt es zugute wenn ich von ihnen abgesondert bin; so sind sie auch frei von den Fehlern, die sie in Befolgung meiner unzu länglichen Ratschläge begehen könnten.
Um eines bitte ich Sie, Tochter: beten Sie zu Gott, daß er solche Gnade auf jede Weise fortsetze. Denn noch immer fürchte ich, sie könnten mich wieder nach Segovia schicken und mich nicht derart frei von allem lassen, selbst wenn ich mit allen Kräften suchen werde, mich auch davon zu befreien. Doch wenn das nicht sein soll, dann ist auch Mutter Ana de Jesus nicht von meiner Leitung freigekommen, entgegen ihrer Annahme; und dann brauchen Sie nicht vor Ihrem Tode darüber zu klagen, daß Ihnen zugleich mit meiner Füh rung auch die vermeintliche Gelegenheit zu hoher Heiligkeit genommen worden sei. Allein ob ich gehe, ob ich bleibe, ich werde Sie nicht vergessen,nicht, wie Sie schreiben, aus meiner Betreuung fallen lassen. Wünsche ich doch von Herzen Ihr Heil für immer.
Inzwischen aber, bevor Gott uns das Heil des Himmels ge währt, verbringen Sie die Zeit mit der Ausübung von Tu genden und von Geduld, und in dem Verlangen, durch Leiden unserem großen Gott ähnlicher zu werden, ihm, dem gedemütigten und gekreuzigten. Ist doch dieses Leben, wenn es nicht seiner Nachfolge dient, zu nichts nutze. Gott in seiner Allmacht bewahre und entfalte Sie in seiner Liebe, Amen, als seine heilige Geliebte.
22. BRIEF
Dieser Brief, nur als Fragment erhalten, wurde am gleichen Tag und zum gleichen Anlaß wie der vorhergehende geschrieben. Die Empfängerin war damals Priorin des Karmelitinnenklosters ? Segovia.
Was mich selber angeht, Tochter, das darf Ihnen nicht Kummer bereiten, macht es doch mir selber nicht den geringsten Was mir hingegen großen Schmerz bereitet, ist die Befürch tung, es möchten Unschuldige mit Schuld belastet werden Solches Geschehen wirken nicht die Menschen, sondern Gott, der weiß, was uns zukommt und alles zu unserm Heil anordnet. Halten Sie es für nichts als für Anordnungen Gottes. Und wo keine Liebe ist, da legen Sie Liebe hinein; und Sie werden Liebe herausholen ...
23. BRIEF
Jesus. Wenn irgendwann, mein Bruder, irgend jemand, sei er Vorgesetzter oder ein anderer, Sie mit seiner Lehre zu größeren Erleichterungen und Freiheiten überreden will, dann nehmen Sie solche Lehre nicht an und leben ihr nicht nach, selbst dann nicht, wenn sie durch Wunder bekräftigt würde. Sondern Buße, und mehr Buße und Loslösung von allem. Und niemals, wenn Sie Christus gewinnen wollen, suchen Sie ihn ohne das Kreuz.
24. BRIEF
In diesem letzten erhaltenen Schreiben an die Empfängerin von Brief 2,3,4, weist der Ordensvater auf weitergehende Verfolgungen hin. s wurde in dieser Zeit versucht, seine heilige Seelenliebe in den Schmutz zu ziehen und ihm sogar, wie der letzte erhaltene Brief an deutet, aus dem von ihn gegründeten Orden auszustoßen.
Meine Tochter: Bereits werden Sie die vielen Drangsale wisen die wir erdulden. Gott läßt es zu, um seine Erwählten zu Verherrlichen. In Stille und Hoffnung soll sich unser Starkmut bewähren. Gedenken Sie meiner vor Gott, der Sie heilig mache.
25. BRIEF (FRAGMENT)
Gott gebe uns in allem rechtliche Gesinnung und Abwei sung bewußter Sünde. Wo das gegeben ist, da werden Sie selbst im Beschuß von vielerlei Anfechtungen sicher gehen; und alles wird sich Ihnen zur Siegeskrone fügen. Und sagen Sie Ihrer Schwester meine Wünsche für ihr Wohl, und für Isabel de Soria mein starkes Gedenken im Herrn und die verwunderte Frage, warum sie nicht in Jaén ist, wo sie ihr Kloster hat.
Der Herr sei in Ihrer Seele, Tochter in Christus.
26. BRIEF
Wie Dona Juana de Pedraza, der Empfängerin des neunten Brief war Dona Ana in Granada Beichttochter des Heiligen. Bei der' Gründung des Nonnenkarmels in Granada durch Ana de Jesus gewährte sie mit ihrem im Brief erwähnten Bruder bis zur Vollendung des Klosters den Karmelitinnen großzügige Gastfreundschaft. Vielleicht ist Dona Ana in ihre Geburtsstadt Segovia zurückgekehrt um ihrem Seelenführer nahe zu sein. Der Brief Zeugnis freund schaftlicher Vertrautheit, ist darin jenem an M. Catalina (Nr. /) vergleichbar, daß er tiefen Einblick in die Seele des Meisters gibt.
Jesus sei in Ihrer Seele, Tochter. Ich empfing hier in La Penuela ein Päckchen Briefe, die mir der Diener brachte. Die sorgliche Aufnahme hier verpflichtet mich zu Dank. Morgen breche ich nach Ubeda auf, um leichte Fieberanfälle zu kurieren. Da sie mich seit acht Tagen ohne auszusetzen befallen, scheint es mir nötig, ärztliche Hilfe zu suchen. Allein ich scheide in der Absicht, sobald wie möglich hierher zurück zukehren. Wirklich, in dieser heiligen Einsamkeit fühle ich mich recht wohl. Und wenn Sie mich davor warnen, mich dem Pater Fray Antonio anzuschließen, so seien Sie versichert: ich werde in allem, wo Sie mir Vorsicht anraten, auch achtsam sein.
Es hat mich tief erfreut, daß der Herr Don Luis Priester des Herrn geworden ist; möchte er es viele Jahre sein, und möchten ihm seine innersten Wünsche erfüllt werden. O wie gut ist dieser Stand für die Befreiung von Sorgen und für die Bereicherung der Seele. Sagen Sie ihm meine Glück wünsche. Ich wage nicht, ihn zu bitten, er möge einmal bei der Darbringung des Opfers meiner gedenken. Ich selber, als sein Schuldner, will es immer tun. Mag ich auch vergeßlich sein, er ist viel zu eng mit seiner Schwester verbunden, die mir immer gegenwärtig ist, als daß ich ihn vergessen könnte.
Meiner Tochter Dona Ines sagen Sie viele gute Wünsche im Herrn. Und flehen Sie doch beide zu ihm, er möge mich beitmachen und mit sich empornehmen. Jetzt weiß ich nicht mehr, was noch zu schreiben wäre. Und auch des Fiebers wegen höre ich auf, so gern ich auch noch fortfahren möchte.
27. BRIEF (FRAGMENT)
Jesus ... Sohn, das bereite Ihnen keinen Schmerz. Denn das Ordenskleid können sie mir nicht nehmen, es sei denn,
ich wäre unverbesserlich und ungehorsam. Und ich bin sehr bereit, mich in allem zu bessern,
worin ich geirrt haben sollte, und im Gehorsam jede mir verhängte Buße auf mich zu nehmen ...
WEISUNGEN AN EINEN ORDENSGEISTLICHEN
ZUR ERLANGUNG DER VOLLKOMMENHEIT
Euer Hochwürden baten mich um vieles in wenigen Worten. Dafür wäre viel Zeit und Papier vonnöten. Da mir beides fehlt, will ich eine Zusammenfassung darbieten und nur einige Weisungen vorlegen, die im Ganzen viel enthalten und dem, der sie befolgt, viel Vollkommenheit vermitteln können. Wer ein wahrhafter Gottesdiener sein will, wer den Vorsatz hat, seine heiligen Gelübde zu erfüllen und in den Tugenden sich zu vervollkommnen und die holden Tröstungen des Heiligen Geistes zu genießen, der kann nicht anders, als mit größter Gewissenhaftigkeit folgende vier Weisungen befolgen: Ergebung, Demütigung, Ausübung von Tugenden und leibliche wie geistige Einsamkeit.
Um das erste, Ergebung, zu bewahren, muß einer so im Kloster leben, als wäre er der Einzige, der darin weilt. So möge er sich niemals in Worten oder Gedanken in die Angelegenheiten der Gemeinschaft oder der Einzelnen ein mischen; er möge ihr Gutes und ihr Schlechtes nicht vermerken wollen, noch ihre Eigenarten, nein, nichts davon vermerken, nicht sich einmischen, ginge auch die Welt unter. So wird der Friede der Seele bewahrt, im Gedenken an Lots Weib, das den Kopf nach dem Geschrei der Untergehenden wandte und deshalb zu hartem Stein wurde. Das müssen Sie mit großer Kraft durchführen; so werden Sie sich von vielen Sünden und Unvollkommenheiten freihalten und die friedvolle Stille Ihrer Seele bewahren, zu Ihrer großen Förderung vor Gott und den Menschen. Achten Sie genau darauf; denn viele Ordensleute, die dies vernachlässigten, konnten sich nicht durch andere Tugendwerke und Ordensleistungen auszeichnen, sie fielen zurück, vom Schlechten zum Schlimmeren.
Um das zweite, Demütigung, zu üben und dadurch zu wachsen, müssen Sie folgende Wahrheit beherzigen: in das Kloster sind Sie nur eingetreten, damit dort die Tugend aus Ihnen herausgemeißelt wird, nicht anders wie ein Stein behauen und geglättet werden muß, bevor er in das Gebäude eingefügt werden kann. Und so müssen Sie alle im Kloster so ansehen, als wären sie von Gott eingesetzte Werkleute, dazu bestimmt, Sie durch Demütigungen zu formen und zu glätten. Und die einen haben Sie durch das Wort auszumeißeln, durch mißliebige Ausstellungen; andere durch das Werk, indem sie Ihnen in schwer erträglicher Weise entgegenarbeiten; andere durch ihr Wesen, das Ihnen an sich lästig und beschwerlich ist, ebenso wie durch ihr Verhalten, andere durch ihre Gedanken, in denen Sie ein Fehlen von Schätzung und Liebe für Ihre Person zu erkennen glauben. Und all solche Demütigungen und Beschwerden müssen Sie mit innerer Geduld erleiden, in Schweigen aus Liebe zu Gott, in der Einsicht, daß Sie nur für dieses Zurechtmeißeln in den Orden gekommen sind, um auf diese Weise des Himmels wür dig zu werden. Wäre nicht dies das Ziel, dann bliebe man bes ser, statt ein Ordenskleid zu nehmen, in der Welt und suchte dort seinen Trost, Ehre und Ansehen und Zwanglosigkeit.
Und diese zweite Weisung ist unabweislich für den im Orden Lebenden, will er anders seinem Stande genügen und wahre Demut, Gelassenheit und Freude im Heiligen Geiste finden. Und wenn er sich in solchem nicht betätigt, dann versteht er es nicht, ein Ordensglied zu sein, und weiß nicht einmal, warum er in den Orden eintrat; weiß vielmehr nur sich selber zu suchen, nicht Christus. Weder wird er in seiner Seele Frieden finden, noch wird er aufhören, zu sündigen und sich wieder und wieder zu verwirren. Denn niemals fehlen im Orden Gelegenheiten zum Sündigen, auch ist es nicht Gottes Wille, daß sie fehlen. Er beruft die Seelen da hin, damit sie sich erproben und läutern, wie Gold bei Feuer und Hammer; und so dürfen Prüfungen und Versuchungen durch Menschen und Dämonen, durch Feuer der Angst und Trostlosigkeit ihnen nicht fehlen. In solchen Anfechtungen soll der Mönch sich erproben und danach streben, sie mit Geduld und in Angleichung an Gottes Willen zu bestehen, statt sich in der Prüfung so zu verhalten, daß er statt Gottes Billigung seinen Tadel erfährt, weil er Christi Kreuz nicht in Geduld tragen wollte. Da viele Ordensleute den Sinn ihrer Berufung nicht richtig erfassen, ertragen sie die Mitbrüder schlecht und werden zur Zeit der Rechenschaft beschämt in ihrem Selbstbetrug dastehen.
Um das dritte ins Werk zu setzen, die Ausübung der Tugenden, muß man Beständigkeit in den Aufgaben seines Ordens und im Gehorsam bezeigen, ohne Rücksicht auf die Welt, einzig Gott zuliebe. Und um das rückhaltlos durchzuführen, legen Sie nie Gewicht auf das Angenehme oder Unangenehme Ihrer Arbeit, nicht auf die Neigung, sie durchzuführen oder zu lassen; verweilen Sie bei dem guten Grunde, sie für Gott zu vollenden. So müssen Sie alles, das Wohlgefällige wie das Abstoßende, nur in der Absicht tun, Gott damit zu dienen.
Und um mit starkmütiger Beständigkeit sich zu betätigen und die Tugenden bald ans Licht zu fördern, seien Sie immer darauf bedacht, sich mehr dem Schwierigen als dem Leichten zuzuneigen, mehr dem Rauhen als dem Sanften, mehr dem Peinvollen und Widrigen einer Arbeit als dem Lustvollen und Angenehmen. Und erwählen Sie nicht das geringere Kreuz, weil es Ihnen als leichtere Last erscheint; vielmehr: je schwerer es drückt, um so leichter ist es, sofern es für Gott getragen wird. Streben Sie auch danach, den Mitbrüdern bei allen Erleichterungen den Vorrang vor sich selber zu geben. Suchen Sie sich immer den niedrigsten Platz, und das aus aufrichtigem Herzen; denn das ist die Weise im Geiste der Höhere zu sein. So sagt es Gott im Evangelium: «Wer sich erniedrigt, soll erhöht werden» (Lk 14, 11).
Um das vierte, die Einsamkeit zu erringen, müssen Sie alle Dinge der Welt als abgetan ansehen; und wenn es unvermeidlich ist, sich mit ihnen zu befassen, dann so unbeteiligt, als wären sie nicht,
Und um die Dinge draußen kümmern Sie sich nicht; hat Gott Ihnen doch die Sorge um diese abgenommen. Das Geschäft, das eine dritte Person für Sie erledigen kann, betreiben Sie nicht selber; denn es ist gut für Sie, niemanden sehen zu wollen und von niemandem gesehen zu werden. Und halten Sie es sich gegenwärtig: wenn Gott von jedem seiner Getreuen für ein müßiges Wort genaue Rechenschaft verlangt, wie erst von einem ihm Geweihten, der ihm sein ganzes Leben und Wirken dargebracht hat, wie erst wird er von ihm für alle Worte Rechenschaft fordern!
Ich will damit nicht sagen, Sie sollten Ihr Amt und irgend ein anderes, das Ihnen der Gehorsam auferlegt, nicht mit aller erforderlichen Gewissenhaftigkeit ausüben. Nur, Sie sollen es derart verwalten, daß sich Ihnen nichts Schuldhaftes anheftet; so weit zu gehen verlangt weder Gott noch der Gehorsam. Darum bemühen Sie sich, ständig im Gebet zu verweilen; und auch inmitten von körperlichen Betätigungen lassen Sie nicht davon ab. Ob Sie essen oder trinken, ob Sie mit Weltleuten oder mit irgend etwas anderem zu tun haben, bewahren Sie in Ihrem Herzen immer dabei ein Verlangen nach Gott, eine Hinneigung zu ihm in Ihrem Herzen. Das ist höchst notwendig für die inwendige Einsamkeit, darin die Seele keinen Gedanken hegen darf, der nicht Gott gälte, und alles vergessen soll, was in diesem elenden und kurzen Leben besteht und vergeht. Begehren Sie auf keine Weise anderes Wissen als wie Sie Gott mehr dienen und die Aufgaben Ihrer Gemeinschaft besser durchführen können.
Befolgen Euer Hochwürden diese vier Dinge mit Sorgfalt, dann ist das Ziel der Vollkommenheit bald erreicht. Die vier Weisungen stützen sich wechselseitig; fällt eine von ihnen aus, dann geht auch die Förderung, die durch die an deren Weisungen gewonnen werden könnte, mit verloren.
VORSICHTSREGELN
Den Karmelitinnen zu Beas gegeben.
Folgende Belehrungen müssen von Gottesfreunden beherzigt werden, wenn sie in kurzer Zeit heilige Sammlung, Stille und geistliche Armut, erlangen wollen, um damit die friedvolle Erquickung des Heiligen Geistes zu gewinnen, die Einigung mit Gott, die Befreiung von all den hinderlichen Geschöpfen dieser Welt, die Abwehr teuflischer Arglist und die Loslösung von sich selbst.
Wer diese Regeln mit der gewohnten Sorgfalt befolgt, wird ohne andere Anstrengung und ohne dabei eine Pflicht seines Standes zu vernachlässigen, mit großer Schnelle zu hoher Vollkommenheit voranschreiten, die Gesamtheit der Tugenden gewinnen und zum heiligen Frieden gelangen.
Als erstes ist darauf hinzuweisen, daß die Schädigungen, die von der Seele erlitten werden, durch die drei schon genannten Widersacher entstehen: durch die Welt, den Dämon und das Fleisch. Die Welt ist ein minder schwieriger Gegner. Der Dämon ist schwerer zu durchschauen. Das Fleisch ist zäher als alles, und seine Anfechtungen enden erst mit dem alten Menschen.
Soll irgendeiner dieser drei Feinde besiegt werden, dann müssen alle drei besiegt werden. Wird einer von ihnen geschwächt, dann werden es auch die anderen beiden. Und sind diese drei einmal besiegt, dann ist die Seele frei vom Krieg.
GEGEN DIE WELT
ERSTE REGEL
Gegenüber allen Personen verhalte dich mit gleicher Liebe, gleichem Vergessen, sie mögen dir verwandt sein oder nicht; löse dein Herz von den einen wie von den andern. Und von den Verwandten löse dich in etwa mehr noch als von den andern, aus Furcht, daß Fleisch und Blut bei der natürlichen Liebe, wie sie zwischen Verwandten herrscht, stärker auflebe; und diese Liebe zu dämpfen, verlangt die geistige Vollkommenheit. Verhalte dich zu ihnen wie zu Fremden. Auf solche Weise wirst du ihnen eher gerecht werden als wenn du die Zuneigung, die Gott gebührt, auf sie überträgst. Liebe nicht den einen mehr als den anderen, dann kannst du nicht irren; denn nur der ist größerer Liebe würdig, den Gott mehr liebt, und du weißt nicht, wen Gott mehr Hebt. Wenn du sie alle gleichermaßen vergißt, wie es für die Sammlung auf Gott notwendig ist, dann bist du da vor behütet, durch ein Zuviel oder Zuwenig zu irren. Denke nichts über sie, weder Gutes noch Schlechtes; meide sie, so weit du es im Guten tun kannst. Wenn du das nicht beach test, dann verstehst du es nicht ein Gottesfreund zu sein, noch kannst du zur heiligen Sammlung gelangen, noch dich von den Unvollkommenheiten der Zerstreuung befreien. Und willst du dir darin einige Freiheiten einräumen, dann wird dich der Dämon bei dem einen oder anderen täuschen, oder du selber wirst dich durch irgendeine Verfälschung zum Guten oder Bösen betrügen. In der Befolgung des Gesagten liegt die Sicherheit; denn anders kannst du dich von den Unvollkommenheiten und Schädigungen nicht befreien, die aus dem Umgang mit Geschöpfen sich ergeben.
ZWEITE REGEL
Die zweite Maßnahme gegen die Welt richtet sich gegen die zeitlichen Güter: willst du dich in Wahrheit von ihren Schädigungen befreien und das Übermaß des Begehrens dämpfen, dann mußt du jede Art von Besitz verabscheuen und dich um nichts derartiges bekümmern, nicht um Speise, nicht um Kleidung, nicht um Geschaffenes, nicht um den kommenden Tag. Auf Anderes, Höheres muß deine Sorge sich richten, auf das Gottesreich, auf das Bestehen vor Gott; und alles übrige, so verheißt es der höchste Herrscher, wird uns hinzugegeben werden. Nicht wirst du von Dem vergessen werden, der sich selbst der Tiere annimmt. Damit wirst du Beschwichtigung und Frieden im Sinnenbereich erlangen.
DRITTE REGEL
Die dritte Mahnung ist sehr notwendig, damit du im Kloster vor jedem durch die Gemeinschaft bedingten Schaden bewahrt bleibst. Da viele sich nicht davor hüteten, verloren sie nicht nur den heilvollen Frieden ihrer Seele, sie gerieten überdies zumeist in viele Übel und Sünden. Du mußt dich mit aller Achtsamkeit davor hüten, Gedanken oder gar Worte auf die Vorgänge im Kloster zu richten, handle es sich nun um solche der Gemeinschaft oder um frühere oder jetzige bei einem Einzelnen: nicht über seinen Charakter, nicht über sein Verhalten, nicht über irgend etwas von ihm, wie schwerwiegend es auch sein mag, sage irgend etwas; sage nichts unter dem Antrieb des Eiferns oder Abhelfens, es sei denn zur gegebenen Zeit dem hierfür Zuständigen. Und niemals empöre oder verwundere dich über etwas, das du sehen oder hören solltest, sondern strebe danach, all das deiner Seele fernzuhalten.
Wenn du auf Beobachtungen ausgehst, werden dir, selbst wenn du unter Engeln lebtest, viele Dinge ungut erscheinen, weil du sie verkennst. Darum nimm Lots Weib zur Warnung: weil sie sich über den Untergang der Sodomiter erregte und sich nach dem, was sich ereignete, umwandte, hat Gottes Gericht sie zur Salzsäule verwandelt. Daraus kannst du Gottes Willen ersehen. Selbst unter Dämonen müßtest du so leben, daß du den Kopf nicht zu ihrem Treiben hinwendetest, sondern sie sich selber überließest. Rein und vollständig wende deine Seele zu Gott hin, unabgelenkt durch zerstreuende Gedanken. Und darum stehe es für dich fest: niemals fehlt in Klöstern und Gemeinschaften etwas, woran Anstoß genommen werden kann; denn niemals fehlen Dämonen, die es auf den Sturz von Heiligen absehen, was Gott zu deren Läuterung und Prüfung zuläßt. Und wenn du dich nicht so zurückhältst, als ob du im Hause nicht anwesend wärest, dann kannst du trotz allen Bemühens kein echtes Ordensmitglied sein, noch kannst du die heilige Ledigkeit und Sammlung erreichen, noch den Gefahren solchen Verhaltens entgehen. Befolgst du diese Mahnung nicht, dann wirst du trotz bester Absicht und reinen Eifers in dem einen oder anderen vom Dämon gefangen werden; und schon hast du dich verfangen, wenn du deiner Seele solcherlei Zerstreuung erlaubst. Erinnere dich an die Worte des Apostels Jakobus: «Wenn jemand sich für fromm hält und seine Zunge nicht zügelt, dann ist seine Frömmigkeit eitel» (Jk i, 26). Das gilt ebenso für das innere Sprechen wie für das äußere.
GEGEN DEN DÄMON
Folgende Mahungen muß der zur Vollkommenheit Strebende beherzigen, will er sich anders vom Dämon, seinem zweiten Feind befreien. Dafür ist zu beachten: Unter den vielen Ränken des Dämons, mit denen er geistliche Menschen betrügen will, ist das häufigste eine Vortäuschung von etwas Gutem, nicht von etwas Bösem; denn er weiß bereits, daß sie zu etwas Schlechtem, das sie als solches erkennen, nicht zu verleiten sind. Und so mußt du immer das, was gut erscheint, beargwöhnen, zumal, wenn es nicht durch Gehorsam gefordert wird. Sicher und richtig wirst du gehen, wenn du dem dir zugewiesenen Ratgeber folgst.
ERSTE REGEL
In Befolgung der ersten Regel befasse dich mit keiner Sache, es sei denn im Gehorsam; steh ab von Handlungen, sie mögen dir noch so gut und wohltätig für dich oder andere innerhalb und außerhalb des Hauses erscheinen, wenn diese Handlungen nicht im Gehorsam vollzogen werden. Damit gewinnst du Verdienste und Sicherheit. Lehne Besitz ab und du entgehst dem Dämon und unerkannten Schäden, für die du dich einst vor Gott verantworten mußt. Und wenn du diese Mahnung nicht im Großen wie im Kleinen beachtest, dann magst du dich noch so sehr auf dem richtigen Wege wähnen, der Dämon wird dich im Großen oder im Kleinen mit Sicherheit irreführen. Und wäre es nur dies, daß du dich nicht in allem vom Gehorsam leiten läßt, dann irrst du bereits schuldhaft. Stellt Gott doch Gehorsam höher als Opfer. Und die Handlungen des Gottgeweihten gehören nicht ihm, sondern dem Gehorsam; und wenn du sie dem Gehorsam entwendest, werden sie als Veruntreuungen von dir zurückgefordert werden.
ZWEITE REGEL
Die zweite Regel ist, daß dir dein geistlicher Vorgesetzter an Gottes Stelle gelten soll, nicht weniger, mag er sein, wie er will. Und wisse, hier hat der Dämon als Feind der Demut häufig seine Hand im Spiel. Stellst du deinen Vorgesetzten so hoch, wie ich sagte, dann ist der Gewinn und die Förderung groß; andernfalls ist es der Schaden, der groß ist, und der Verlust. Und darum beachte mit viel Wachsamkeit, daß du nicht auf seine Eigenart und sein Benehmen, nicht auf sein Äußeres schaust, nicht auf andere Weisen seines Vorgehens. Sonst hast du zu deinem großen Schaden den göttlichen Gehorsam zu einem menschlichen erniedrigt. Hast du dich doch durch das am Vorgesetzten Sichtbare zu Tun oder Nichttun bewegen lassen, und nicht durch den unsichtbaren Gott, dem du in jenem dienst. Und eitel wird dein Gehorsam sein und um so unfruchtbarer, je mehr du durch die rauhe Art des Vorgesetzten gekränkt oder durch seine wohlwollende Weise erfreut bist. Wegen des Haftens an solchen Dingen sind sehr viele Ordensleute durch den Dämon um die Vollkommenheit gebracht worden. Und ihr Gehorsam ist vor Gott von geringem Wert, da sie ihn von äußeren Umständen abhängen lassen. Wenn du dich nicht dahin bringen kannst, daß dir der eine Vorgesetzte soviel gilt wie der andere, soweit es dein persönliches Gefühl angeht, dann bist du kein geistlicher Mensch und kannst deine Gelübde nicht richtig halten.
DRITTE REGEL
Gemäß der dritten Regel trittst du dem Dämon geradewegs entgegen, wenn du in Wort und Werk dich von Herzensgrund demütigen lernst, wenn du dich über des Nächsten Wohl wie über dein eigenes freust, und wenn du in aller Aufrichtigkeit wünschest, daß er von allen dir vorgezogen wird. Und dies wende vor allem bei jenen an, die bei dir am wenigsten Gefallen finden. Und sei gewiß: wahre Nächstenliebe wird dich ohne solche Überwindung nicht beseelen, und nicht wirst du in dieser Liebe wachsen. Und stets sei es dir lieber, daß alle dich belehren, als daß du den Geringsten unter ihnen belehrst.
GEGEN DAS FLEISCH
ERSTE REGEL
Als erstes überzeuge dich, daß du nur deshalb in das Kloster eingetreten bist, damit alle dich prüfen und abschleifen Und um dich von den Unvollkommenheiten und Störungen zu befreien, die aus dem Charakter und der Umgangsweise anderer Ordensleute erwachsen können, und um aus jedem Vorkommnis Gutes zu gewinnen, mußt du dir vorstellen, daß alle im Kloster dazu angestellt sind, an dir zu arbeiten wie es auch in Wahrheit ist. Die Einen sollen dich mit Worten herausbilden, andere durch Werke, wieder andere durch dir ungünstige Gedanken. Du aber mußt stillhalten, wie ein Standbild dem stillhält, der es formt, und dem, der es bemalt und dem, der ihm Gold auflegt. Und wenn du das nicht beachtest, dann wirst du deine Sinnlichkeit und dein Selbstgefühl nicht zu besiegen wissen, noch wirst du dich mit den Einzelnen der Gemeinschaft gut vertragen, noch wirst du den heiligen Frieden, noch die Freiheit von manchem Anstoß und Übel erlangen.
ZWEITE REGEL
Als zweites: Unterlaß keine Werke, die dir unangenehm und lästig sind, wenn ihre Durchführung dem Dienst unseres Herrn gemäß ist. Auch unternimm sie nicht ausschließlich, weil du Geschmack daran findest; vielmehr mußt du dich ihnen nicht anders unterziehen, als wie du es bei den dir unwillkommenen tatest. Ohne solches Verhalten ist es unmöglich für dich, Beständigkeit zu gewinnen und deine Schwäche zu besiegen.
DRITTE REGEL
Die dritte Regel lautet: Niemals darf der geistliche Mensch bei seinen Übungen die Aufmerksamkeit auf das Angenehme in ihnen richten und daran haften bleiben und es zum Beweggrund seines Handelns machen. Ebensowenig soll er das Herbe in seinen Übungen fliehen; vielmehr suche er das Beschwerliche und ihm Widerstehende. Damit zügelt er seine Sinnlichkeit. Auf keine andere Weise wirst du deine Eigenliebe ablegen und die Gottesliebe gewinnen und empfangen.
GUTACHTEN DES HEILIGEN ÜBER EINE ORDENSTOCHTER
UND DIE BEGLEITERSCHEINUNGEN IHRES GEBETES
Verfaßt auf Wunsch des damaligen Generalvikars P. Doria, in der letzten Lebenszeit des Begutachters
Die gefühlsbetonte Weise dieser Seele zeigt fünf Mängel, die ihren Geist nicht als echt erscheinen lassen. Als erster Mangel zeigt sich eine Begier zur Aneignung; der echte Geist aber zeigt sich immer ledig von Begier. Als zweiten Mangel hat sie eine übergroße Selbstsicherheit und allzu wenig Furcht vor Selbsttäuschung; und Gottes Geist geht immer mit solcher Furcht zusammen, um die Seele wie der Weise sagt vor Schaden zu bewahren. Als Drittes: es scheint diese Seele darauf bedacht zu sein, ihre inneren Erfahrungen als gut, ja, als sehr gut glaubhaft zu machen. So ist es nicht bei einem echten Geist: dieser strebt im Gegenteil danach, geringgeschätzt zu werden, und er selber trägt dazu bei. Das Vierte und Wesentliche: ihre Gebetsweise bringt keine Demut zum Vorschein. Wären aber ihre Begnadungen göttlichen Ursprungs, wie sie es behauptet, dann würde die Seele als erstes bei solcher Gotterfahrung in tiefster Demut zunichte werden. Wäre diese Gnadenwirkung hier eingetreten, so hätte diese Seele es nicht unterlassen, auch darüber etwas und sogar sehr viel niederzuschreiben. Denn das erste, was der Seele hier bewußt wird und was zum Ausdruck drängt, ist die Folgeerscheinung der Demut, einer so wirksamen Demut, daß sie nicht verleugnet werden kann. Mögen auch die Gotterfahrungen nicht immer von gleicher Eindringlichkeit sein, diese hier, die von ihr als Gotteinigung bezeichnet wird, vollzieht sich niemals, ohne tiefste Demut zu bewirken. «Wird doch die Seele, bevor sie erhöht wird, erniedrigt» (Spr 18, 12). Und: «es ist gut für mich, daß du mich gedemütigt hast» (Ps 118, 71). Als Fünftes: Ihre Ausdrucksweise entspricht nicht dem Geist, der diese Seele nach ihren Angaben erfüllt. Eben dieser Geist lehrt einen schüchteren Stil, ohne Geziertheiten und Beteuerungen, wie sie von ihr vorgebracht werden. Und alles, wovon sie behauptet, sie habe es Gott gesagt und Gott angeblich ihr, erscheint unsinnig.
Ich möchte vorschlagen: es soll ihr weder befohlen noch auch erlaubt werden, weiteres dieser Art aufzuschreiben. Auch soll ihr Beichtvater sich nicht so verhalten, als höre er solches gutgläubig an; vielmehr soll er nur zuhören, um das Vorgebrachte auf sein Nichts zurückzuführen. Man prüfe sie scharf was die Übung der Tugenden angeht, zumal Selbstverleugnung, Demut und Gehorsam; und am Klang des Metalls wird sich die Weichlichkeit der Seele zeigen, in der angeblich so große Gnaden hervorgebracht wurden. Und die Prüfung muß durchgreifend sein; denn es gibt keinen Dämon, der nicht für seine Ehre etwas auf sich nähme.
AUSSPRÜCHE EINSICHTIGER LIEBE ' GEBET
Auch in diesen Sprüchen lichtvoller Liebe zu dir, mein Gott, meine Beseligung, wollte meine Seele ihre Liebe zu dir bekunden. Wohl ist mir die Fähigkeit des Ausdrucks verliehen; doch mir fehlt, was du höher stellst als Sprachgewalt und die ausgedrückte Einsicht, mir fehlt das Vollbringen, die Kraft der Tugend. So mögen andere unter dem Einfluß dieser Sprüche am Ende dir besser in Liebe dienen und da emporgelangen, wo ich versage. Und meine Seele kann sich damit trösten, Anlaß gewesen zu sein, daß du in anderen fandest, was sie selber nicht zu geben vermochte.
Du, Herr, liebst die Einsicht, du liebst das Licht, und die Liebe ist dir über alle anderen Regungen der Seele lieb. Daum sind diese Aussprüche solche der Einsicht für die Wahl des Weges, solche des Lichtes zur Erhellung des Weges und solche der Liebe für die Kraft des Wanderns. Fern bleibe hier die Redekunst der Welt, fern die Ausgegossenheit und die trockene Beredsamkeit der menschlichen Weisheit, dieser schwächlichen und spitzfindigen. Solche findet niemals Gefallen vor dir. Zum Herzen wollen wir sprechen, mit Worten, durchtränkt von holder Liebe, so wie es dir gefällt. So mögen am Ende durch diese Sprüche Widrigkeiten und Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, zum Nutzen vieler Seelen, die aus Unwissenheit straucheln und aus Unwisseneit fehlgehen, in dem Wahn, deinem huldreichen Sohn, unserm Herrn Jesus Christus auf seinem Wege nachzufolgen und ihm ähnlich zu werden, so im Leben, Verhalten und in Tugenden wie in der Weise der Ledigkeit und Lauterkeit seines Geistes. Gib das Vollbringen, Vater der Barmherzigkeit; denn ohne dich, Herr, kann nichts gelingen.
1 Immer enthüllte der Herr die Schätze seiner Weisheit, seines Geistes den Sterblichen; doch jetzt, da das Böse sein Gesicht unverhüllter zeigt, entdeckt er sie um vieles deutlicher.
2. O Herr, mein Gott! Wer dich mit lauterer, einfältiger Liebe sucht, wie sollte er dich nicht nach seines Herzens Begehren finden? Brichst du doch zu denen auf, die dich begehren, und kommst ihnen als erster entgegen.
3. Wenn der Weg auch für Menschen guten Willens eben und sanft ist, so wird der nur wenig und nur mühsam vorankommen, der nicht mit tapferer Beharrlichkeit ausschreitet.
4. Besser ist es, belastet neben einem Starken zu stehen, als entlastet neben einem Schwachen. Bist du belastet, so stehst du neben Gott, der deine Stärke ist, er, der den Bedrückten beispringt. Bist du erleichtert, so stehst du nur zu deinem Selbst, das deine Schwäche ist: Denn die Tugendkraft der Seele wächst und festigt sich in den Prüfungen der Geduld.
5. Wer ohne den Halt eines Meisters bestehen will, der gleicht dem Baum, der einsam und herrenlos auf dem Felde steht: so viele Früchte er auch trägt, die Vorbeigehenden werden sie abreißen, bevor sie ausgereift sind.
6. Der Baum, den ein wohltätiger Herr behütet und pflegt, gibt Frucht zu seiner Zeit.
7. Die meisterlose Seele, die Tugendkraft besitzt, gleicht einer vereinzelten brennenden Kohle; sie wird eher erkalten als weiterglühen.
8. Er, der als Einsamer stürzt, liegt einsam am Boden. Und er schätzt seine Seele gering, da er sie nur sich selber anvertraut.
9. Magst du auch nicht fürchten, als Einsamer zu stürzen, wie maßest du dir an, dich allein vom Sturz zu erheben? Sieh, zwei zusammen vermögen mehr als einer allein.
10. Wer mit einer Last niederfällt, der wird sich nur schwer mit seiner Last erheben.
11. Gott schätzt an dir mehr eine Gewissensreinheit selbst geringen Grades als alle Werke, die du vollbringen könntest.
12. Gott schätzt an dir mehr den geringsten Grad von Gehorsam und von Ergebung als all jene Dienste, die du dir vornimmst.
13. Höher stellt Gott deine Hinneigung zur Trockenheit und zum Leiden aus Liebe zu ihm als alle Meditationen, die du erdenken kannst, und all deine Tröstungen und Visionen.
14. Verleugne deine Wünsche, und du wirst finden, was dein Herz sich wünscht. Was weißt du, ob dein Begehren Gott gemäß ist?
15. Holdseligste Liebe Gottes, kaum erkannte! Wer deine Herzader schlagen fühlte, kam zur Ruhe.
16. Da die Befriedigung deines Willens dir doppelte Bitternis einbringt, befriedige ihn nicht, wenn du auch in Bitternis verbleibst.
17. Mehr Untauglichkeit für den Aufstieg zu Gott belastet eine Seele, die noch das geringste Begehren nach etwas Weltlichem hegt, mehr Unlauterkeit beschwert sie, als wenn sie mit sämtlichen häßlichen Versuchungen und drückenden Finsternissen beladen wäre vorausgesetzt, daß ihr Vernunftwille sie nicht zulassen will; in diesem Fall mag sie vertrauensvoll vor Gott hintreten, vom Wort des Höchsten ermutigt: « Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken.»
18. Wohlgefälliger ist vor Gott eine Seele, die in Trockenheit und Mühsal sich dem Vernunftgemäßen unterwirft, als eine solche, die ohne Ergebung alles in Getrostheit betreibt.
19. Höher stellt Gott ein geringes Werk, das im Verborgenen und fern von Schaustellung vollbracht wird, als tausend andere, die der Schaustellung vor den Menschen dienen sollen ; denn wer mit lauterster Liebe für Gott wirkt, dem Hegt nichts an der Beachtung der Menschen; ihn treibt nicht einmal der Wunsch, daß Gott selber darum weiß. Auch wenn Gott niemals darum wüßte, würde er ihm weiterhin die gleichen Dienste mit der gleichen Heiterkeit und der gleichen Lauterkeit der Liebe darbringen.
20. Das reine, geschlossene Werk für Gott, vollendet in lauterer Seelentiefe, bietet seinem Herren ein festgefügtes Reich.
21. Zweifach plagt sich der Vogel, der sich auf einer Leimrute niederließ: er muß loskommen und muß sich danach vom Leim reinigen; doppelt also muß der sich mühen, der seinem Trieb frönte: er muß sich freimachen, und nach der Loslösung muß er sich von dem reinigen, was ihm noch anklebt.
22. Wer sich nicht hinreißen läßt von seinen Begierden, fliegt leicht in dem Wehen des Geistes wie ein Vogel mit fehllosem Gefieder.
23. Die Fliege, die sich auf den Honig setzt, behindert ihren Flug; und die Seele, die sich an der Süße des Geistes fest saugen will, behindert ihre Freiheit und ihre Gotterfahrung.
24. Vergegenwärtige dir nicht die Geschöpfe, wenn du Gottes Antlitz klar und ungebrochen in der Seele bewahren willst; befreie und entfremde deinen Geist völlig von ihnen, und dich erfüllen göttliche Erleuchtungen; denn Gott ähnelt ihnen nicht.
25. Der wohlgeläuterte Geist bemengt sich nicht mit befremdlichen Eindrücken, nicht mit menschlichen Rücksichten; einsam und frei von allen Phantasmen tauscht er sich im Innern voll köstlicher Entspannung mit Gott aus. Denn sei ne Eingebungen gewinnt er in heiliger Stille.
26. Die liebende Seele ist fügsam, sanftmütig, demütig und geduldig.
27. Die Seele, hart in ihrer Eigenliebe, verhärtet sich. Wenn du in deiner Liebe, o gütiger Jesus, die Seele nicht erweichest, müßte sie immer in ihrer natürlichen Härte verharren.
28. Wer die Gelegenheit entschlüpfen läßt, gleicht einem, der den Vogel in seiner Hand nicht festhält; er wird ihn nicht zum zweitenmal fassen.
29. Noch habe ich dich, Herr, nicht erkannt; denn noch immer wollte ich Geschaffenes kosten und genießen.
30 Willkommene Wandlung von allem! Sie zwingt uns, Zuflucht zu suchen, Herr unser Gott, bei dir!
31. Ein einziger Gedanke des Menschen ist mehr wert als die ganze Welt; so ist niemand seiner wert als Gott allein.
32. Für das Übersinnliche das Nicht Spüren, für das Sinnliche die Sinne und für Gottes Geist dein Denken.
33. Beachte: nicht immer erregt dir dein Schutzengel das Verlangen, zu wirken, doch immer erleuchtet er die Vernunft; so warte nicht mit Werken der Tugend, bis du Lust danach verspürst, dir genüge dafür deine erleuchtete Vernunft.
34. Das Begehren gibt einer Einwirkung des Engels nicht Raum, wenn es anderen Dingen verhaftet ist.
35. Ausgezehrt wurde mein Geist, weil er vergaß, sich an dir zu weiden.
36. Was du erstrebst und am eifrigsten begehrst, das wirst du nicht auf deinem Wege und nicht in erhabener Beschauung finden, sondern in tiefer Demut und Herzenshingabe.
37. Ermatte nicht; denn nicht eher wirst du des Geistes Holdheit verkosten, als bis du alles dir Begehrenswerte hinter dir ließest.
38. Denk, daß die zarteste Blüte am schnellsten Schönheit und Duft verliert; darum hüte dich davor, dem Geist des Wohlgeschmacks nachzugehen und so die Beständigkeit ein zubüßen. Erwähle dir einen markigen Geist, fern von Verstrickung, und du wirst holden Frieden im Überfluß finden; denn die schmackhafte, dauernde Frucht wird im Trockenen und Kühlen gepflückt.
39. Bedenke, dein Fleisch ist schwach, und nichts in der Welt vermag deinem Geist Starkmut und Trost zu geben; denn was aus der Welt geboren wird, ist Welt, und was aus dem Fleisch entsteht, ist Fleisch, und der gute Geist wird nur aus dem Geiste Gottes geboren, aus ihm, der nicht durch die Welt und nicht durch das Fleisch mitgeteilt wird.
40. Überlege mit deiner Vernunft und folge ihrem Rat auf dem Wege zu Gott; das wird dir eher helfen Gott zu erlangen als alle Werke, die du ohne solche Überlegung vollendest, und als alle geistigen Wohligkeiten, die du erstrebst.
41. Glückselig, wer frei von Gelüst und Neigung die Dinge nach Gerechtigkeit und Billigkeit betrachtet, um danach zu handeln.
42. Wer vernunftgemäß handelt, gleicht dem, der das Kernige speist; wer seinem Belieben folgt, gleicht dem, der faulige Frucht verzehrt.
43. Du, Herr, kehrst freudig und liebreich um, den empor zuheben, der dich schmähte. Und ich kehre nicht um, den aufzuheben und zu ehren, der mir Ärgernis gab.
44. O machtvoller Herr, wenn ein Funke aus dem Reich deiner Gerechtigkeit soviel in dem sterblichen Fürsten ver mag, daß er das Volk beherrscht und leitet was wird deine allmächtige Gerechtigkeit am Gerechten und am Sünder vollbringen?
45. Wenn du deine Seele von wesensfremdem Besitz und Gelüst läuterst, dann kannst du die Dinge dem Geiste nach auffassen; und wenn du die Begier nach ihnen verleugnest, dann kannst du ihre Wahrheit genießen und das Gewisse in ihnen begreifen.
46. Herr mein Gott, fremd bist du nicht für den, der sich nicht selber dir entfremdet. Wie nur sagen sie, du seiest es, der sich entfremdet?
47. Der hat in Wahrheit alle Dinge überwunden, der von ihrem Angenehmen nicht zur Lust bewegt wird und von ihrem Widrigen nicht zur Traurigkeit.
48. Willst du zur heiligen Sammlung gelangen, dann gewähre nicht Einlaß, sondern weise ab.
49. Wo ich auch gehe, mein Gott, ich gehe mit dir; fortan sei, wie ich begehre, all mein Gehen für dich.
50. Nicht gelangt zur Vollkommenheit, wer nicht danach trachtet, in nichts Genüge zu finden, derart, daß die natürliche und die geistliche Begier gestillt im Leeren verharren, wie es für das Erlangen tiefsten geisthaften Friedens notwendig ist. Und bei solchem Zustand kommt in der reinen und geschlichteten Seele die Liebe zu Gott oft ins Wirken.
51. Gott ist unzugänglich; so versuche nicht, ihn mit dem, was deine Vermögen erfassen und deine Sinne empfinden können, dir zugänglich zu machen. Sonst gibst du dich mit Geringerem zufrieden und verlierst die Leichtigkeit der Seele für deinen Aufstieg zu Gott.
52. Gleich einem der seine Karre bergaufwärts zieht, verhält sich auf ihrem Wege zu Gott die Seele, die ihre Sorgen nicht abschüttelt und ihre Triebe nicht dämpft.
53. Gottes Wille ist es nicht, daß die Seele verstört sei und Mühsale leide; es stammt aus der Schwäche der Seele, daß sie unter den Widrigkeiten der Welt leidet; denn die Seele des Vollkommenen jubelt über das, worüber der Unvollkommene klagt.
54. Der Weg des Lebens braucht gar wenig Betrieb und Geschäftigkeit; er verlangt mehr Demütigung des Willens als viel Wissen. Wer am wenigsten von den Dingen und Ge nüssen zu sich nimmt, wird ihn am leichtesten durchmessen.
55. Gott wohlzugefallen erreichst du nicht so sehr durch vieles Werkeln, als durch ein Wirken aus gutem Willen, frei von Besitztrieb und Rücksichtnahmen.
56. Am Ende werden sie deine Liebeskraft durchprüfen. Lerne es, Gott so zu lieben, wie er geliebt sein will, und laß ab von deiner Eigenweise.
57. Hüte dich davor, dich in fremde Angelegenheiten ein zumischen, ja, ruf sie dir nicht einmal ins Gedächtnis; es möchte dich an der Durchführung deiner Aufgabe hindern.
58. Wenn bei jemandem die Tugenden, die du erwartest, nicht hervorleuchten, so bedenke: vor Gott mag er Tugen den haben, die du nicht vermutest.
59 Nicht weiß der Mensch sich recht zu erfreuen und recht zu beklagen; denn nicht ermißt er den Abstand zwischen Gut und Böse.
60. Betrübe dich nicht jählings über widrige Ereignisse im Weltgeschehen; denn du weißt nicht, welches Heil sie in sich bergen ein Heil, vorgesehen von Gott für die ewige Seligkeit seiner Erwählten.
61. Freue dich nicht über zeitliches Wohlergehen; denn nicht weißt du, ob es dir das ewige Leben sichert.
62. In Drangsal eile sogleich vertrauensvoll zu Gott; so wirst du gestärkt und erleuchtet werden und wohlbelehrt.
63. In Freude und Genuß eile sogleich zu Gott, mit auf richtiger Furcht; und du wirst nicht getäuscht werden und nicht in Eitelkeit verstrickt.
64. Nimm Gott zum Freund und Anverlobten, zum steten Geleiter; und du wirst nicht sündigen, wirst zu Heben wissen, und das Unvermeidliche entwickelt sich dir zum Gedeihen.
65. Mühelos wirst du Völker dir unterwerfen und alle Dinge dir dienstbar machen, wenn du sie und dich selber vergissest.
66. Entbürde dich, wirf die Sorgen ab, laß nichts dich betreffen, was auch geschieht; und du wirst Gott nach seinem Gefallen dienen und wirst ausruhen in ihm.
67. Bedenke, Gott herrscht nur in einer friedvollen, uneigennützigen Seele.
68. Magst du auch vieles zustande bringen, wenn du nicht lernst, deinen Willen fügsam zu verleugnen, unbesorgt um dich und das Deine, dann kommst du der Vollkommenheit nicht näher.
69. Was hilft es, daß du Gott eine Sache gibst, wenn er eine andere von dir verlangt? Erwäge, was Gott begehren mag und tue das; damit wirst du dein Herz besser befriedigen als mit dem, was du nach deiner Neigung tätest.
70. Wie kannst du es wagen, dich ohne jede Furcht gehen zu lassen, wo du vor Gott erscheinen mußt, um für das geringste Wort und den leisesten Gedanken Rechenschaft zu geben?
71. Bedenke, es sind viele berufen und wenige auserwählt; und wenn du dich selber nicht überwachst, dann ist dein Untergang gewisser als dein Heil, zumal der Weg zum ewigen Leben so schmal ist.
72. Belustige dich nicht in eitler Weise; denn du weißt, wie viele Sünden du begangen hast, und du weißt nicht, wie Gott dich einschätzt; so fürchte mit Vertrauen.
73. Weil es doch in der Stunde der Rechenschaft auf dir lasten wird, daß du deine Stunden nicht auf den Dienst für Gott verwendet hast, warum willst du deine Lebenszeit nicht schon jetzt so ordnen und verwenden, wie du sie in der Sterbestunde verwendet haben möchtest?
74. Wenn du willst, daß in deinem Geiste die Gottesfurcht erstehe und die Liebe zu Gott zunehme und mit ihr das Verlangen nach dem Göttlichen, dann läutere die Seele von je dem Begehren, jeder Aneignung, jeder Anmaßung, so daß dir das Nichtige auch das Nichtige ist. Wie der Kranke, sobald er die schlechten Säfte ausgeschieden hat, das Wohl der Gesundheit empfindet und ein erstes Verlangen nach Speise, so wirst du in Gott genesen, wenn du dich nach der Anweisung heilst; sonst kommst du trotz aller Anstrengung nicht weiter.
75. Wenn du für deine Seele tröstlichen Frieden finden und Gott wahrhaft dienen willst, dann begnüge dich nicht mit dem, was du bereits gelassen hast; denn du könntest dir nachher unversehens gleiche oder größere Behinderungen aufgebürdet haben; laß vielmehr auch alles, was du noch mit dir trägst und beschränke dich auf das Eine, das alles andere in sich begreift: die heilige Einsamkeit, die von Gebet und göttlicher Lesung begleitet ist, und mit ihr verharre, im Vergessen aller Dinge; falls dir keine Beschäftigungen auferlegt sind, dann bist du Gott wohlgefälliger, wenn du dich zurückhältst und dich mit deinem eigenen Vorankommen abgibst, als wenn du alles zusammen einraffen willst. Denn «was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er darüber seine Seele verliert?» (Mt 16, 26)
WEISUNGEN DER LIEBE
1. Zügle Zunge und Gedanken straff, wende deine Zuneigung stetig hin zu Gott, und dein Geist wird sich göttlich entzünden.
2. Weide den Geist an nichts anderem als an Gott. Lösch die Eindrücke der Dinge aus und senke friedvolle Samm lung in dein Herz.
3. Halte dich in geistiger Stille, mit liebevollem Hinmerken auf Gott, und wenn es nötig wird zu sprechen, dann sei es mit der gleichen friedvollen Gestilltheit.
4. Halte dir stets das ewige Leben gegenwärtig und auch dieses, daß die Seelen, die sich demütig für die niedrigsten halten, die höchste Herrlichkeit in Gott genießen werden.
5. Freue dich stets in Gott deinem Heil; und bedenke: gut ist das Leiden jeglicher Art ihm zuliebe, der gut ist.
6. Erwägen mögen die Schwestern, wie sehr sie ihre eigenen Feindinnen sein müssen, mit heiliger Strenge zur Vollkommenheit voranschreitend, und wie sie für jedes Wort, das sie nicht im Gehorsam gesprochen haben, vor Gott Rechenschaft ablegen müssen.
7. Dies sei innigster Wunsch: Gott möge der Seele das ver leihen, was ihr für ihn und seine Ehre noch fehlt.
8. Schwester, die Seele, die im Innern wie im Äußern mit Christus gekreuzigt ist, findet schon in diesem Leben Befriedigung und Stillung, dank ihrer Geduld.
9. Hege ein liebreiches Hinmerken zu Gott, ohne Gelüst, etwas Vereinzeltes zu gewahren oder zu begreifen.
10 Ein Wandel im Vertrauen auf Gott, bei sich und bei den Mitschwestern jenes am höchsten schätzend, was Gott am höchsten schätzt: die geistigen Heilsgüter.
11. Versenke dich in die Tiefe deines Gemütes, und wirke in der Gegenwart des Bräutigams, der immer in Zuneigung anwesend ist.
12. Laß in deiner Seele nichts dem Geiste Unwesentliches zu, auch wenn es nicht Sammlung und Gottinnigkeit vertreibt.
13. Suche Christus, den Gekreuzigten, und mit ihm leide, mit ihm ruhe; und um solchen Zieles willen vernichtige dich gegenüber allem Innerlichen und Äußerlichen.
14. Erstrebe immer, daß die Dinge nichts für dich sind und du nichts für die Dinge; allem enthoben verweile in deiner Entrücktheit mit dem Bräutigam.
15. Liebe die Mühsal und achte sie gering; so wirst du dem Bräutigam gefallen, der ohne Zögern für dich starb.
16. Bleibe fest in deinem Herzen gegen alle Dinge, die dich zu dem bewegen wollen, was nicht Gott ist; und sei die Freundin der göttlichen Passion.
17. Sei innerlich von allem losgelöst; und suche keinen Wohlgeschmack am Zeitlichen; so versenkt sich deine Seele in ewige, nieverkostete Güter.
18. Die Hebehegende Seele ermüdet niemanden und wird selber nicht müde.
19. Der Arme, der entblößt ist, wird bekleidet; und die Seele, die sich von ihren Trieben, Zuneigungen und Abneigungen entblößt, wird von Gott bekleidet, mit seiner Reinheit, seinem Willen, seiner Wonne.
20. Es gibt Seelen, die sich gleich gewissen Tieren im Schlamm wälzen; andere fliegen gleich den Vögeln, die sich in der Luft säubern und reinigen.
21. Ein einziges Wort formte der Vater: seinen Sohn; und dieses Wort spricht er immer in ewigem Schweigen, und schweigend soll es von der Seele aufgenommen werden.
22. Die Arbeiten sind nach uns zu bemessen und nicht wir nach den Arbeiten.
23. Wer nicht das Kreuz Christi sucht, der sucht nicht die Herrlichkeit Christi.
24. Sucht Gott das Liebenswerte in einer Seele, dann schaut er nicht auf ihre Größe, sondern auf die Größe ihrer Demut.
25. Wer es scheut, vor den Menschen sich zu mir zu be kennen, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater nicht bekennen, sagt der Herr (Mt 10, 22).
26. Das oft gestrählte Haar ist glänzend und glättet sich leicht bei jedem wiederholten Kämmen; und die Seele, die ihre Gedanken, Worte und Werke (die ihren Haaren ver gleichbar sind) häufig prüft und alles aus Liebe zu Gott unternimmt, hat schimmerndes Haar, und der Bräutigam wird gebannt auf das Haar an ihrem Halse schauen (Hl 4, 9) und von dem einen ihrer Augen verwundet sein (Hl 4, 9) von der lauteren Gesinnung, darin sie alles wirkt. Das Haar wird von oben nach unten gestrählt, wenn es glänzen soll; und nicht anders müssen all unsere Werke bei der höchsten Gottesliebe beginnen, wenn sie lauter und leuchtend sein sollen.
27. Der Himmel ist beständig und nicht dem Wechsel der Geschlechter unterworfen; und auch die Seelen himmlischen Wesens sind beständig und nicht dem Erzeugen von Trieben und anderem unterworfen, vielmehr sind sie in ihrer Weise Gott vergleichbar, da sie ewig nicht wanken.
28. Iß nicht verbotene Früchte, solche aus dem gegenwärti gen Leben. Denn selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, weil sie gesättigt werden. Was Gott er strebt, ist uns zu Göttern durch Teilhaben zu machen, wie er Gott von Natur ist so wie das Feuer alles in Feuer ver wandelt.
29. All unser Gutes ist geliehen, es gehört Gott als sein eigenes Werk. Gott und sein Werk sind Gott.
30. Pforte zur Weisheit sind Liebe, Stillschweigen und De mütigung ; große Weisheit ist es, schweigen zu können und weder Gerede noch Taten noch fremde Lebensführung zu beachten.
31. Alles für mich, und nichts für dich.
32. Alles für dich, und nichts für mich.
33. Laß dich belehren, laß dir befehlen, laß dich unterwerfen und verachten, und du wirst eine Vollkommene werden.
34. Fünf Schäden bewirkt jeder Trieb in der Seele: er beunruhigt sie, er trübt sie, er beschmutzt sie, er schwächt sie, und als fünftes verdunkelt er sie.
35. Die ganze Welt ist nicht einen einzigen Gedanken des Menschen wert, da ein jeder Gott geschuldet wird. Und so berauben wir Gott eines jeden Gedankens, den wir nicht auf ihn verwenden.
36. Seelenkräfte und Sinne sollen niemals ganz auf die Dinge verwandt werden, sondern nur so weit es unvermeidlich ist; im übrigen sollen sie ungeschäftig für Gott bereit sein.
37. Nicht auf fremde Unvollkommenheiten achten, Schweigen und ständigen Umgang mit Gott bewahren, das wird große Unvollkommenheiten entwurzeln und die Seele zur Herrin hoher Tugenden machen.
38. Der Kennzeichen innerer Sammlung sind drei: das erste, daß die Seele sich nicht mehr am Vorübergehenden erfreut; das zweite, daß sie Einsamkeit und Schweigen liebt und zu allem, was vollkommener ist, hindrängt; das dritte, daß eben das was ihr zuvor weiterhalf, jetzt zur Störung wird, so Betrachtungen und Erwägungen und Akte. Die Seele hat jetzt einen anderen Halt gefunden, ausschließlich im Glauben und in der Hoffnung und in der Liebe.
39. Wenn die Seele mehr Geduld im Leiden und zunehmende Langmut bei der Entbehrung von Genüssen auf weist, so ist das ein Zeichen, daß sie in der Tugend voran schreitet.
40. Der Eigenschaften des einsamen Singvogels sind fünf. Die erste: er sucht sich die höchste Stelle; die zweite: er duldet keinen Gefährten, auch nicht einen seiner Art; die dritte: er dreht den Schnabel gegen den Wind; die vierte: er hat keine einheitliche Farbe; die fünfte: er singt zart. Das müssen auch die Eigenschaften der gottbereiten Seele sein: sie hat sich über alles Vergängliche zu erheben, so als ob es nicht wäre. Sie muß so sehr Freundin der stillen Einsamkeit sein, daß sie die Gesellschaft keines Geschöpfes duldet. Sie muß sich zum Wehen des Heiligen Geistes hinwenden und seinen Eingebungen entsprechen, um eines solchen Gefährten würdiger zu werden. Sie darf keine bestimmte Farbe haben, sich auf nichts festlegen außer auf Gottes Willen. Sie muß aufs zarteste singen, beim Innewerden göttlicher Liebe.
41. Willentliche unvollkommene Gewohnheiten, die immer wieder bekämpft werden müssen, behindern nicht nur die Vereinigung mit Gott sondern, auch das Erlangen der Vollkommenheit. Solche sind: viel Reden, unüberwundene Anhänglichkeiten etwa an eine Person, an Kleidung, Zelle Buch, bestimmte Speisen und sonstige Unterhaltungen und Gelüstlein nach Dingen, nach Wissen, Erlauschen und anderem.
42. Wenn du dich einer Sache rühmen willst, ohne dabei töricht zu erscheinen, dann entferne alles von dir, was nicht dein ist; und dessen, was dir danach verbleibt, magst du dich rühmen. Aber sei gewiß: wenn du alles von dir getan hast, was nicht dein ist, dann bist du zu einem Nichts geworden; hast du doch nichts, dessen du dich rühmen kannst, ohne in Eitelkeit zu verfallen. Was aber im besondern die Gnaden gaben betrifft, die den Menschen vor Gott angenehm machen, so kannst du dich ihrer ganz gewiß nicht rühmen, da du nicht weißt, ob sie dir verliehen wurden.
43. O wie beseligend wird deine Gegenwart für mich sein, der du das höchste Gut bist! Schweigend muß ich dir nahen mit entblößten Füßen; so mag es dir gefallen, mich dir anzuvermählen. Nicht eher werde ich frohlocken als bis dein Umfangen mich erquickt. Und jetzt bitte ich dich, Herr, daß du mich zu keiner Zeit in meiner Sammlung allein lassest; denn ich verstehe bloß, meine Seele zu zerstreuen.
44. Losgelöst vom Äußeren, enteignet dem Innern, un eigennützig im Göttlichen, so versäumt sich die Seele nicht beim Günstigen, noch wird sie vom Widrigen gehemmt.
45. Der Dämon fürchtet die mit Gott geeinte Seele nicht anders als er Gott fürchtet.
46. Das lauterste Leiden bewirkt das lauterste Wissen.
47. Die Seele, die sich Gottes volle Hingabe wünscht, sie muß sich ihm ohne Rückhalt hingeben.
48 Die Seele, die in die Liebeseinigung eingegangen ist, hat nicht einmal mehr unwillkürliche Regungen.
49. Gottes bewährte Freunde vergehen sich schwerlich gegen Gott; zu hoch sind sie entrückt über alles, was vergeht.
50. Mein Geliebter, alles Herbe und Mühselige begehre ich für mich; und alles köstlich Holde für dich.
51. Das Nötigste für unser Fortkommen ist, vor unserm großen Gott mit unsern Trieben und unserer Zunge still zusein. Die Sprache, der er am meisten lauscht, ist allein verschwiegene Liebe.
52. Mit gelöschtem Licht mußt du Gott suchen. Das Licht, das im äußeren Raum vor dem Sturz bewahrt, verhält sich umgekehrt im Bereich des Göttlichen, derart, daß die Seele sicherer geht, wenn sie nicht sieht.
53. In einer Stunde wird an göttlichen Gütern mehr eingebracht als an unsern Gütern in einem ganzen Leben.
54. Liebe es, weder von dir noch von andern anerkannt zu sein. Und niemals vermerke fremdes Wohl, fremdes Übel.
55. Geh ungesellt mit Gott. Wirke inzwischen. Verbirg die Wohltaten Gottes.
56. Bereitsein, zu verlieren und sich von allen anderen über treffen zu lassen, das ist die Weise des tapferen Gemütes, der großmütigen Brust, des freigebigen Herzens; sie wollen lieber geben als empfangen, geben bis zur Hingabe ihrer selbst.
Halten sie es doch für eine große Bürde, sich selbst zu besitzen; und lieber wollen sie andern zueigen und sich selbe entfremdet sein. Wir sind ja doch jenem unendlichen Gut mehr übereignet als uns selber.
57. Ein großes Übel ist es, mehr auf die Wohltaten Gottes zu schauen als auf Gott selber, auf Gebet und Entsagung.
58. Sieh hin auf dies unendliche Wissen, dies verborgene Geheimnis: welcher Friede, welche Liebe, welches Schweigen ist in diesem göttlichen Herzen beschlossen! Welch erhabene Wissenschaft ist es, die Gott in solcher Stille lehrt die inbrünstige Erhebung des Herzens zu Gott!
59. Das Geheimnis des Gewissens wird sehr herabgesetzt und entwertet, sooft sein Geheimnis den Menschen preisgegeben wird; dann ist die belohnende Frucht nur der vergängliche Ruhm, 1. Sprich wenig, und mische dich nicht ein, wo du nicht gefragt bist. 2. Suche stets dir Gott zu vergegenwärtigen und bewahre in dir die Reinheit, die Gott dich lehrt. 3. Entschuldige dich nicht und lehne es nicht ab, von allen zurechtgewiesen zu werden; höre mit heiterer Miene auf jeden Tadel; denke, daß es Gott ist, der ihn dir erteilt. 4. Lebe, als gäbe es in dieser Welt nur Gott und dich, damit dein Herz nicht von Menschlichem gefesselt wird. 5. Halte es für ein Erbarmen Gottes, wenn dir mitunter ein gutes Wort gesagt wird; denn du verdienst keines. 6. Vergeude niemals dein Herz, auch nicht für die Dauer eines Credo. 7. Lausche niemals auf fremde Schwachheiten; und wenn sich jemand bei dir über andere beklagt, dann gib ihm in aller Demut zu verstehen, er möge dir nichts sagen. 8. Beklage dich über niemanden und frage nach nichts; und wenn du fragen mußt, tu es in Kürze. 9. Verweigere keine Arbeit, auch wenn sie dir nicht durchführbar scheint. Sei du gegen alle nachsichtig. 10. Widersprich nicht; in keinem Fall äußere Worte, die nicht lauter sind. 11. Wenn du sprichst, dann so, daß keiner dadurch beleidigt wird, und über Dinge, deren Verbreitung du nicht bereuen mußt. 12. Verweigere nichts von dem, was dein ist, auch wenn du dessen bedürfen soll test. 13. Verschweige, was Gott dir spenden mag, und halte dir das Wort der Braut gegenwärtig: «Mein Geheimnis für mich» (Is 24, 16). 14. Suche dein Herz in Frieden zu halten; kein Geschehnis dieser Welt darf dich beunruhigen; denk, Wie alles sein Ende findet. 15. Versäume dich weder lange noch kurze Zeit mit der Frage, wer gegen dich, wer für dich sei, mühe dich immer darum, daß Gott für dich sei. Bitte ihn, daß in dir sein Wille sich vollende. Liebe ihn innig, wie er es verdient.
60. Zwölf Sterne, die zur höchsten Vollkommenheit hin weisen: Liebe zu Gott, Liebe zum Nächsten, Gehorsam, Keuschheit, Armut, eifriges Chorgebet, Buße, Demut, Selbstverleugnung, Gebet, Schweigen, Friede.
61. Niemals nimm dir als Vorbild für dein Handeln einen Menschen, so heilig er ist, der Dämon könnte dir als Vor bild dessen Unvollkommenheiten vorspiegeln. Als Vorbild nimm dir Christus, den makellos vollkommenen, den makellos heiligen, so wirst du niemals irren.
62. Sucht durch Lesung, und betrachtend werdet ihr finden. Ruft betend empor; und ihr werdet in der Beschauung Einlass finden.
63. Der verehrungswürdige selige Pater Fray Juan de la Cruz wurde eines Tages gefragt, wodurch jemand zur Verzückung gelangen könne. Er antwortete: Er muß seinen Willen verleugnen und Gottes Willen tun. Denn Ekstase ist nichts anderes als der Aufschwung der Seele über sich hinaus und hinein in Gott. Das aber tut jeder, der heiligen Gehorsam übt. Denn dieser ist Aufschwung aus sich selber und dem eigenen Belieben und schwereloses Untergehen in Gott.
WEISUNGEN DES HEILIGEN
1. Wer in lauterer Liebe für Gott wirkt, sieht es nicht darauf ab, daß die Menschen es wissen, ja, er zielt bei seinem Wir ken nicht einmal darauf, daß Gott es weiß. Auch wenn Gott niemals davon wüßte, würde er nicht davon abstehen, ihm die gleichen Dienste in froher Liebe zu erstatten.
2. Ein Rat, um die Triebe zu überwinden: Stetes Verlangen hegen, Jesus Christus nachzuahmen in all seinen Werken. Sein Leben muß man betrachten, um sich ihm angleichen zu können und sich in allen Lagen so zu verhalten, wie er es getan haben würde.
3. Um sich so anzugleichen, ist folgendes nötig: jeder An trieb, jedes Verlangen, das nicht ausschließlich auf Gottes Ehre und Verherrlichung zielt, muß aufgegeben werden. Im Leeren muß die Seele verbleiben, ihm zuliebe, der in diesem Leben nichts begehrte als den Willen seines Vaters zu erfüllen, diesen Willen, den er seine Speise nannte.
4. Zur Überwindung der vier natürlichen Leidenschaften, Lust, Traurigkeit, Furcht und Hoffnung, hilft folgendes: Suche nach Kräften nicht das Leichteste sondern das Schwierigste; nicht das Wohligste, sondern das Herbste; nicht das Lusterregende, sondern das Unlustbringende; nicht Entspannung, sondern das Mühseligste; nicht den Trost, sondern das Trostlose; nicht das Mehr, sondern das Minder; nicht das Trachten nach irgend Etwas, sondern das Trachten nach der Vernichtigung; nicht das Angenehmere der Dinge, sondern das Ärgste; Ledigkeit und Leere und Armut für Jesus Christus, Ledigkeit von allem in der Welt.
5. In Entblößtheit wirken und für andere das Gleiche wünschen.
6. Sich in seinen Worten erniedrigen und von anderen er niedrigt werden wollen.
7. Von sich gering denken und wünschen, daß auch andere so tun.
Der ehrwürdige Vater schrieb unter anderem einmal für jede der Nonnen [in Beas] einen Spruch für ihre geistige Vervollkommnung. Wohl habe ich alle genau abgeschrieben; doch hat man mir davon nur die zwei folgenden gelassen:
8. Sei starken Herzens allem gegenüber, was dich zu Din gen hinzieht, die nicht Gott sind. Und sei Freundin Christi und seiner Leiden.
9. Bereitschaft zum Gehorsam, Freude am Leiden, Kastei ung des Blickes, Unterdrückung der Neugier, Schweigen und Hoffen.
10. Halte Zunge und Gedanken straff im Zaum, hege stetig Inbrunst zu Gott, und der göttliche Geist wird dich durch glühen. Lies das viele Male.
ANDERE WEISUNGEN
1. Je mehr du dich vom Irdischen abscheidest, um so näher kommst du dem Himmlischen, und um so mehreres entdeckst du in Gott.
2. Wer allem zu ersterben weiß, der lebt auf in allem.
3. Entferne dich vom Übel, wirke das Gute, und suche den Frieden.
4. Wer sich beschwert oder murrt, ist kein Vollkommener und nicht einmal ein guter Christ.
5. Demütig ist, wer sich in seinem eigenen Nichts verbirgt und sich Gott überläßt.
6. Sanftmütig ist, wer den Nächsten und sich selber zu er tragen weiß.
7. Wenn du vollkommen sein willst, dann verkaufe deinen Willen an die Armen im Geiste und geh zu Christus mit der Bitte um Sanftmut und Demut; und folge ihm bis nach Golgatha und zum Grab.
8. Wer sein Zutrauen auf sich selber setzt, ist ärger als der Dämon.
9. Wer seinen Nächsten nicht liebt, der verabscheut Gott. 10 Wer in seinem Wirken lau ist, der ist dem Sturz nahe.
11. Wer das Gebet meidet, der meidet das Heil.
12. Besser ist es, seine Zunge zu bändigen, als bei Wasser und Brot zu fasten.
13. Besser ist es, für Gott zu leiden, als Wunder zu tun.
14. O welche Seligkeiten werden wir genießen bei der Schauung der Heiligsten Dreifaltigkeit!
GEBET HEILIGER LIEBE
Herrscher, Gott, mein Geliebter! Willst du immer noch meiner Sünden gedenken und deshalb meine Gebete nicht erhören, so geschehe, mein Gott, auch hierin dein Wille, wie ich es vor allem wünsche. Tu nach deiner Güte und Barm herzigkeit, worin du dich offenbarst. Wartest du aber auf meine Werke, um mein Flehen dank ihrer zu erhören, dann gib du mir die Werke und vollende sie in mir; und gib mir dazu die Leiden, die dir als Opfer gefallen, ja so geschehe es. Und wenn du auf meine Werke nicht wartest, worauf wartest du, allermildester Herr?! Warum säumst du? Da es Gnade und Barmherzigkeit ist, was ich in deinem Sohn von dir er flehe, so nimm aus Liebe zu ihm mein geringes Opfer an, und gib mir dieses Heil, das zu gewähren du selber begehrst.
Wer kann sich von niedrigen Weisen und Zielen befreien, wer nicht von dir, mein Gott, in reiner Liebe erhoben wird?
Wie könnte sich der Mensch, in Niedrigkeit gezeugt und aufgezogen, erheben, wenn du, Herr, ihn nicht aufhebst, mit der Hand, die ihn schuf?
Du, mein Gott, wirst nicht von mir wegnehmen, was du mir einmal in deinem eingeborenen Sohn Jesus Christus gewährtest. In ihm gabst du mir alles, was ich begehre. Froh locken will ich, denn du wirst nicht säumen, wenn ich dich hoffend erwarte. Doch, Herz, worauf wartest du? Kannst du Gott nicht sogleich Heben?
Mein sind die Himmel und mein ist die Erde. Mein sind die Völker, die Gerechten sind mein, und mein sind die Sünder. Die Engel sind mein und Gottes Mutter und alle Dinge sind mein, und Gott selber ist mein und für mich, denn Christus ist mein und für mich. Was begehrst und suchst du noch, meine Seele? Dein ist all dies, und alles ist für dich.
Nicht begnüge dich mit Geringerem; hasche nicht nach den Brosamen, die von deines Vaters Tische fallen. Auf, und frohlocke über deine Herrlichkeit, verbirg dich darin und frohlocke; und erlangen wirst du, was dein Herz erfleht. |